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| 16:06 Uhr

Hallo Nachbar: das vergessene Dorf Jeschen
Rückkehr ins Dorf der vielen Igel

Den Besuch der RUNDSCHAU nutzen der ehemalige Einwohner von Jehschen Uwe Kunze sowie Thomas Birka und der frühere Gemeindevertreter Ottmar Girke (Missen/v. l.), für einen Spaziergang durch das „vergessene Dorf“.
Den Besuch der RUNDSCHAU nutzen der ehemalige Einwohner von Jehschen Uwe Kunze sowie Thomas Birka und der frühere Gemeindevertreter Ottmar Girke (Missen/v. l.), für einen Spaziergang durch das „vergessene Dorf“. FOTO: Uwe Hegewald
Jehschen. Jehschen öffnet nachträglich noch einmal das Tor zur RUNDSCHAU-Dörfer-Serie „Hallo Nachbar“. Von Uwe Hegewald

124 Mal hat die RUNDSCHAU mit „Hallo Nachbar“ wöchentlich praktisch über die Zäune und in die Höfe in allen Dörfern im Landkreis Oberspreewald-Lausitz geschaut – aber ein Dorf vergessen. Darauf hat Uwe Kunze jetzt mit einem nachdrücklichen Augenzwinkern hingewiesen: „Ihr habt mein früheres Heimatdorf vergessen“, beanstandet er. Der Besuch folgt prompt.

Jehschen – so der Name des vergessenen Dorfes – ist ein Gemeindeteil von Missen (Stadt Vetschau), zählt 28 Einwohner, drei schulpflichtige Kinder und hat zwölf bewohnte Grundstücke, von denen drei nach der Wiedervereinigung errichtet wurden. Mit der Wende bekam das Sackgassen-Dorf an der ehemaligen Poststraße endlich auch sein langersehntes Ortseingangsschild an der Landesstraße, die Vetschau und Missen verbindet.

Seit 1986 wohnt Thomas Birka mit Ehefrau Ramona im früheren Forsthaus, dem zwischenzeitlichen Gast- und Gemeindehaus und heutigem Wohnhaus. „Unter diesem Dach gab es ständig Bewohner-Wechsel. Nicht selten wohnten hier bis zu zwölf Personen“, erzählt Thomas Birka. Mit Sohn Toni, einem gebürtigen Jehschener, seiner Nadine und Sprössling Finn hat das altehrwürdige Haus heute wieder fünf Bewohner.

Auch Uwe Kunze hat noch intensive Erinnerungen an das „erste Haus von Jehschen“, in dem sich einst die öffentliche Fernsprechstelle, also das Telefon, befand und auf dessen Dach eine Sirene angebracht war. Ob diese beim Brand auf dem eigenen Anwesen geheult hat, ist nicht überliefert. Ein Gebäudeteil brannte bis auf die Grundmauern nieder, was das Ende des Gastronomiebetriebes nach sich zog. „Wir durften uns seinerzeit die noch verwertbaren Klinkersteine für den Erweiterungsbau unseres Hauses holen. Ursprünglich diente das Gebäude einer Berliner Familie als Gartenlaube“, erinnert sich der heute in Werchow (Stadt Calau) lebende Kunze. Und auch daran kann sich der 70-Jährige noch sehr genau erinnern: „Entlang der Luckaitz, dem Alten Vetschauer Mühlenfließ, sind wir als Jugendliche mit Booten bis zu den Reptener Teichen gepaddelt.“

Ein Hauch von Emotionen schwingt bei ihm mit, als er die Heimatzeitung beim Ortsrundgang durch Jehschen begleitet. „Nach 13 Jahren ist es das erste Mal, dass ich wieder einmal meinen Geburtsort besuche“, erzählt er. Sein Elternhaus ist inzwischen einem modernen Eigenheim gewichen, das am Grundstück vorbeifließende Fließ ist auffallend ockerbraun gefärbt. „Die Luckaitz war der Grenzfluss zwischen Unter- und Oberdorf“, sagt er und führt weitere ortsspezifische Merkmale an. So habe Jehschen in früher Zeit jeweils eine Wind- und eine Wassermühle besessen und bis vor wenigen Jahren eine Blockstelle an der Bahnlinie Cottbus – Leipzig. Zumindest dort war der Name Jehschen zu lesen – von Bahnreisenden, aber auch von Leuten, die den benachbarten Bahnübergang querten. Mit dem Abriss des Block- und Bahnwärterhäuschens verschwand auch das Schild. „Ich gehe davon aus, dass sich ehemalige Mitarbeiter der Bahn das Schild vor dem endgültigen Verlust auf einem Schrottplatz gesichert haben. Sonst hätte ich versucht, es zu bekommen“, räumt Uwe Kunze ein.

Als kurioseste Begebenheit und Alleinstellungsmerkmal gilt zweifellos das Jehschener Gänse-Projekt. Mehrere Familien sind an diesem beteiligt, bei dem Hubert Girke und Martin Berg aus Missen federführend wirken. Sie sorgen dafür, dass die Gössel bestens heranwachsen. Nach Erreichen der Schlachtreife werden alle beteiligten Familien zusammengetrommelt, um die bis zu 20 Tiere zu schlachten und zu rupfen. Begleitet wird die außergewöhnliche Aktion mit „gans“ viel Geselligkeit, Deftigem aus der Gulaschkanone und der einen oder anderen Spirituose, um das plötzliche Ableben des lieben Federviehs einigermaßen erträglich zu machen.

Wie Thomas Birka informiert, ist das Jehschener Gänse-Projekt längst nicht die einzige Gemeinschaftsaktion im Dorf. Das Weihnachtsbaum-Verbrennen bei Lehmanns zählt er auf, das Entfachen eines Osterfeuers und das Maibaumaufstellen am 1. Mai. „Zum ersten Advent stellen wir im Dorfzentrum einen Weihnachtsbaum auf, läuten die Adventszeit ein und treffen uns dort auch Silvester, um mit Glühwein auf den Jahresausklang anzustoßen“, so der Bewohner des Pförtner-Hauses.

Nahezu jeder fahrende Besucher, der Jehschen ansteuert oder verlässt, muss am ersten Haus von Jehschen vorbei. Auch Ex-Gemeindevertreter Ottmar Girke, der regelmäßig von Missen kommend vorbeischaut oder die drei schulpflichtigen Kinder, die wochentags nach Missen müssen. Ein Bus befördert sie in die knapp zwei Kilometer entfernte Lindengrundschule. Das Warten an der stark frequentierten Landesstraße ist oftmals die erste Herausforderung des Tages für die Schüler. „Sie sind Wind und Wetter ausgesetzt“, bedauert Thomas Birka. Das Errichten eines schützenden Bushaltehäuschens ist im „vergessenen Dorf“  vergessen worden.