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Hallo Nachbar
Dörfern in Höfen, Gärten und Seelen geschaut

Gemeinsam auf Entdeckungstour: Die jährlich im Juni durchgeführten Touren de OSL bieten eine wunderbare Gelegenheit, um auch kleine Orte im Landkreis kennen zu lernen. Abseits stark frequentierter Verkehrsadern – wie hier am Großräschener See – geht es per Rad durch die Region.
Gemeinsam auf Entdeckungstour: Die jährlich im Juni durchgeführten Touren de OSL bieten eine wunderbare Gelegenheit, um auch kleine Orte im Landkreis kennen zu lernen. Abseits stark frequentierter Verkehrsadern – wie hier am Großräschener See – geht es per Rad durch die Region. FOTO: Uwe Hegewald
Senftenberg. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU ist mehr als zwei Jahre auf Kreis-Reise gewesen. Von Uwe Hegewald

Dörfer sind liebens- und lebenswert. Zwei Jahre und fünf Monate ist die RUNDSCHAU mit ihrer Serie „Hallo Nachbar“ auf Reise durch den Landkreis OSL gegangen. 124 Mal wurde Station in den kleinsten kommunalen Zellen gemeinschaftlichen Zusammenlebens gemacht, in denen es stärker denn je auf nachbarschaftliche Ausgewogenheit ankommt. Am Beispiel von Lehde im Spreewald, Buchwalde im Lausitzer Seenland, Grünewalde an der Nahtgrenze zum Freistaat Sachsen und Peitzendorf (Amt Altdöbern) soll noch einmal veranschaulicht werden, wie Dörfer in der Regel so ticken.

Lehde (Stadt Lübbenau) wird mit regelmäßiger Häufigkeit als „Herzkammer des Spreewaldes“ bezeichnet. Inmitten der Lagunenlandschaft gelegen erweist sich der staatlich anerkannte Erholungsort als beliebtes Ausflugsziel. Auch weil Lehde bequem per pedes, Rad, Kahn, Paddelboot und Pkw angesteuert werden kann. Dass sich die Einwohnerzahl an mehreren Tagen im Jahr vervielfacht, hat mehrere Gründe: Einladende Gastronomie und Herbergen, das einzigartige Freilandmuseum, Natur pur und der Verein zur Erhaltung und Förderung des Spreewalddorfes Lehde. Seit 1992 richtet der Förderverein am letzten Septemberwochenende das inzwischen traditionelle Lehde-Fest aus, macht aber auch klar, wo Spreewald-Bewohnern der Drjewjanki (Holzpantoffel) drückt. Als Partner der Bürgerstiftung Kulturlandschaft Spreewald arbeitete dieser bereits in der Gründungsphase Schulter an Schulter mit der Stiftung zusammen und hat ihre Position auch in der Vereinssatzung verankert: „In der Spreewaldstiftung sieht der Förderverein die wohl letzte Chance, die einmalige landwirtschaftliche Struktur des Spreewaldes zu erhalten. Den bisherigen Förderkonzepten mangelte es an Nachhaltigkeit. Außerdem bot und bietet die aktuelle Förderpraxis den Betrieben keine verlässliche Perspektive und kann daher den Trend zum Höfe-Sterben nicht stoppen“, kritisieren die Lehdschen. Die Mitglieder des Fördervereins sind der Überzeugung, dass ein schleichendes Ende kleinteiliger Landwirtschaft auch das Ende des Spreewalds als Kulturlandschaft und als touristisch attraktive Region bedeutet. Den sprichwörtlich krähenden Hahn auf einem Misthaufen sehen Gäste, die mit Kähnen an Bauernhöfen des Spreewaldes vorbeitreiben, schon lange nicht mehr.

Anders bei Hildegard Gelbrecht, die auf ihrem Hof in Buchwalde (Stadt Senftenberg) noch Hühner hält. „Noch“, bemerkte die Seniorin beim RUNDSCHAU-Besuch, wollte sie sich doch eigentlich vom lieben Federvieh trennen. Grund war die Vogelgrippe samt auferlegter Stallpflicht und in diesem Fall mal nicht Besucher des Dorfes, die in Buchwalde übernachten und denen der frühe Hahnenschrei stört. Im Gegenteil, wie die Hildegard Gelbrecht berichtet: „Die Kinder freuen sich. Mitunter ist es schon vorgekommen, dass Touristen nachfragen, ob sie den Hahn mal füttern dürfen“, sagt die seit 1955 im Ort wohnende Seniorin. Buchwalde zählt wie Altnau (Calau) oder Märkischheide (Vetschau) zu den Orten, die unmittelbar an einer größeren Stadt angedockt sind – mit all seinen Vorzügen und Nachteilen. Kurze Wege zu Ämtern, Bildungseinrichtungen und Einkaufzentren stehen Gefahren gegenüber, städtische Belange könnten sich wie ein schwerer Albtraum übers vertraute Dorf legen. Mit seiner Lage am Senftenberger See zählt Buchwalde zu den Pionier-Dörfern des sich entwickelnden Seenlandes. Wo einst noch Kohlezüge am Dorf vorbeirumpelten, räkeln sich an schönen Sommertagen Badegäste am Buchwalder Strand. Apropos Sommer: Ronny Sommer, der vielen als lokaler Hobby-Meteorologe bekannt ist, war einer der damaligen E-Lok-Fahrer und somit einer der Personen, der den Strukturwandel von Beginn an miterlebt hat. Auch mit den Erfahrungen, dass touristische Entwicklungen von Anrainern nicht immer mitgetragen werden.

