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Seehotel
Eine Erfolgsgeschichte in Weiß

Das lange Warten auf den See für sein Seehotel hat vielleicht noch in diesem Jahr ein Ende. Das Flutungsfinale ist eingeläutet, das Wasser steigt rasant. Bei der Hoteleinweihung vor zehn Jahren hat Gerold Schellstede nur eine kleine Pfütze in der Ferne schimmern sehen.
Das lange Warten auf den See für sein Seehotel hat vielleicht noch in diesem Jahr ein Ende. Das Flutungsfinale ist eingeläutet, das Wasser steigt rasant. Bei der Hoteleinweihung vor zehn Jahren hat Gerold Schellstede nur eine kleine Pfütze in der Ferne schimmern sehen. FOTO: Steffen Rasche/str1
Großräschen. Nach zehn trockenen Jahren bekommt das Seehotel von Gerold Schellstede in Großräschen jetzt den See. Das Haus hat mit knapp 70 Prozent schon jetzt eine der höchsten Auslastungsquoten in Südbrandenburg. Andrea Budich

An den See geglaubt hat Gerold Schellstede (78) schon immer. Auch damals schon, als nicht wenige den Mann aus dem Westen für verrückt erklärten, der nur wenige Schritte von der früheren Tagebaukante entfernt ein schneeweißes Seehotel auf dem Trockenen erbauen ließ. Der See war damals nicht mehr als eine Pfütze. Und das 1926 für ledige Ingenieure von der damaligen Ilse Bergbau AG errichtete Wohnheim eine Ruine, die keiner haben wollte. Große Reiseveranstalter haben durch die Bank abgewunken. Wenn der See irgendwann einmal voll sei, dann würden sie vielleicht darüber nachdenken.

Weil Gerold Schellstede einer ist, der der Zeit immer ein kleines Stück voraus ist und unruhig wird, wenn er nichts zu tun hat, hat er schon damals darüber nachgedacht. Sein Freund und Steuerberater schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und rät ganz klar ab vom riskanten Hotel-Projekt. Er fragt, ob sich Schellstede das in seinem Alter noch antun will. Schell stede will und beißt an.

Denn nichts anpacken, das geht bei dem Kaufmann, der vor 26 Jahren aus dem Norddeutschen als Aufbauhelfer nach Großräschen kam, überhaupt nicht. Wo Schell stede ist, da bewegt sich was. Genau genommen wollte er für ein halbes Jahr bleiben und dann wieder den Abflug machen. Geblieben ist er bis heute. Aus dem Niedersachsen ist längst ein waschechter Lausitzer geworden. Er hat Pionierarbeit geleistet und wird dafür von den Großräschenern verehrt. Möbelhaus, Seehotel, Bahnhof, Markt-Café, Innovationspreis, großzügiger Förderer der Tafel und von Kinder- und Jugendprojekten.

Was dem Mann mit dem schlohweißen Haar aber am höchsten angerechnet wird in der Stadt, ist, dass er nicht wieder in den Westen gegangen ist, als das Möbelhaus gut lief. Die Großräschener haben ihn zu ihrem Ehrenbürger gemacht, später kamen das Verdienstkreuz des Landes Brandenburg und das Bundesverdienstkreuz dazu.

Viel zu unruhig war er gewesen, wie er selbst sagt, als es um das Ledigenwohnheim ging. Dabei war der erste Eindruck von seiner neuen Immobilie ziemlich ernüchternd. Als er sie zum ersten Mal betrat, da flatterten die Vögel erschrocken auf und füchteten durch die Dachbalken. "Ich hatte freien Blick vom Erdgeschoss bis in den Himmel", erinnert er sich. Da konnte er sich aber dem Reiz schon längst nicht mehr entziehen, direkt an die alte Kohlegrube, wo er die letzten Züge noch ein- und ausfahren sehen hat, ein Seehotel zu bauen.

Für eine knappe halbe Million Euro kauft er der Stadt die Ruine ab. Mit weiteren Millionen, die genau Summe nennt er nicht, lässt er den herrschaftlichen Glanz des unter Denkmalschutz stehenden Hauses wieder aufblühen. Die Eingangstür bleibt im Original erhalten. Für die Form der historischen Holzfenster hat die Tischlerei sogar extra eine Maschine gebaut. Alter Stuck wird freigelegt, Wände werden eingerissen, die geräumigen Zimmer klassisch bis mediterran eingerichtet. Der Visionär schenkt dem ehemaligen Kohlestädtchen ein weißes Schloss mit Ostsee-Charme.

Dass sich Gerold Schellstede nicht ins Ungewisse gestürzt hat, steht schon nach den ersten beiden Jahren nach der Eröffnung des Seehotels am 24. August 2007 fest. Mit seiner Überzeugung, dass die Zukunft der Lausitz am Wasser liegt, trifft er ins Schwarze. Das Vier-Sterne-Haus mit 40 Zimmern schreibt schnell schwarze Zahlen - auch ohne See. Also baut er zwei Jahre nach der Hoteleröffnung die Gästevilla "Victoria" dazu. Seine nunmehr 60 Zimmer und 120 Betten sind übers ganze Jahr gut gebucht. In den Sommermonaten bekommen Kurzentschlossene kein freies Bett mehr. Mit knapp unter 70 Prozent gehört das Seehotel zu den Häusern mit der besten Auslastung in ganz Südbrandenburg.

Das hat sich inzwischen auch bei den großen Hotelkonzernen rumgesprochen. "Zwei stehen bei mir auf der Matte", bestätigt Gerold Schellstede leicht amüsiert. Vor zehn Jahren hatten alle abgewunken und keinen Cent auf eine Zukunft in Großräschen gesetzt. Heute wird er gefragt, zu welchen Konditionen er verkaufen will.

Ob er das will, weiß er noch nicht. An einen Konzern auf jeden Fall nicht. Wenn überhaupt, dann in Privathand. Von seinen fünf Kindern will keines das Seehotel übernehmen, nicht einmal zum Nulltarif. Alle sind beruflich gut versorgt. Einen Rückzieher gemacht hat auch die Tochter mit dem Touristikstudium und der Hotellerie-Erfahrung. Bis zu seinem 80. Geburtstag will Gerold Schellstede die Sache aber geregelt haben.

Gut vier Meter muss das Wasser noch steigen, dann hat das Seehotel tatsächlich seinen See. Die steigende glitzernde Wasserfläche wird regelmäßig morgens vom Hotelchef inspiziert. Er hat dafür seine festen Markierungspunkte. "Jetzt kann man See dazu sagen", zeigt er sich mit dem, was er sieht, schon sehr zufrieden. Neuerdings wird er morgens um 5 Uhr von schreienden Möwen geweckt. Allein dafür habe es sich gelohnt, dass er sich vor zehn Jahren soviel traute. Ein Abenteuer war es trotzdem nicht. "Ich mache mir schon Gedanken, bevor ich in die Tüte greife."