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Hallo Nachbar
Das Zeilendorf am Glücks-Kleeblatt

Gerda Noack (oben links) ist seit 1972 Mitglied im Kittlitzer Chormix und die gute Seele von Eisdorf. Dort wird jeden Winter auch zünftig durch die Lindenstraße gezampert (Mitte), auf der es momentan ruhig zugeht. Grund sind Sanierungsarbeiten an der Brücke (l.), die über die Autobahn führt.
Gerda Noack (oben links) ist seit 1972 Mitglied im Kittlitzer Chormix und die gute Seele von Eisdorf. Dort wird jeden Winter auch zünftig durch die Lindenstraße gezampert (Mitte), auf der es momentan ruhig zugeht. Grund sind Sanierungsarbeiten an der Brücke (l.), die über die Autobahn führt. FOTO: Uwe Hegewald / Hegewald Uwe
Eisdorf. Der Oberspreewald-Lausitz-Kreis umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Station heute: Eisdorf Von Uwe Hegewald

Glück hat bekanntlich viele Gesichter. Gerda Noack bezeichnet sich selbst als glückliche Person. Die Seniorin genießt es, Kinder und Enkel um sich zu haben, ihnen beim Gestalten des gemeinsamen Wohngrundstückes zuzusehen und sich innerhalb ihrer Möglichkeiten einzubringen. „1927 haben meine Eltern das Haus erbaut, zehn Jahre später bin ich darin geboren“, erzählt die rastlose Seniorin. „Sie ist die heimliche Bürgermeisterin von Eisdorf.

Wenn ich irgendwelche Informationen zur Dorfgeschichte benötige, gehe ich zu ihr“, sagt Volkmar Schloßhauer. Seit dem Jahr 2015 leitet er als Ortsvorsteher die Geschicke des Dorf-Kleeblattes Kittlitz, Schönfeld, Lichtenau und Eisdorf, die 2003 als Ortsteile nach Lübbenau eingemeindet wurden. Vor 50 Jahren war bereits die Eingemeindung von Eisdorf nach Kittlitz erfolgt. „Das wäre eigentlich ein Grund zum Feiern“, stellt Gerda Noack mit einem Augenzwinkern fest. Es sei nur klarzustellen, wer letztendlich wem einen auszugeben habe.

Die 80-Jährige schwört auf das Miteinander des Dörfer-Quartetts. „Die Chemie stimmt. Viele Dinge unternehmen wir gemeinsam.“ Kittlitzer Chormix, freiwillige Feuerwehr und Landfrauen-Vereinigung bilden den Kitt für den Zusammenhalt. Ein Jahr nach der Gründung des gemischten Chores (1971) heuerte Gerda Noack bei der Sängerschaft an und ist dieser bis heute treu geblieben.

Volkmar Schloßhauer, selbst Mitglied im Chor, betont, dass dieser wie auch die Feuerwehr und die Landfrauen das Kulturleben in der Dörfer-Gemeinschaft darstellen. Bei den Landfrauen, die sich aus der früheren Volkssolidarität Calau entwickelt haben, werden Vorträge organisiert und Busausflüge, wie kürzlich ins Dörfchen Naundorf im Elbe-Elster-Kreis; inklusive Mittagessen in Luckau, Eis schlemmen, Kaffeetafel und Besuch des skurrilen Schlosses Lilliput.

So schrill und bunt wie in dem Haus nach Hundertwasser-Vorbild geht es in Eisdorf nur beim jährlichen Zampern zu. Per Zamper-Express geht es durch alle vier Dörfer. Bisher blieben so manche fußlahmen  Zamperleute nach dem Zug durch Eisdorf zum Austreiben der Wintergeister bei den Noacks hängen. Bis heute wird über die Gründe gerätselt: Ist es die Gastfreundlichkeit der Familie? Ist es der Standort des Grundstücks am Dorfausgang, der es ermöglicht, Rückkehrer aus den anderen Dörfern abzufangen? Oder liegt es an der Lage auf dem Berg, der den Heimweg nach Genuss von spirituosen Getränken einigermaßen erträglich macht?

Eisdorf ist ein charakteristisches Zeilendorf, dessen Zeile sich seit Mitte der 1990er-Jahre nahezu verdoppelt hat. Entlang der Lindenstraße wurden schmucke Eigenheime errichtet und somit ein Zusammenwachsen des Dorfkernes mit den damals noch außerhalb wohnenden Noacks ermöglicht. „Wir haben das nur für diese Familie gemacht“, scherzt Volkmar Schloßhauer, selbst einer der Baulöwen der Nachwendezeit.

Stolz klingt in seinen Worten mit, wenn er von den 19 Kindern und Jugendlichen berichtet, die heute im Dorf leben. Mit Unverständnis reagiert der Ortsvorsteher auf das Scheitern, in Eisdorf eine Kindertagesstätte zu etablieren. Nach vier Jahre zähen Kampfes mit Entscheidungsträgern der Kernstadt Lübbe­nau, hatte die Familie Peters das Handtuch geworfen. „Die Einrichtung war von einigen Politikern und Stadtverordneten einfach nicht gewollt“, stellt Volkmar Schloßhauer dazu fest.

Mit Katrin Noack gibt es zumindest eine Tagesmutter im Ort, der ansonsten  weder über Kirche, Konsum oder Kneipe verfügt. „Das ehemalige Gasthaus Horn ist schon vor Jahrzehnten zum Wohnhaus umfunktioniert worden“, erzählt Gerda Noack weiter. Erinnerungen sind geblieben – an Kirmes, Fastnacht, Maskenball und zünftige Männer-Skatabende.

Heute finden Geselligkeiten und Chorproben im Gemeinderaum der Kittlitzer Kirchengemeinde statt und einmal jährlich auch an der frischen Luft. Wie die Grande Dame berichtet, wird im Spätsommer zum „Kirchengottesdienst im Freien“ mit anschließendem Mittagstisch geladen. Serviert wird das Lausitzer Nationalgericht Pellkartoffeln mit Quark und Leinöl, bei Bedarf auch mit mariniertem Hering, Butter oder Gurkensalat. Die erntefrischen Kartoffeln kommen selbstverständlich ebenfalls aus Eisdorf. Reinhard Vonau, Landwirt im Nebenerwerb, steuert die schmackhaften Knollen bei.

Apropos steuern: Für Kraftfahrer bildet Eisdorf seit mehreren Monaten eine Sackgasse. Grund ist die Sanierung der Autobahnbrücke in der Fahrtrichtung Beuchow. Noch in diesem Herbst soll die Freigabe erfolgen, was Anwohner der Lindenstraße mit freudigem aber auch mit weinenden Augen erwarten. Denn mit der Ruhe ist es dann wieder vorbei, zumal sich nur wenige Verkehrsteilnehmer an das vorgeschriebene Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde halten, wie die Eisdorfer immer wieder festgestellt haben.

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3010_eisdorf FOTO: Katrin Janetzko / LR