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Dreiste Betrüger zocken Oma ab

Betagte Mitbürger werden von Telefonbetrügern dreist abgezockt.
Betagte Mitbürger werden von Telefonbetrügern dreist abgezockt. FOTO: Andrey Popov/fotolia
Senftenberg. Mit satten Gewinnen werden Lausitzer Senioren nach wie vor dreist abgezockt. Die verbal ausgesprochen nett mit den Scheinen winkenden Betrüger quetschen am Telefon auch den letzten Cent aus der Oma. Kathleen Weser

Mit 128 000 Euro hat ein Mann dieser Tage einen Senftenberger (75) am Draht beglückt. Gegen die Zahlung einer dreistelligen Summe sollte der Gewinn ausgezahlt werden. Der taffe Senior hat den Braten gerochen und den Telefonbetrüger sofort bei der Polizei angezeigt. "Damit hat der Senior das einzig Richtige getan", bestätigt Peter Schmidt, Polizeiberater der Inspektion Oberspreewald-Lausitz.

In der Elsterheide hat Elvira S.* für einen 38 000-Euro-Gewinn, zu dem sie am Telefon mit blumigen Worten beglückwünscht worden war, indes eine hohe vierstellige Summe nach Mazedonien überwiesen. Per Western Union, einem amerikanischen Anbieter für den weltweiten Bargeldtransfer. Das geht einfach, schnell und zuverlässig. Wie, wird den technisch eher verhalten agierenden Rentnern sehr gründlich erklärt. Ebenso wirksam ist das Geld dann auch für immer weg. Und der Gewinn bleibt aus. Bei der alten Dame aus der Elsterheide haben die Betrüger schon mehrmals erfolgreich abkassiert. Die Kinder und Enkelkinder sind ratlos. Sie gönnen der Mutter und Oma die eigene Entscheidung über die Ersparnisse und die schmale Rente von Herzen, stehen aber mit den mahnenden Worten trotzdem als raffgierige Verwandte im Verdacht. Vor den Straftätern kann die Familie das klassische Betrugsopfer nicht so warnen, dass dies auch ankommt. Der vermeintliche Gewinn lockt mehr. Sogar einen Kredit hat die Frau schon aufgenommen, um die Betrüger zu bezahlen.

Verbraucherschützerin Angelika Große in Hoyerswerda kennt Fälle wie diesen. Der krasseste dieses Sommers: Ein Rentnerpaar hatte insgesamt 30 000 Euro an Betrüger gezahlt. Ans Licht kam das erst, als die gutgläubigen Leute selbst so in Not gekommen waren, dass sie sich die Miete für die Wohnung von lieben Nachbarn borgen wollten. "Das sind ganz schlimme Geschichten", bestätigt die erfahrene Beraterin. Angelika Große versucht, den meist hoch betagten Opfern die Maschen der Betrüger zu erklären und sie damit davon abzuhalten, ihr Geld zu verschleudern. "Ich habe oft das Gefühl, dass die Betroffenen das verstanden haben. Aber leider kann ich mir nie ganz sicher sein, ob sie das auch verinnerlicht haben und standhaft bleiben", erklärt sie. Angelika Große sagt, es sei eigentlich ganz einfach: Angerufene Gewinner sollten den Überbringer der Botschaft dazu auffordern, den erforderlichen Einlösebetrag vom Gewinn abzuziehen. Dann sei der Fall ganz schnell völlig schadlos geklärt.

Offensichtlich aber ist die Trefferquote der Betrüger in der Lausitz nach wie vor hoch. Denn sie bleiben konstant aktiv. Das bestätigt Thomas Knaup, der Sprecher der Polizeidirektion Görlitz. Auf den Enkeltrick und Gewinnversprechen fallen hier nicht mehr Menschen herein als anderswo, schätzt der Ordnungshüter ein. In der dünn besiedelten Region mit einer überalternden Bevölkerung und vielen allein stehenden betagten Mitbürgern entstehe aber dieser Eindruck. Die Betrüger durchforsten beispielsweise Telefonbücher nach gängigen Vornamen, die deren Beute-Schema folgend vielversprechenden Jahrgängen zuzuordnen sind. Dann klingeln sie an.

Und Polizeiberater Peter Schmidt bestätigt: "Opfer, die willig zahlen, werden ausgequetscht, bis nichts mehr zu holen ist." Die Betrüger sind "ausgezeichnet geschulte Verkäufer", warnt er. Völlig überteuerte Katalogware, meist als echt verkaufter billiger Modeschmuck minderer Qualität und Lederjacken, ist neben Gewinnversprechen der Renner. Auch Elvira S. flattern täglich mehrere Briefe mit immer neuen Angeboten ein. Der Postkasten ist stets voll. "Wer fleißig bestellt, wird laufend weiter bedient und abgezockt", erklärt Peter Schmidt.

Zu durchbrechen ist der Teufelskreis nur in der Familie, sagt Polizeisprecher Thomas Knaup. Das sei ein schwieriger Kampf, der auch für Unfrieden sorge - aber der einzig wirksame Schutz.

* Name bekannt