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Närrisches Urgestein
Ein Leben für den Annahütter Karneval

Seit er denken kann, ist Horst Pawlik Karnevalist in Annahütte.
Seit er denken kann, ist Horst Pawlik Karnevalist in Annahütte. FOTO: Steffen Rasche
Annahütte. . Prinz, Präsident und heute längst ein Urgestein: Von Kindesbeinen an ist Horst Pawlik im Karnevalsclub seines Heimatortes aktiv. Von Torsten Richter-Zippack

„Ich habe gezittert. Ich habe gebangt. Ich habe gekämpft. Und letztendlich gewonnen.“ Alles, so Horst Pawlik, habe er dafür gegeben, um beim jüngsten Annahütter Karnevalsumzug dabei zu sein. Zwar nicht mehr standesgemäß auf der „Bürgermeister-Kutsche“, dafür aber auf dem Hänger des Elferrates, dem der Ortsvorsteher angehört. Erhebliche gesundheitliche Probleme, unter anderem ein Krankenhausaufenthalt, hatten Horst Pawlik massiv die Hände gebunden. Doch ein Umzug ohne ihn? „Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe doch schon mit drei Jahren im Kinderwagen meine Karnevalspremiere erlebt“, erinnert sich der heute 71-Jährige. Das war anno 1950. Nur 48 Monate zuvor hatte die Geburtsstunde des Karnevalsclubs Annahütte (KCA) geschlagen. Damals hatten sich „elf unverwüstliche Optimisten“, so steht es in der Vereinschronik, zusammengefunden, um einen Karneval inklusive Umzug auf die Beine zu stellen. „Als ich im Jahr 1953 eingeschult wurde, war ich bereits in den Verein integriert“, sagt Pawlik. Schon im Kindergarten habe seine Erzieherin Asta von Morstein seine karnevalistische Ader bemerkt und gefördert. Beispielsweise mittels eines großen, grauen „Opa-Hutes“, den die Pä­dagogin ihrem Schützling aufsetzte. Als „Tante Asta“, wie Pawlik seine Mentorin mit kindlich-karnevalistischer Leichtigkeit nannte, wollte sich diese allerdings nicht bezeichnen lassen: „Für dich immer noch Frau von Morstein.“

Der Karneval für die Kleinen fand zu jener Zeit  direkt im Kindergarten neben der Schule statt. „Der Direktor des Annahütter Glaswerkes brachte Malzbier mit, ebenso die legendären Affenbecher“, erzählt Horst Pawlik. Affenbecher deswegen, weil die im eigenen Betrieb hergestellten Gefäße mit verschiedenen Tieren, beispielsweise Affen, verziert waren.

Erstmals als Karnevalist im Umzug dabei war Pawlik um das Jahr 1960. „Mit meinem Kumpel Manfred Meißner schlüpften wir in die Rolle der Prinzengarde.“ Die Kostüme besorgte wiederum Asta von Morstein. Sie war die Kostümchefin im KCA. Die goldenen Jahre des Annahütter Karnevals begannen indes 1956. Damals kam original kölnisches Blut ausgerechnet in die Glasarbeitergemeinde. Josef Jupp Neu war nicht nur Horst Pawliks Sport- und Werkenlehrer, sondern ebenso begeisterter Karnevalist. „Der Herr Neu lud sich manchmal zu uns nach Hause zu den Schlachtefesten ein“, erinnert sich Horst Pawlik schmunzelnd. Daraus sei ein fruchtbares Geben und Nehmen entstanden. Beispielsweise ein paar kulinarische Delikatessen gegen die Zusage, in die Rolle des Prinzen zu schlüpfen. Zudem, so berichtet Pawlik, sei es Josef Jupp Neu gewesen, der damals den noch heute gültigen KCA-Schlachtruf „Annahütte total verrückt!“ kreierte.

Besonders stolz ist Horst Pawlik, dass er beim Annahütter Karneval alle möglichen Stationen durchlaufen hat. Prinzengarde, Jugendleiter, Prinz, Präsident und Organisationsleiter sind nur einige Funktionen, die der gelernte Industrie-Isolierer ausübte. „Ich habe also alles von der Pike auf gelernt und mich nicht ins gemachte Nest gesetzt“, lautet Pawliks Kommentar.

Doch nicht immer war alles eitel Sonnenschein. So wurde Horst Pawlik in den 1980er-Jahren von der Polizei vor die Wahl gestellt, entweder 750 Mark Strafe zu zahlen oder aber 14 Tage in den Bau zu gehen. Was war passiert? „Wir hatten zu viele Leute ins Clubhaus, unsere Karnevalshochburg, hineingelassen. Dort passen nur 800 Menschen hinein, tatsächlich waren aber mehr als 1000 drin“, berichtet der Annahütter. Im Nachhinein resümiert Horst Pawlik, dass es in der Tat hätte schief gehen können, wäre es zu einer Havarie gekommen. Übrigens: Die 750-Mark-Strafe sei aus der Vereinskasse beglichen worden.

Heute kommen im Schnitt noch 300 Menschen zu den Karnevalsveranstaltungen ins Annahütter Clubhaus. Obwohl es nach der politischen Wende nicht unerhebliche Einbrüche gab, etablierte sich auch Neues. Beispielsweise die schmucke Funkengarde. Über 100 Kinder und Jugendliche gehören aktuell dem Verein an, insgesamt zählt der KCA um die 150 Mitglieder.

Heute ist nun Rosenmontag. Klar, dass Horst Pawlik beim Seniorenkarneval zugegen sein wird. Schließlich ist es sein Baby. „Diese Veranstaltung habe ich mit Unterstützung des Schipkauer Bürgermeisters Klaus Prietzel vor drei Jahren wiederbelebt“, erinnert sich Pawlik, der gleichzeitig seit dem Jahr 1994 an der politischen Spitze von Annahütte steht. 150 betagte Gäste kommen im Schnitt zum Seniorenkarneval. Die Anreise erfolgt mittels Transferbussen. „Die habe ich wieder bestellt“, erklärt Pawlik schmunzelnd. Der Karnevalsmensch kann es eben nicht lassen, obwohl er erklärt hat, kürzer treten zu wollen. Und wenn es seine Gesundheit zulässt, wolle Pawlik beim Umzug anno 2019 wieder mit von der Partie sein. „Dann aber nur als Gast“, kündigt er augenzwinkernd an.