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Dubiose Geschäfte vor Gericht

Cottbus/Lauchhammer. Einblicke in das Innenleben einer Drückerkolonne gewährt jetzt ein Streit, der vor dem Landgericht Cottbus ausgetragen wird. Seit Dienstag wird einem Ex-Paar, das bis zum Jahr 2009 ein zumindest fragwürdiges und zeitweise einseitig äußerst lukratives Geschäftsmodell in Lauchhammer betrieben hat, der Prozess gemacht. Kathleen Weser

Die beiden Angeklagten sollen als Arbeitgeber für bis zu 92 Beschäftigte keine Sozialabgaben gezahlt haben. Dadurch soll über einen Zeitraum von wenig stens fünf Jahren ein Schaden von mehr als 1,7 Millionen Euro entstanden sein.

Die ersten Seiten der gewichtigen Ermittlungsakte sind nunmehr acht Jahre alt. Bei einer Razzia hatten Zollfahnder damals die Räume des Unternehmens an mehreren Standorten in Deutschland durchsucht und Geschäftsunterlagen sichergestellt. Die Aktion war im vergangenen Jahr bereits Gegenstand eines Verfahrens vor dem Landgericht Cottbus: Ein Polizist, der in erster Instanz verurteilt worden war, diese Razzia bei der Drückerkolonne in Lauchhammer im Vorfeld verraten zu haben, ist hier vom Tatvorwurf der Verletzung des Dienstgeheimnisses und versuchten Strafvereitelung im Amt freigesprochen worden.

Mit einer weißen Weste wollen auch die Ex-Geschäftsführerin des Werbeunternehmens und der mitangeklagte ehemalige Lebenspartner den Gerichtssaal verlassen. Sie bestreiten die Vorwürfe vereint und doch getrennt voneinander. Eisern schweigend. Das verbale Gefecht vor der 2. Großen Strafkammer unter Vorsitz von Richter Andrè Simon bestreiten moderat die Anwälte.

Die Anklage behauptet, die Standwerber und Drücker in den Fußgängerzonen sind abhängig beschäftige Arbeitnehmer des mehrfach umfirmierten Werbeunternehmens gewesen. Die Verteidigung bestreitet dies. Vielmehr hätten die Mitarbeiter als selbstständige Handelsvertreter auf Provisionsbasis hauptsächlich Filmclub-Mitgliedschaften verkauft.

Auf dem Nebenschauplatz des Prozesses geht es um den eigentlich führenden Kopf des dubiosen Unternehmens. Die Anwälte der beiden Angeklagten, die auch privat längst getrennte Wege gehen, geben sich redliche Mühe, den jeweils eigenen Mandanten zu Lasten des Ex-Partners aus der Schusslinie zu bugsieren. Die ersten Zeugen, Geschäftspartner und eine Angestellte der Drückerkolonne, werden dafür nach Kräften danach ausgefragt, wer im Barackenlager wirklich das Sagen hatte: die handelsrechtlich als Geschäftsführerin eingetragene Ehefrau oder der Mann, der diesbezüglich ein amtlich unbeschriebenes Blatt ist.

Eine Büroangestellte, die eigenen Angaben zufolge über Jahre "als Mädchen für alles" in der Drückerkolonne angestellt gewesen ist, steigert im Zeugenstand den Unterhaltungswert der ernsten Verhandlung. Die Frau hatte Ende der 90er-Jahre zunächst selbst "Scheine geschrieben" bei klassischen Haustürgeschäften. Freiberuflich, ohne Vertrag - zunächst für den Vater des Angeklagten, der das Unternehmen damals noch führte. Dies schon unterstützt vom Sohn, der jetzt vor dem Kadi steht. Das Leben im Drückerlager beschreibt die inzwischen 40-Jährige einerseits als brutal hart, aber auch überraschend verklärt mit Erinnerungen an eine Zeit mit viel Spaß. "Ich wurde nicht verprügelt, und auch mein Ausweis wurde mir nie abgenommen", versichert sie - diesbezüglich gänzlich ungefragt. Von der Straße hatte sie sich schließlich ins Büro vorgearbeitet - für etwa 600 Euro netto, die sie jeweils auf die Hand bekommen habe. Aber sie sei versichert worden. Der Angeklagte, so sagt sie aus, "war der Chef". Und der wird auch als handgreiflich beschrieben. Von einer lädierten Nase, die er einer Drückerin verpasst haben soll, ist im Gerichtssaal die Rede. Und von der Furcht vor seinen cholerischen Anfällen, wenn die Geschäfte zu wünschen übrig ließen. Dann wurden die meist jungen Werber, die morgens zur Arbeit gefahren wurden und im Falle des Misserfolges abends auch lange arbeiten mussten, im Barackenlager bestraft. Im Extremfall mit Essensentzug, sagt die Zeugin. Der Prozess wird heute fortgesetzt.