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| 17:20 Uhr

Resümee nach dem Senftenberger Theaterspektakel
Eitel Freude nach den stürmischen Zeiten

Manuel Soubeyrand, Intendant der Neuen Bühne, kann mit Fug und Recht sagen, dass er jedem der knapp 2000 Besucher persönlich zum „Herzlichen Willkommen“ die Hand geschüttelt hat.
Manuel Soubeyrand, Intendant der Neuen Bühne, kann mit Fug und Recht sagen, dass er jedem der knapp 2000 Besucher persönlich zum „Herzlichen Willkommen“ die Hand geschüttelt hat. FOTO: Peter Aswendt
Senftenberg. Das Theaterspektakel „Stürme!“ hat der Neuen Bühne Senftenberg einen erfolgreichen Spielzeitauftakt beschert. Knapp 2000 Besucher setzten hier Segel. Von Peter Aswendt

Stürmische Zeiten brachte das diesjährige Theaterspektakel der Neuen Bühne nach Senftenberg. An zehn Vorstellungen, von Ende September bis Anfang November, hieß es für die Zuschauer „Segel setzen“ – und sie taten es mit Begeisterung, wie das Fazit des Intendanten des Senftenberger Theaters, Manuel Soubeyrand, zeigt.

Als am vergangenen Samstag nun der letzte Vorhang zum diesjährigen Spektakel fiel, herrschte – trotz stürmischer Zeiten auf der Bühne – eitel Sonnenschein beim Ensemble. Knapp 2000 Zuschauer sahen das Spektakel „Stürme!“ nach William Shakespeare. Unter der Regie von Manuel Soubeyrant begeisterten unter anderem Prospero (Sebastian Volk), die Missgestalt Caliban (Roland Kurzweg) oder Spaßvogel Trinculo (Tom Bartels) das immer gut gefüllte Senftenberger Theater. „Die Freitagsvorstellung hat sogar mal den Samstag getoppt“, zeigt sich der Intendant begeistert. Aber nicht zuletzt war es die gelungene Mischung aus Event, Kunst und Publikumsnähe, die das diesjährige Spektakel zu einem „stürmischen“ Erfolg gemacht haben.

Die Idee, einen weltweit bekannten Dramatiker als Grundlage für ein Spektakel zu finden, wurde schon weit vor der aktuellen Spielzeit geboren. „Wir hatten die Gegenwart mit den 70 Jahren Neue Bühne in 2016, dann die Nibelungen mit dem Europathema 2017; nun sollte es etwas werden, was global Bestand hat, ein Weltautor sozusagen“, stellt Manuel Soubeyrand klar. „Da blieb eigentlich nur William Shakespeare“, fügt er ganz pragmatisch hinzu.

Aber welches Stück? war die große Frage. Es sollte etwas sein, was der Zuschauer als Ganzes sieht, aber trotzdem verschiedene Handlungsstränge hat, sodass etwas offen bleibt und die Neugier schürt. Gemeinsam mit der Dramaturgin Maren Simoneit kam dann die Idee von Shakespeares „Sturm“ zum Tragen. „Keiner konnte zu dem Zeitpunkt ahnen, dass wir mit der politischen Weltlage und dem extremen Klima im Jahr 2018 wirklich stürmische Zeiten erleben“, runzelt der Intendant die Stirn. Um es kurz zu machen: Heraus kam ein Shakespeare-Spektakel, fast in der Originalfassung, welches mit der Übersetzung von Christoph Martin Wieland den Schauspielern sogar noch altdeutsche grammatische Spitzfindigkeiten in den Mund legte.

„Das Spektakel muss einen Eventcharakter haben, das möchte das Publikum“, ist sich Manuel Soubeyrand sicher. In Regisseur Frank Düwel fand der Intendant einen erprobten Macher. Mit dem Prolog vor dem „Sturm“ kam es dann zum Einsatz von knapp 70 Statisten aus den verschiedenen Laienspielclubs des Theaters und natürlich vom bekannten Chor der Bergarbeiter aus Brieske, der kurzerhand zum Shantychor mutierte.

