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Ein Ohr für Kinder
Die Kinder-Retterin aus Senftenberg

Sabine Fritsche koordiniert das Kinder- und Jugendtelefon in Senftenberg. Sie greift selbst auch zum Hörer und versucht ein guter Gesprächspartner zu sein.
Sabine Fritsche koordiniert das Kinder- und Jugendtelefon in Senftenberg. Sie greift selbst auch zum Hörer und versucht ein guter Gesprächspartner zu sein. FOTO: Jan Augustin / LR
Senftenberg. Brandenburgs einziges Kinder- und Jugendtelefon wird an diesem Samstag mit dem Preis „Ein Ohr für Kinder“ ausgezeichnet. Was die 15 Frauen täglich zu hören bekommen, ist teils schwer zu ertragen. Von Jan Augustin

Der Anruf ist schon ein paar Wochen alt. Bei Sabine Fritsche hat er sich aber tief ins Gedächtnis eingebrannt. Die Koordinatorin des Kinder- und Jugendtelefons in Senftenberg spricht fast eine Stunde mit dem Mädchen, das sich umbringen will. Sabine Fritsche erinnert sich: „Sie hatte Liebeskummer.“ Ihr Freund habe sie verlassen. Nun gebe es nur noch einen Ausweg: Selbstmord. Am Ende können beide aber halbwegs beruhigt auflegen. „Ich mache es nicht“, habe das Mädchen versprochen. Ob sie aber wirklich von ihrem Suizid-Versuch Abstand genommen hat, kann Sabine Fritsche heute nicht mit Sicherheit sagen.

Denn das Kinder- und Jugendtelefon ist ein anonymes Beratungsangebot. Von wem und von wo genau aus die Anrufe stammen, ist unklar. Aus ganz Deutschland rufen Kinder und Jugendliche mit größeren und kleineren Sorgen in Senftenberg an, damit sie mit jemanden reden können, der zuhört, Verständnis zeigt und berät.

Für diese ehrenamtliche Arbeit erhält das Senftenberger Projekt vom Kinderschutzbund an diesem Samstag den Ehrenamtspreis „Ein Ohr für Kinder“. Die mit 2500 Euro dotierte Auszeichnung vergibt die Stiftung Deutsche Kinder, -Jugend- und Elterntelefone für die Nachhaltigkeit, Kreativität, Qualität und den persönlichen Einsatz. Die Ehrung findet in Hamm statt.

15 Frauen arbeiten ehrenamtlich bei dem im Land Brandenburg einzigen Kinder- und Jugendtelefon des Kinderschutzbundes in Senftenberg. Im Zwei-Stunden-Rhythmus sind sie montags bis freitags abwechselnd von 14 Uhr bis 20 Uhr unter der kostenfreien Telefonnummer 116 111 erreichbar. Was sie dort zu hören bekommen, sei teilweise schwer zu ertragen. Auch vor sexueller Belästigung bleibe das Team von Sabine Fritsche nicht verschont. Ohnehin gebe es immer weniger vernünftige Gespräche. Topthemen sind neben dem Liebeskummer, das Mobbing und der Streit in der Familie, sagt die 67-jährige Telefonberaterin.

Und auch die Gesamtzahl an Anrufen nimmt immens ab. Im gesamten Jahr 2007 hat es am Senftenberger Kummertelefon noch mehr als 10 000 mal geklingelt - daraus resultierten fast 2500 intensive Beratungsgespräche. Heute ist die Zahl auf unter 3000 Anrufe mit etwa 800 Beratungen geschrumpft. Das beweist ein Blick in die Vereins-Statistik. „Der Rückgang der Anrufe ist aber kein Zeichen dafür, dass es den Kindern besser geht - auf keinen Fall“, betont Sabine Fritsche.

Die 67-Jährige erklärt sich den Rückgang vor allem mit den neuen Kommunikationswegen über das Internet. Vielleicht, sagt sie, sind die Kinder heutzutage aber auch besser aufgeklärt als früher.