Parallelen zu Grünewalde (Stadt Lauchhammer) zeigen sich, das mit dem Grünewalder Lauch einen „Juwel vor der eigenen Haustür“ aufweist. Rund 100 Hektar umfasst der See, der mit seinen Badestränden, Campingplatz, Mietferienhäusern, dem Radwegenetz und vielen weiteren Attraktionen immer mehr an Bedeutung gewinnt. „Wir setzen auf Vielfalt und naturnahen Tourismus, wollen uns interessant machen und uns abheben vom Umfeld im Lausitzer Seenland“, erklärte Siegfried Thomas bei der LR-Stippvisite die Dorf-Philosophie. Als Motor und Ideengeber trägt der 80-jährige Dr. agr. Dipl.-Landwirt maßgeblichen Anteil am Erfolg des 1283-Seelen-Dorfes. Im Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft gelegen, ist dem Ort dreimal der Titel Naturparkgemeinde (1999, 2005 und 2012) verliehen worden. Seit 1. August 2012 darf Grünewalde dauerhaft den Titel „Ausgezeichnete Naturparkgemeinde“ führen. „Wir sind der erste Ort im Land Brandenburg, dem dieser Titel verliehen wurde. Darauf sind wir alle stolz“, betont Reinhard Lanzke. Unter „alle“ fasst der Ortsvorsteher die engagierten Personen, Vereine und Geschäftsleute zusammen, die in Grünewalde leben oder die sich mit dem Ort verbunden fühlen. Das Dorf, welches im kommenden Jahr seine erste urkundliche Erwähnung vor 600 Jahren feiert, weiß um seine Attraktivität. Wie viele Dörfer an der Nahtstelle zum Freistaat Sachsen und zur Autobahn 13 verzeichnen Südbrandenburger Kommunen verstärkte Nachfragen an Bauland, was jedoch immer seltener zu haben ist. Zünglein an der Waage sind Pläne der Landesregierung, die Entwicklungen im „Speckgürtel von Dresden“ derzeit noch ausbremsen.

Peitzendorf (Amt Altdöbern) kann von Speckgürtel-Vergleichen nur träumen. Das Dorf an der Landesstraße 523 steht stellvertretend für die kleinen Orte der „Hallo-Nachbar-Serie“. Viele Leser beteuerten nie zuvor etwas von Ansiedlungen wie Koyne, Dörrwolf, Bärhaus, Amandusdorf oder Lindenfeld gehört zu haben. Was im Fall Peitzendorf beeindruckte, war nicht die Tatsache, dass dort Ende des 19. Jahrhunderts australische Bennett-Kängurus ausgesetzt wurden und acht Jahre lang durchs Terrain hüpften oder dass dort die Plinse nur auf einer Seite gebacken werden (weil auf der anderen Seite keine Häuser stehen). Es war der einstige Plinse-Marathon, der die Leser der Heimatzeitung fesselte. Zu den „Verursachern“ zählten seinerzeit Sandra, Janine, Aldo, Marino, Miguel, Daniella, Norina, Djamila, Guido, Dario und Nico - allesamt Kinder von Karen Römuss und ihrem 2014 verstorbenen Mann Günther. „Wir haben sie alle groß bekommen“, sagt die elffache Mutter mit einem Augenzwinkern. Auch wenn es anfangs so manches Mal beschwerlich war, die benötigten Lebensmittel per Fahrrad aus dem mehr als zwei Kilometer entfernten Altdöbern heranzuschleppen. In einem energischen Brief an Erich Honecker wurde die Situation geschildert, die dazu geführt hat, der Familie 1979 einen Wartburg Tourist zur Verfügung zu stellen.

Es waren die kleinen menschelnden Geschichten oder Anekdoten, die bei der RUNDSCHAU-Dörferserie bewusst in den Fokus gerückt wurden. Anhand von Personen sollte erzählt werden, was unsere Dörfer so lebens- und liebenswert macht. An dieser Stelle ein Dank an alle auskunftswilligen Personen, die uns in ihre Höfe, Gärten und Seelen blicken ließen.

Lehde zählt zu den beliebtesten Ausflugszielen im Spreewald. Dabei können Besucher zwischen unterhaltsamen Festen und Veranstaltungen im Freilandmuseum wählen oder wohltuende Ruhe genießen.
Lehde zählt zu den beliebtesten Ausflugszielen im Spreewald. Dabei können Besucher zwischen unterhaltsamen Festen und Veranstaltungen im Freilandmuseum wählen oder wohltuende Ruhe genießen. FOTO: Uwe Hegewald