„Meine Tochter Natalie wollte unbedingt mit dabei sein, das gab noch mal einen zusätzlichen Impuls, den Kinder- und Jugendspielclub dabei zu haben“, so der Intendant. Nun fehlte nur noch das maritime Entree. „Wir können jetzt eine Werft aufmachen“, lacht der Intendant und spielt damit auf die hervorragende Arbeit seiner Werkstätten an. Tatsächlich lag im Theaterhof ein Einmaster vor Anker, an dem sich die Zuschauer in der Kunst des Segelsetzens probieren konnten. Eigens dazu wurden drei Tage vor der Premiere noch erfahrene Segler eines umliegenden Klubs zur Hilfe geholt, um das Segelsetzen fachmännisch zu überwachen.

Ohne eine ganz spezielle Besorgungsfahrt vom technischen Direktor Andreas Tonn kommt kein Spektakel aus: „Er hat die Schiffstaue aus Wismar geholt, keine Ahnung, wie er da ran gekommen ist“, staunt Manuel Soubeyrand noch immer.

Natürlich ließ es sich der Intendant auch diesmal nicht nehmen, jeden Zuschauer persönlich mit einem Getränk zu begrüßen. In zünftiges Ölzeug gekleidet, kredenzte er Tee mit Rum: „Erstaunlich, dass der Zuspruch größer war, als sonst beim Sekt. Es muss wohl an der Tradition des Bergmannsschnapses liegen“, stellt er mit einem Augenzwinkern fest.

Eine echte Hafenkneipe braucht ein Seemann, um sich wohlzufühlen: „Es war schon deftig mit Fischbrötchen und dicken Zwiebeln drauf“, sagt der Intendant lachend. „Es wurde gut angenommen und die angebotenen Austern waren das i-Tüpfelchen“, freut sich Manuel Soubeyrand. Er genießt selbst gerne diese Köstlichkeit aus den Meeren.

Dass trotz einer hervorragenden Inszenierung und talentierten Werkstattmitarbeitern der Teufel manchmal im Detail liegt, musste der Intendant auch in diesem Jahr wieder feststellen. „Wir haben einen Apfelbaum in unserem Garten, der super viele Äpfel trägt“, erzählt er. „Wir laden zum Äpfelpflücken immer Ensemblemitglieder ein“, fügt Baumbesitzer Soubeyrand hinzu. Nun kann man sich denken, dass da etwas Wesentliches passierte: Tom Bartels, der als Trinculo, junger Kapitän und Schiffspatron gleich dreifach besetzt war, verletzte sich bei der Ernte die Sehne am Fuß. „Vor meinen Augen liefen sofort die Absagen und Alternativbesetzungen ab“, stöhnt der Intendant, als er an diesen Tag zurück denkt. Mit einer Schiene ging es dann aber – unbemerkt vom Publikum – für Tom Bartels über die volle Spektakeldistanz.

Schlimmer traf es da die Vorstellung mit dem unvorhergesehenen technischen Ausfall eines Dimmerschranks. „Genau dort war aber die Beleuchtung des Schiffes auf der Hauptbühne und das Gebläse für den Stoff, der die Wellen simuliert, aufgeschaltet.“ Aber welcher ist der richtige Schrank? Die Jagd nach dem Übeltäter begann – und die Vorstellung damit gleich 20 Minuten später. „Ich habe dem Publikum das Problem erklärt und gesagt, dass sie sich beim Einsetzen der Schiffsbewegung die Wellen vorstellen müssen“, erinnert er sich. „Die Gäste haben super mitgemacht und keiner ist gegangen“, so das Fazit der kleinen Panne. Dass die Wellen dann doch noch rauschten, war unter anderem dem Azubi Matthias Zeller zu verdanken, der unter der Bühne saß und auf Stichwort ein Stromkabel zusammensteckte und wieder löste – also echte Handarbeit an der Neuen Bühne Senftenberg.

Aber das sind eben Stürme, die auch das Landestheater in Senftenberg treffen können. Das Spektakel 2018 segelte hart am Wind zu einem großen Erfolg. Denn nicht zuletzt entstehen die wahrhaft schönen Dinge erst durch Unruhe oder Verwirrung – also durch stürmische Zeiten.