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| 02:43 Uhr

Drücker-Zeugin belastet Polizisten

FOTO: (24951989)
Cottbus/Lauchhammer. Im Prozess um den Razzia-Verrat bei einer Drückerkolonne in Lauchhammer ist der angeklagte Revierpolizist am gestrigen Montag von einer Zeugin schwer belastet worden. Anke W.* hat ausgesagt, dass der Ordnungshüter Wolfgang S.* ihr Tage vor dem Einsatz persönlich von der anstehenden Durchsuchung erzählt habe. Kathleen Weser

Die Sekretärin der Drückerkolonne auf dem Gelände des ehemaligen Lagers der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) in Lauchhammer-Süd, Anke W.*, zeigt sich zwar wenig begeistert, ja belästigt von der erneuten Vorladung als Zeugin im Prozess gegen den Revierpolizisten Wolfgang S.* aus Lauchhammer. Redselig und verbal auch nachdrücklich belastet die 38-Jährige den wegen Verletzung des Dienstgeheimnisses und versuchter Strafvereitelung im Amt angeklagten Polizisten dann aber schwer. "Er lief mir wie ein räudiger Köter hinterher und machte mir ständig sexuelle Avancen", wird das zuvor selbsterklärte "Mädchen für alles" der Drückerkolonne aus einem Vernehmungsprotokoll zitiert. Darüber sei im Barackenlager auch gewitzelt worden. Und es sei klar gewesen, "dass man ihn dirigieren kann", bestätigt Anke W. vor Gericht. Das habe sie auch nutzen sollen und die ausdrücklich nicht intime "zwischenmenschliche Beziehung bewusst gefördert".

Erfolgreich: Denn Wolfgang S. habe sie Tage vor der späteren Razzia im Büro des Drückerlagers aufgesucht und ihr völlig überraschend von der Durchsuchung erzählt. Mit Datum und Uhrzeit. "Das war eine Sensation", sagt Anke W. Tatsächlich seien Zoll und Polizei dann am Morgen der Razzia zwar etwas früher als angekündigt aufgetaucht. Aber es sei zuvor lange Zeit gewesen, sich auf diesen amtlichen Besuch vorzubereiten. Obwohl dies nicht notwendig und auch das Ausmaß der Razzia unbekannt gewesen sei. "Aber wir hatten nichts zu verbergen", betont Anke W., die sich selbst als Hüterin des Rufes des in Lauchhammer nicht gern gesehenen Unternehmens beschreibt. Sofort habe sie noch im Beisein des Polizisten ihren "nicht von Fleiß beseelten Chef" in dessen nur 50 Meter entferntem Domizil auf dem Drücker-Areal angerufen. Der sei auch herbeigeeilt und habe sich artig bei Polizist Wolfgang S. für den Razzia-Verrat bedankt. Doch Steven W.*, dessen Ex-Frau die Firma besaß, bestreitet das. Er habe von der Razzia vor der Durchsuchung rein gar nichts erfahren. Anke W.*, die der inzwischen auch selbst angeklagte Unternehmer als bewusst agierende Denunzantin in privaten Angelegenheiten seiner selbst bezeichnet, habe ihn nicht informiert. Die der Lüge bezichtigte Zeugin, die mehr als zehn Jahre für das Drücker-Familienunternehmen gearbeitet hat, habe sich mit Kontakten zur Polizei und zu Rockern gebrüstet. Es sei auch aktenkundig, dass er in ihrem Beisein von "zwei dieser Herren in Lederwesten" überfallen und bedroht worden sei. Dem Verteidiger des angeklagten Polizisten, dem Senftenberger Rechtsanwalt Armin Krahl, sei dieses Ermittlungsverfahren bekannt. Der wiederum stellt sowohl Steven W. als auch dessen Ex-Frau Ina W.* die Frage, ob sie ihren Anklageschriften in eigener Sache eigentlich Vorwürfe entnähmen, die auf beschlagnahmte Unterlagen aus der Razzia schließen ließen. Steven W. sagt zuerst genervt, seine Anklage umfasse 20 Bände, "und allein das Kopieren hat 1000 Euro gekostet". Aber er erklärt dann auch, dies sei der Fall.

Die Wertung der Zeugenaussagen obliegt der 5. Großen Strafkammer unter Vorsitz von Strafrichterin Sigrun von Hasseln-Grindel. Die Berufungsverhandlung zum Razzia-Verrat wird im Januar fortgesetzt - mit weiteren Zeugen. * Namen geändert

Zum Thema:
Die Ermittlungen zum Mord an dem Polizisten Steffen Meyer aus Lauchhammer vom November 2009, der noch immer nicht aufgeklärt ist, haben eine mutmaßlich verratene Razzia bei einer Drückerkolonne in Lauchhammer-Süd in neuem Licht erscheinen lassen. Nachdem wegen der erfolglosen Durchsuchung des Barackenlagers der Drücker im Mai 2009 seit September zunächst gegen unbekannt ermittelt worden war, ist der Revierpolizist Wolfgang S.* nach dem Tötungsverbrechen an Steffen Meyer als Tippgeber in den Focus der Ermittler gerückt. Im Prozess vor dem Amtsgericht Senftenberg wurde er 2013 freigesprochen.