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| 02:34 Uhr

Ein Gefühl für Schuhe und Blumen

João Segurado und Sarah Dambeck lieben die Orgel im Konservatorium – nicht nur, weil es in Kirchen oft kalt ist.
João Segurado und Sarah Dambeck lieben die Orgel im Konservatorium – nicht nur, weil es in Kirchen oft kalt ist. FOTO: Annett Igel-Allzeit
Cottbus. Die sanierte Sauer-Orgel im Cottbuser Konservatorium darf wieder voll klingen. João Segurado zieht seit Oktober als neuer Orgellehrer im Konzertsaal alle 29 Register – und sucht mit seinen Schülern auch mal ein gutes Paar Schuhe aus. Annett Igel-Allzeit

Merkt er es? Sarah Dambeck schmunzelt. Klar, er schaut sofort auf die Füße der 16-Jährigen. Sie hat neue Orgelschuhe. João Segurado nimmt einen Schuh in die Hand: Schmal und leicht, nur die dünne Sohle könnte noch flexibler sein. "Ich bin nicht die Größte", seufzt Sarah, "um mit der Hacke spielen zu können und das Legato besser hinzubekommen, war auch der kleine Absatz wichtig", sagt sie, schlüpft wieder in den Schuh und kurbelt den Sitz in die richtige Höhe.

João Segurado spielt Klavier, Orgel und komponiert auch. Er kommt aus Portugal, hat dort mit dem Klavier angefangen und mit 14 das erste Mal an einer Orgel gesessen. In Portugal und Schweden studierte er. Nun, nach der Promotion, konnte er das Pendeln zwischen Schweden und seiner Freundin Katharina Schröder, Kirchenmusikerin in Lübbenau, beenden. Und das Cottbuser Konservatorium, das seinen Konzertsaal samt Sauer-Orgel sanieren ließ, suchte einen Orgellehrer.

Am Flügel spielt er seine Finger warm, dann zieht er an den Registern, holt einen roten Bleistift aus dem Orgelschränkchen rechts über den Tasten. Kurz schaut er nachdenklich auf Sarah. Wie geht es ihr heute? Hat sie wie in der Vorwoche noch etwas Wut im Bauch von einem Erlebnis in der Schule? In jeder Probe üben sie ein ruhiges und ein wildes Stück, das haben sie so vereinbart. Sarah schlägt den Choral "Rorate Caeli" des Franzosen Jeanne Demessieux (1921 bis 1968) auf. Ein ruhiges getragenes Stück. Ganz langsam soll sie sich steigern. João Segurado formt einen Kelch mit seinen Händen, sucht nach dem Wort "So, als ob eine Flower aufgeht." Sarah lacht, sie hat Englisch in der Schule. Eine Blume soll sich in ihrem Spiel entfalten. Dann streicht er in den Noten dick an, wo sie vom linken auf den rechten Fuß wechselt, damit das Legato weicher wird.

Sie ist ein hellwaches Mädchen, gesteht, dass neun Jahre Klavierspielen langweilig sein kann. "Mit der Orgel kann ich alles ausdrücken. Wenn ich traurig bin, setze ich mich an sie, damit ich fröhlich werde. Bin ich schon fröhlich, kann ich mit ihr meine ganze Freude herausjubeln." Sie wohnt in Lübbenau und übt oft auf dem Instrument des Dresdner Orgelbaumeisters Jehmlich in der Lübbenauer Nikolaikirche.

Das "Prelude in classic style" von Gordon Young (1919 bis 1998) hat einen viel zu harmlosen Titel. João Segurado zieht an vielen Registern und murmelt grinsend: "Viel Spaß!" Sarah liebt das Stück. Kraftvoll wirft sie es in den Konzertsaal. Sie darf nur nicht zu schnell werden. "Sonst wollen die Zuhörer wissen, wie viel Tassen Kaffee du schon getrunken hast", warnt der Lehrer.

Immer wieder fragt er nach dem Gefühl, das seine Schüler zu einem Werk haben. Mit ihren Antworten geht er hin und her, singt, greift ein und dreht sich plötzlich zu Katharina Schröder im Zuschauerraum um: "Zauber, Zauberwelt - was heißt das?"

Am Konservatorium sind durchaus noch Orgelschüler willkommen. Mehr Informationen gibt es unter der Telefonnummer 0355 35541780.