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| 17:27 Uhr

Ehemaliger Stasi-Block liegt fast in Trümmern

Der Bagger hatte bis zum gestrigen Tag bereits ganze Arbeit an dem Plattenbau am Schwarzen Weg in Senftenberg geleistet.
Der Bagger hatte bis zum gestrigen Tag bereits ganze Arbeit an dem Plattenbau am Schwarzen Weg in Senftenberg geleistet. FOTO: Manfred Feller
Senftenberg. Zwei der bekanntesten Wohnblocks von Senftenberg werden derzeit in Schutt und Trümmer zerlegt. Der Großvermieter Kommunale Wohnungsgesellschaft (KWG) mbH lässt insgesamt 90 Wohnungen am Schwarzen Weg abreißen. Im Volksmund noch als Stasi-Block bekannt. Manfred Feller

In wenigen Tagen ist der einstige Stasi-Block am Schwarzen Weg in Senftenberg Geschichte. Der Abrissbagger frisst sich zügig von Aufgang zu Aufgang. Eigentlich sind es zwei Wohnblocks, die wie siamesische Zwillinge verbunden waren. Denn die KWG als Eigentümerin hat beide Gebäude verwaltungs- und gebäudetechnisch getrennt betreut, heißt es vonseiten des Eigentümers.

Der DDR-Plattenbau mit den Hausnummern 40 bis 44 und 46 bis 52 gehört zu den jüngeren Bauten in Senftenberg mit lediglich ein paar Jahrzehnten Lebenszeit. Über dessen Geschichte wissen die jüngeren und auswärtigen Schaulustigen des Abrissspektakels nichts. So wie Mario Mitzscherlich. Er hat es sich mit anderen auf Campingstühlen in der ersten Reihe bequem gemacht.

Der 45-jährige Dresdner ist 2013 der Liebe wegen nach Brieske gezogen und vor Monaten direkt neben die aktuelle Abrissbaustelle. "So viel Grün zwischen den Neubauten findet man in Dresden nicht. Meinen Kindern gefällt es hier", lobt er die Wohnqualität in Senftenberg. Der Maler, der bereits im Unterschiff der Dresdner Frauenkirche und im Schloss Rammenau gearbeitet hat, bedauert den Abriss. Er hatte ernsthaft die Absicht, den Block zu erwerben und günstige Sozialwohnungen anzubieten. Doch er kam zu spät. Der Stadtumbau wird nicht kurzfristig geplant. Dass in den beiden zusammenhängenden Wohnblocks vornehmlich Mitarbeiter der einst gegenüberliegenden Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und andere treue Parteidiener gelebt haben, ist ihm nicht bekannt.

Die KWG will das freie Gelände später begrünen lassen. Das heißt, mehr Luft zum Atmen für die verbliebenen Bewohner in dem Gebiet. Abrisszuschauerin Mireille Kolbow sieht das anders: "Dort gab es schöne, große Wohnungen. Schade!" Ihre Tochter Stephanie sieht es ebenso. Die 25-Jährige erwartet ihr zweites Kind und wird mit ihrem Lebensgefährten bald in eine Vierraumwohnung ziehen. Die Suche nach der richtigen Bleibe sei trotz des Leerstandes nicht ganz so einfach gewesen, versichert sie.

Die KWG hat nach Auskunft ihres Sprechers Ralf Weide seit Beginn des Stadtumbaus im Jahr 2002 allein in Senftenberg 1948 Wohnungen vom Markt genommen. Das entspricht 42 Gebäuden. Der Leerstand konnte auf etwa zehn Prozent gesenkt werden. Ohne den Stadtumbau stünde heute jede dritte KWG-Wohnung ungenutzt. Gefördert wird der Rückbau mit Mitteln des Bundes und des Landes. Rund 80 Prozent der ausgezogenen Mieter seien bei der KWG geblieben. In allen Fällen, so heißt es, habe sich die Wohnsituation durch Teil- oder Vollsanierung verbessert.

Der Großvermieter hält derzeit allein in Senftenberg 230 Wohnungen in allen Mietpreislagen bereit, die sofort vermietet werden können.

Abrisszuschauer Peter Krüger ist vor drei Jahren von Cottbus nach Senftenberg gezogen. Er hätte sich zumindest für einen Teil des Stasi-Blocks eine andere Verwendung vorstellen können: ein Übungsobjekt für die Feuerwehren und den Katastrophenschutz. Diese Realitätsnähe könne das in der Modernisierung befindliche Zentrum in Großräschen trotz hohen Aufwandes nicht bieten. Der 27-Jährige ist ehrenamtlich im Sanitätsdienst des DRK tätig.

Mit gemischten Gefühlen schauen die Bewohner des Nachbarblocks Dr.-Albert-Schweitzer-Straße 54 bis 60 auf den Abbruch. Reinhard Dommaschk hofft, wie viele seiner älteren Nachbarn, dass "seine" unsanierte Platte stehen bleibt. Der 78-Jährige, der aus Hörlitz stammt, hat bereits einen Abrissumzug aus der benachbarten Hörlitzer Straße hinter sich: "Ich bin zufrieden mit meiner Wohnung und hoffe nicht, in meinem Alter noch einmal umziehen zu müssen."

Eine ältere Dame, die lieber namenlos bleiben möchte, sieht es nicht anders. Auch sie hatte einst in der Hörlitzer Straße gewohnt. Ihr Mann, seinerzeit 80 Jahre alt, habe nach dem zu aufregenden Auszug wochenlang flachgelegen. "Einen zweiten Umzug mache ich nicht mit. Ich kann nicht mehr", sagt die 78-Jährige. Sie wünscht sich mehr Einfallsreichtum beim Stadtumbau. Anstatt des radikalen Abbruchs täte es auch ein Teilabriss, sodass eine Art flaches Reihenhaus übrig bliebe. Auch Flüchtlingsfamilien wären darin besser aufgehoben als im Briesker Baumarkt, sagt sie.

Wie geht es weiter? "Das Wohngebiet Dr.-Albert-Schweitzer-Straße befindet sich in der Stadtumbaukulisse Nord/West, die als Konsolidierungsgebiet ausgewiesen ist", erläutert KWG-Geschäftsführer Roland Osiander. "Die Struktur soll erhalten und durch geeignete Rückbaumaßnahmen gestärkt werden. Die weitere mittelfristige wirtschaftliche Nutzung des verbleibenden unsanierten Objektes Schweitzer-Straße 54 bis 60 ist zum aktuellen Zeitpunkt noch offen. Innerhalb des Stadtumbauprozesses werden wiederkehrend verschiedene Handlungsstrategien bis hin zum Abriss geprüft. Mieter, die vom Stadtumbau betroffen sind, werden von uns rechtzeitig informiert. Unsere sanierten Langfristobjekte in der Albert-Schweitzer-Straße stehen nicht zur Disposition", sagt er.