Dieser 2. Dezember vor zwei Jahren hat sich ins Gedächtnis der jungen Frau eingebrannt. Mit einer Überweisung ihrer Frauenärztin in der Tasche hatte sie sich mit ihrem Lebenspartner auf den Weg gemacht zu einem Spezialisten nach Dresden. Doreen Hartelt war damals hochschwanger in der 35. Woche.

An diesem Dezembertag erlebte sie den Albtraum ihres Lebens, der sie bis heute begleitet und schmerzlicher Teil ihres Lebens geworden ist. "Sehen sie selbst, da ist nichts mehr!" Die gefühlslosen Worte des Arztes wird sie nie vergessen. Und auch nicht ihren Schockzustand, als sie wenige Augenblicke später entscheiden sollte, was sie jetzt macht. Ein Trauma für die damals 34-Jährige. "Am schlimmsten habe ich die Menschen um mich empfunden, die mit der Situation einfach nicht umgehen konnten, obwohl es doch zu ihrem Beruf gehört", sagt sie leise.

Doreen Hartelt bleib damals in Dresden und brachte auf einer Geburtenstation ihrer Wahl ihre Angelina auf die Welt. "Die beiden Hebammen hatten Tränen in den Augen", erinnert sie sich. Nach Hause zu kommen mit leeren Händen, war für die Justizangestellte das Furchtbarste. Daheim in Senftenberg blickte sie ins leere Bettchen und in den Schrank voller Babysachen für die sehnlichst erwartete Tochter.

"Ich habe stundenlang gelegen und an die Wand gestarrt", beschreibt sie die unendliche Leere, die sie spürte.

Die Menschen um sie herum reagierten unterschiedlich auf ihre tiefe Trauer. Einige ignorierten sie schlichtweg. Von anderen bekam sie solche Sprüche zu hören, wie "Du hast doch zwei gesunde Kinder" oder "Stell dir vor, du musst mit einem behinderten Kind leben." Doreen Hartelt ist froh, damals über Umwege zum Hospizdienst des Landkreises Oberspreewald-Lausitz gefunden zu haben. In dem Verein begegneten der jungen Frau Menschen wie Rosel Klepel, die zuhörten, sie nicht wie Luft behandelten und ihr Problem ernst nahmen. "Das Gefühl zu haben, da ist jemand, der zuhört, ist schon Hilfe genug", ist sie noch heute dankbar für die Unterstützung.

Der Schwester von Doreen Hartelt fiel bei einem Friedhofsbesuch in Brieske zufällig das besondere Grab für die Sternenkinder auf. Babys, die das Ende der Schwangerschaft nicht erleben, finden dort ihre letzte Ruhestätte. Mehr als 50 tot geborene Kinder sind auf der Gemeinschaftsgrabstelle in Brieske beigesetzt.

Doreen Hartelt kann an der von vier Ahornbäumen eingegrenzten Grabstätte ihrer Angelina ganz nah sein. Zur Erinnerung hat sie einen Stein in Sternform niedergelegt, über den sie bei jedem Besuch liebevoll streicht. Über die Sternenkinder ist symbolisch ein schützender Regenbogen gespannt, ein Entwurf von Architekturstudenten der Hochschule Lausitz. "Er verbindet die Eltern auf der Erde mit ihren Kindern im Himmel", erklärt die Koordinatorin des Hospizdienstes, Rosel Klepel. Eltern, die einen solchen Schicksalsschlag erlitten haben, einen Ort des Trauerns und des Nicht-Vergessen-Werdens zu geben, hält die 62-Jährige für sehr wichtig. Sie war es auch, die das Projekt auf Anregung vieler Hospizhelfer vor vier Jahren ins Rollen brachte. Wussten anfangs viele verwaiste Eltern nicht, dass es das Sternenkindergrab überhauupt gibt, hat sich das mittlerweile geändert. Der besondere Erinnerungsort wird von immer mehr Eltern als letzte Ruhestätte für ihre Kinder gewählt. Die Hinterbliebenen kommen bis aus Spremberg, Cottbus, Dresden, Guben, Vetschau und Wittichenau nach Brieske zur Beisetzung. Die Grabstelle schmücken sie mit Herzen, Schmetterlingen, Sternen, Stofftieren, Windmühlen und Selbstgebasteltem. "Für die Eltern ist das ganz wichtig", unterstreicht Rosel Klepel. "Sie haben mit ihrem Kind ihre Träume und Hoffnungen verloren. Diese Trauer bleibt für den Rest des Lebens."

Für Doreen Hartelt ist das Sternenkindergrab ein Rückzugsort, an dem sie sich fallenlassen kann. Dort kann sie die Trauer, die immer in ihr ist, ausleben. Bei der Beisetzung am Sonnabend war sie dabei. Für sie ist es inzwischen ein Ritual, das ihr wichtig ist, obwohl der eigene Verlust zwei Jahre zurückliegt.

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Zum ThemaSternenkinder sind totgeborene Babys unter 500 Gramm Geburtsgewicht. Sie haben nach deutschem Bestattungsgesetz keinen Namen und keine Sterbebescheinigung und können somit nicht beigesetzt werden. Träger des Sternenkindergrabes auf dem Friedhof in Brieske ist der Hospizdienst des Landkreises, der Gemeindekirchenrat und die Pfarrerin Angelika Scholte-Reh. Das Bestattungshaus Christa Mehl aus Lauchhammer ist Hauptsponsor.Trauerfeiern und Beisetzungen erfolgen zweimal jährlich am letzten Sonnabend im Juni sowie am zweiten Sonnabend im Dezember. Spendenkonto für die Pflege und Erhaltung der Grabstätte bei der Sparkasse Niederlausitz, Konto: 30 100 18 303