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| 02:47 Uhr

Ein Verhandlungstag mit Erinnerungslücken

Landgericht Cottbus
Landgericht Cottbus FOTO: Jan Augustin (LR-LBN-RED-101)
Cottbus/Lauchhammer. Die Hüter von Recht und Gesetz sind am zweiten Verhandlungstag im Berufungsverfahren gegen den Revierpolizisten Wolfgang S.* aus Lauchhammer im Gerichtssaal fast unter sich. Kollegen und Vorgesetzte des Ordnungshüters, dem der Verrat einer Razzia in einem Drücker-Lager vorgeworfen wird, sagen aus – teilweise mit beträchtlichen Erinnerungslücken. Kathleen Weser

Es geht um den 6. Mai 2009: Zollfahnder haben für diesen Tag die Durchsuchung einer Drückerkolonne mit mehreren Standorten in Deutschland akribisch vorbereitet. Auch für das Baracken-Lager in Lauchhammer-Süd, in dem Werber und Firmen-Inhaber campierten. Bereits Mitte April waren auf dem Dienstweg zusätzliche Polizeikräfte des Wachbereiches Lauchhammer angefordert worden, um die Razzia abzusichern. Am Vortrag des Zugriffes hat der Leiter der Wache die ausgewählten Revierpolizisten eine Stunde früher in den Feierabend entlassen und sie für Punkt 4 Uhr am nächsten Morgen zum Einsatz bestellt. Ohne diesen Einsatz auch nur ansatzweise zu beschreiben, betont Bert S.*. Nur er als Chef habe somit vom Zielobjekt der Durchsuchung Kenntnis gehabt, jedoch nichts an die Polizisten weitergegeben. Das sei gängige Praxis. In den Einsatz eingewiesen worden seien die Auserwählten erst am frühen Morgen des Tages der Razzia. Und die sei aus seiner Sicht auch normal verlaufen und erfolgreich gewesen. Die Drücker seien überrascht gewesen von der plötzlichen Präsenz der Fahnder. Und 20 bis 30 Anzeigen seien seiner Erinnerung zufolge auch sofort gefertigt worden.

In wichtigen Details der Vorgeschichte lässt das Gedächtnis den ehemaligen Wachleiter in Lauchhammer, der inzwischen im Raum Calau tätig ist, aber im Stich. Denn an einen deutlichen Hinweis des Diensthabenden der Nachtschicht erinnert sich Bert S. nicht. Der Polizist Matthias F.* aber sagt aus: Eine polizeilich einschlägig bekannte und "stark alkoholisierte Frau" aus Lauchhammer hat "kurz vor Mitternacht" in der Wache angerufen, um von der Polizei nach Hause kutschiert zu werden. Er habe dies generell strikt abgelehnt und nebenbei verbal fallen lassen, dass auch kein Fahrzeug da sei. Daraufhin habe die Frau ihn belehrt, dass ja um 4 Uhr die Revierpolizisten zum Einsatz kämen. "Ich wusste nichts davon, sie schon", bestätigt Matthias F. vor Gericht. Und dies habe er dem Wachleiter bei dessen Eintreffen zum Dienst am Tag der Razzia auch mitgeteilt. Dieser habe sofort Wolfgang S. verdächtigt.

Nach Aussagen von Polizisten aus dem Revier- und Wachbereich sei der Wachleiter später erzürnt in das Dienstzimmer der Revierpolizisten gestürmt und habe konkret gefragt, woher die Frau vom Einsatz wusste. Kleinlaut habe sich Wolfgang S. gemeldet. An die darauf folgende Drohung des Wachleiters gegenüber dem Angeklagten, die Mitarbeiter vor Gericht zitieren, erinnert sich der Chef der Polizeiwache selbst auch auf Nachfrage nicht. Mehreren Zeugen zufolge soll Bert S. ungehalten und lautstark zu Wolfgang S. gesagt haben: Wenn die Durchsuchung schief gehe, könne er sich frisch machen. Nach Angaben der Polizisten, die ausdrücklich keine direkten Kollegen des Angeklagten waren oder noch sind, war die Razzia höchst erfolglos. Das habe danach auch der Wachleiter gegenüber Kollegen geäußert und dies an Wolfgang S. festgemacht. Drücker hatten aussagenden Polizisten zufolge vor Ort höhnisch erklärt, es brauche gar nicht gesucht werden, der Besuch sei angekündigt.

Konsequenzen hatte das in der Polizeiwache Lauchhammer zunächst nicht. Bis auf den gewöhnlichen Tratsch unter Kollegen sei der Einsatz nie ausgewertet und besprochen worden. Bis die Ermittler Wolfgang S. ins Visier nahmen.

*Namen geändert

Der Prozess wird fortgesetzt.

Zum Thema:
Die Ermittlungen zum Mord an dem Polizisten Steffen Meyer aus Lauchhammer aus dem Jahr 2009, der noch immer nicht aufgeklärt ist, haben eine mutmaßlich verratene Razzia gegen eine Drückerkolonne in Lauchhammer-Süd in neuem Licht erscheinen lassen. Nachdem wegen der erfolglosen Durchsuchung des Barackenlagers der Drücker im Mai 2009 seit September zunächst gegen unbekannt ermittelt worden war, ist der Revierpolizist Wolfgang S.* nach dem Tötungsverbrechen an Hauptkommissar Steffen Meyer im November des Jahres als Tippgeber an die Drücker in den Focus gerückt. Im Prozess vor dem Amtsgericht Senftenberg ist Wolfgang S. im Jahr 2013 freigesprochen worden. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Cottbus wird der Fall derzeit in der Berufungsinstanz am Landgericht Cottbus neu aufgerollt.