| 02:53 Uhr

Dora Opitz ist die "Frau mit dem Traktor"

Die 101-jährige Dora Opitz mit der Gratulantenschar und Familienmitgliedern in Annahütte.
Die 101-jährige Dora Opitz mit der Gratulantenschar und Familienmitgliedern in Annahütte. FOTO: Steffen Rasche/str1
Annahütte. Als "Frau mit dem Traktor" hat sie allein ihre Familie ernährt und in Schwarzheide die Nachkriegsgeschichte mitgeschrieben. Am Dienstag ist sie im Annahütter "Haus am Waldrand" 101 Jahre alt geworden: Dora Opitz. Heidrun Seidel

Es war das Jahr der Balkankriege, in dem das Osmanische Reich zu zerfallen begann. Es war das Jahr, in dem zum ersten Mal ein Fallschirmspringer aus einem Flugzeug gesprungen und in Leipzig das Völkerschlachtdenkmal eingeweiht worden ist. Albert Schweitzer ist in diesem nach Lambarene in Afrika aufgebrochen, um ein Krankenhaus aufzubauen. Es werden die Schauspielerin Marika Rökk und der spätere US-Präsident Richard Nixon geboren - und in Ober Prauske zwischen Löbau und Weißwasser das Mädchen Dora, die heute Opitz heißt. Das ist auf den gestrigen Tag genau 101 Jahre her.

Festlich gekleidet in weißer Bluse mit Spitzeneinsatz, das edle graue Haar frisch frisiert, sitzt sie am Geburtstagtisch. Sie hört nicht mehr so gut, doch scherzt gern mit den Besuchern: Ja, jetzt hat sie ihr neues Jahrhundert angefangen, sagt sie lachend und nimmt die Glückwünsche entgegen. Gleich drei Bürgermeister haben sich zu ihr ins Annahütter "Haus am Waldrand" aufgemacht, um ihr zu gratulieren: Christoph Schmidt aus Schwarzheide, der Stadt, in der sie die meiste Zeit ihres Lebens verbracht hat, Klaus Prietzel aus Schipkau und Horst Pawlik, der jetzt zwar offiziell Ortsvorsteher von Annahütte heißt und hier trotzdem immer noch Bürgermeister genannt wird.

So einen großen Bahnhof hätte sich die kleine Frau in ihrem Leben nie träumen lassen. Als Vierjährige war sie mit den Eltern und sieben Geschwistern aus der Oberlausitz nach Brieske gekommen und hat dort ihre Kindheit und Jugend verbracht, bevor sie schließlich ihren Oskar, der aus der Ruhlander Mühle stammte, kennengelernt und zu ihm und den Schwiegereltern nach Schwarzheide-Ost gezogen war. Drei Töchter sind aus der Ehe hervorgegangen. Doch das Familienglück geriet ins Wanken: Für die Kinder musste Dora Opitz nach 1945 allein sorgen, denn ihr Mann war nach dem Krieg interniert worden - und für immer verschwunden. "Sie hat ihr Leben lang darauf gewartet, dass er wiederkommt", glaubt Enkeltochter Kerstin Bocek (46), die ihrer Oma besonders nahesteht. Weder eine Todesnachricht noch eine andere Information hat die Familie jemals erreicht, weiß auch die älteste Tochter Christa Piwonski (78). "Omas Lebensversicherung war das hier", zeigt Kerstin Bocek auf ein altes Foto, das eine junge Frau auf einem Traktor zeigt. "Weil sie den hatte, konnte sie die Familie ernähren, denn so ein Fahrzeug war in den ersten Nachkriegsjahren Gold wert." Damit hat sie für Betriebe Kohle und andere Güter transportiert und ist "als die Frau mit dem Traktor" in Schwarzheide und Umgebung bekannt geworden, ehe sie später in der Landwirtschaft Schweine aufgezogen hat. "Sie hat hart gearbeitet, war aber immer fit und hat bis zu ihrem 99. Geburtstag nie Tabletten nehmen müssen", versichert Enkeltochter Kerstin. In diesem hohen Alter ist sie auch zum ersten Mal ins Krankenhaus gekommen. "Bis dahin haben wir in vier Generationen gemeinsam im Haus gelebt." Doch nach mehreren Stürzen der betagten Frau konnte die Familie die Pflege zu Hause nicht mehr bewältigen. Schweren Herzens hat sie ein neues Zuhause für Dora Opitz gesucht und im "Haus am Waldrand" in Annahütte gefunden. "So schwer es uns anfangs fiel, wissen wir jetzt, dass es der Oma hier gut geht." Dazu trägt neben der familiären Atmosphäre in der Einrichtung auch der regelmäßige Familienbesuch bei. Immerhin kann Dora Opitz auf acht Enkel, zehn Urenkel und bereits vier Ururenkel verweisen. "Sonnabends und sonntags bin ich bei ihr in Annahütte - oder organisiere ein anderes Familienmitglied für den Besuch", sagt die Enkelin. "Meine Omi war immer für mich da - und davon will ich etwas zurückgeben." Wenn jemand zu ihr sagt, "du kommst ganz nach deiner Oma", sei ihr das ein besonders schönes Kompliment.