ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:01 Uhr

Ein Historiker ohne Abitur

Großräschen.. Ohne Zeit läuft bei Fritz Bönisch nichts. Wer keine hat, braucht sich auf der Couch des gesprächigen Weißhauptes aus Großräschen gar nicht erst niederzulassen. Wenn der 81-Jährige erzählt, prescht der Zeiger der Wanduhr um seine Runden. Stunden sind kürzer, wenn es um Jahrhunderte geht. Der Historiker hat so viel Geschichte aufgeschrieben, dass es für ein ganzes Regal reicht. Von Dörthe Hückel-Krause

Über seine Herzensangelegenheit kann Fritz Bönisch nicht aus dem Stehgreif plaudern. Bestens gewappnet - schwarz auf weiß - hat er vergilbte Hefte, Hochglanzbroschüren und dicke Wälzer auf dem Wohnzimmertisch gestapelt. In den nächsten drei Stunden wird der hochgewachsene Senior immer wieder aufspringen, trotz lädierten Knies, noch mehr Bücher aus dem Schrank greifen, alte Landkarten aus der Schublade ziehen. Bis Tisch und Sitzmöbel am Ende fast zusammenbrechen und selbst der Hausherr den Überblick verloren hat.
Seit der Heimatkunde-Lehrer den kleinen Fritz für Geografie und Jahreszahlen entflammt hat, ist der Großräschener süchtig nach Geschichte. „Daten konnte ich mir immer spielend merken.“ An nichts konnte sich der junge Tischlersohn so sehr berauschen wie an antiquarischen Kartenwerken und verstaubten Kirchenbüchern.
Ein Glück für die anderen: Ohne ihn wäre die Historie von Großräschen weiß befleckt, und die der gesamten Niederlausitz. Selbst Stadt- und Kreiswappen hat der Geschichtsfachmann entworfen. Für seine Unermüdlichkeit wurde er vor neun Jahren zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt berufen.
150 Texte hat Bönisch seit den 50er-Jahren veröffentlicht, Aufsätze und Artikel in Fachzeitschriften verfasst, wo sonst nur Promovierte zu Wort kommen. Fritz Bönisch hat noch nicht mal Abitur. „Nach der Schule musste ich bei meinem Vater in die Tischlerlehre gehen, nach dem Krieg habe ich die Werkstatt übernommen.“
Feierabende und Wochenenden recherchierte der Vater zweier Söhne in den großen Archiven in Potsdam und Dresden. Mit Engelsgeduld maß er Jahrhunderte alte Flurkarten auf den Millimeter aus, verglich, rechnete. „Vermessungstechniken, die alten Maße, das habe ich mir alles selbst beigebracht.“ Schon lange respektieren ihn die Fachleute auch ohne Studienabschluss, sagt er. Ganz stolz. Ihn, den Tischlermeister aus Großräschen.
Werkstatt, Hobby und Familie - das ging nur zusammen, weil seine Frau den Fanatismus der Historiker zu gut kannte: Sie war die Tochter des Landeshistorikers Dr. Rudolf Lehmann.
Wer Geschichte machen will, muss vor allem eins haben, so Fritz Bönisch: Biss, bis zum bitteren Ende, nicht nur bis zur ersten Antwort. „Auf jede Frage, die man löst, folgen mindestens drei neue.“ Und so kam eins zum anderen, von der Kartografie bis zu den untergegangenen Niederlausitzer Dörfern, von den Großräschener Hofnamen bis zur Abhandlung über den Altdöberner Tiergarten. „Ich wollte immer alles genauer wissen.“ Die Messlatte hat er ganz oben angelegt. Nicht nur für sich. „Fehler in historischen Werken regen mich maßlos auf.“ Seine Verrisse von Kollegen-Schriften sind gefürchtet. Nicht nur penibel, auch eitel ist er. Lange hat er's den Großräschenern übel genommen, dass sie das neue Bürgerzentrum partout Kurmärker nennen wollten - wo er doch belegt hatte, dass dieser Name einst in Anbiederung an die Nazi-Herrschaft gegeben wurde.
Ein halbes Jahrtausend Geschichte des Krug-Gutes, heute gegen seinen Willen doch Kurmärker, will der wissbegierige Senior als nächstes vollenden. Auch wenn ihm die Forscherei nicht mehr so leicht fällt. Lassen will er's noch lange nicht: In der Schublade schlummern noch diverse Anfänge für neue Arbeiten.