ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:45 Uhr

Dorf mit vielen Namen und Gesichtern

Petershainer sind als geselliges Völkchen bekannt. Wenn die Zeit zwischen den Ortsjubiläen zu lang ist, wird ein neuer Grund zum Feiern gefunden. 2012, zur 666-Jahrfeier gab's ein buntes Programm, bei dem auch Hort und Kita aus dem benachbarten Neupetershain mitgewirkt hatten.
Petershainer sind als geselliges Völkchen bekannt. Wenn die Zeit zwischen den Ortsjubiläen zu lang ist, wird ein neuer Grund zum Feiern gefunden. 2012, zur 666-Jahrfeier gab's ein buntes Programm, bei dem auch Hort und Kita aus dem benachbarten Neupetershain mitgewirkt hatten. FOTO: Uwe Hegewald/uhd1
Petershain. Der Oberspreewald-Lausitz-Kreis umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Station heute: Petershain (Gemeinde Neupetershain). Uwe Hegewald

Welche Ortsbezeichnung ist nun richtig? Petershain, Neupetershain-Nord, Wiki (wendisch für Getreidemarkt), Altpetershain oder gar Stabbacksdorf, wie der Ort an der B 169 früher im Volksmund genannt wurde? Für Ortschronist Udo Kittan gibt es keine Zweifel. "Der offizielle, historisch aber fragwürdige Name unseres Dorfteils ist heute Neupetershain mit dem Zusatz Nord. Will man der geschichtlichen Entwicklung aber gerecht werden, so müssten wir Petershain heißen", führt er in einem seiner Schriften zur Historie an. Erst mit dem 1870 erfolgten Bau einer Bahnlinie über die Dorf-Gemarkung entstand mitten im Wald ein Haltepunkt. Dieser war die "Keimzelle der Kolonie Petershain", dem heutigen Neupetershain, so Kittan.

"Den Ausführungen unseres Ortschronisten kann man blind vertrauen. Er beschränkt sich nicht nur auf das Sammeln und Dokumentieren von Geschichtsdaten, er geht diesen auch auf den Grund", sagt Reiner Hanisch. Als Gästeführer ist er dankbar, auf den Fundus "seines" Dorfchronisten zurückgreifen zu können. 1979 ist Reiner Hanisch aus Lauta kommend in eines der zwölf Doppelhäuser der Alfred-Scholz-Straße gezogen. Ältere werden ihn noch als Genusshandwerker in der Neupetershainer Bäckerei Götze kennen. Später wechselte er die Bäckerschürze gegen den Blaumann, absolvierte Ausbildungen zum Berufskraftfahrer und Erdbau-Geräteführer. Tonnenschwere Raupen steuerte er durch den Tagebau Greifenhain, bis aus diesem 1994 der letzte Kohlezug rollte. Quasi von heute auf morgen war seine Arbeitskraft nicht mehr gefragt. Als freigestellter Betriebsrat hätte er in einem anderen Tagebau unterkommen können, doch er lehnte dankend ab. "Ich hätte mir immerzu Vorwürfe zur Weiterbeschäftigung gemacht, wogegen Hunderte andere Kumpel den Weg aufs Arbeitsamt gehen mussten", begründet er. Ab 2004 war sein Wissen über Tagebaulandschaften, Umstrukturierungen und Energiewandel-Prozesse wieder gefragt. Ob als "Gästeführer in der Bergbaulausitz" für die IBA Fürst-Pückler-Land, für Vattenfall/Leag oder seit 2007 als privater Anbieter.

Reiner Hanisch unterlässt es, bei seinen Führungen in Schönfärberei zu verfallen. "Wenn weit gereiste Gäste nur die schmucken Eigenheime und gepflegten Grundstücke bewundern, erkläre ich gerne die Kehrseite der Medaille", erzählt der Petershainer. So auch einem älteren Gast, der wissen wollte, ob es noch den Petershainer Fußballverein gäbe. Aber Fehlanzeige. Sportplatz, Baracke mit Umkleide, Dusche und kleinem Kiosk sind längst Geschichte. Ebenso Bäckerei, Fleischerei, Konsum, Kneipe, Poststelle, Schmied, Schuhmacher oder Schule - manches davon in doppelter Ausführung. Heute sind es die Feldsteinkirche (Ersterwähnung 1345) und das "Hotel zum Gutshof", die als Kommunikations-Treffpunkte dienen. Und da ist noch der "Feuerwehr Traditionsverein Petershain", der entstandene Defizite kittet und sich darum kümmert, das Dorfleben in Balance zu halten. "Man kann nur den Hut davor ziehen, wie viel Geduld, Kraft und Zeit die Vereinsmitglieder aufbringen", hält Reiner Hanisch fest.

Dabei beschränken sich Vereinsaktivitäten nicht allein auf Maibaum, Osterfeuer oder Zampern. Nach jahrelangem Ringen mit Behörden und dem eifrigen Sammeln von Spenden konnte zuletzt das ehemalige Spritzenhaus gerettet, restauriert und zu einem Mini-Museum umgestaltet werden. Als Ex-Feuerwehrdepot und sogar Ex-Gefängnis zählt es zu den markanten Objekten auf dem Lindenplatz mit der Statue des Ortsnamengebers "Peter".

Im April 1945 waren jene gut beraten, die sich vom historischen Zentrum fernhielten. "In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges kam es in und um unser Dorf zu erheblichen Kampfhandlungen. Beim Ausbruchsversuch von Resten mehrerer deutscher Divisionen starben etwa 2000 Soldaten und etliche Dorfbewohner. Fast alle Gebäude um den Lindenplatz wurden zerstört", hält Udo Kittan in seiner Ortschronik fest.

Wenn Reiner Hanisch mit Jugendlichen die Kriegsgräberstätte von Petershain aufsucht, lässt er diese gezielt auf die Geburtsjahre der Opfer blicken. "Die Opfer waren nur wenige Jahre älter als ihr. Sie richteten die Waffen auf Gegner, die sich nicht kannten und von denen sie nichts wussten. Die jungen Kerle wurden schlichtweg verheizt", mahnt er.

Das Grundfazit über sein Heimatdorf sieht positiv aus. "Meine Frau und ich fühlen uns hier wohl. Wir leben gerne in Petershain", sagt Hanisch - mit einer Einschränkung: Die stark frequentierte B 169 zu überqueren, sei stets ein Balanceakt. Tempo-30-Limits wie in Allmosen gelten hier nur für Brummis.

Zum Thema:
Im Jahr 1346 ist Petershain erstmals urkundlich erwähnt worden. Bis ins 19. Jahrhundert waren die Dorfbewohner hauptsächlich Sorben/Wenden. 1890 lebten 425 Personen im Dorf, heute sind es rund 240 Einwohner, wie die Neupetershainer Bürgermeisterin Marita Theile mitteilt. Im kommenden Jahr feiert der "Feuerwehr Traditionsverein Petershain", zehnjähriges Bestehen. Mit Udo Kittan (2011) und Günter Höfig (2014) leben in Petershain zwei Bürgerpreisträger des Amtes Altdöbern.