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| 02:45 Uhr

Medizin-Serie
Die verkannte Depression

Senftenberg. Herz oder Kopf? Eine Patientin kommt mit alarmierenden Symptomen in die Notaufnahme. Im Klinikum Niederlausitz geht man den Ursachen auf den Grund. karsten wolff

Ines Müller* (43 Jahre) stellt sich gegen 22.30 Uhr in der Notaufnahme vor. Sie klagt über Herzschmerzen, Druck auf der Brust, Schweißausbruch und Schwindel. Der diensthabende Internist ist alarmiert. Die Patientin wird sofort an den Überwachungsmonitor angeschlossen. Nach 45 Minuten kommt die Entwarnung. Weder EKG noch Laborwerte zeigen Hinweise auf einen Herzinfarkt. Eine stationäre Aufnahme ins Krankenhaus ist nicht erforderlich.

Die Patientin ist zwar erleichtert, ihre Angst, "dass da irgendetwas nicht in Ordnung ist" bleibt aber dennoch bestehen. Schließlich wird der diensthabende Psychiater hinzugerufen.

Ines Müller ist davon anfangs nicht begeistert. Sie ist überzeugt, ein körperliches Problem zu haben und nicht "verrückt" zu sein.

Abseits von der Hektik der Notaufnahme versucht der Kollege des Zentrums für Psychosoziale Gesundheit (ZfPG) mit der Patientin ins Gespräch zu kommen. Er erläutert ihr die Zusammenhänge zwischen körperlichen Symptomen und psychischen Faktoren und Erkrankungen wie zum Beispiel Angststörungen und depressiven Erkrankungen.

Ines Müller bleibt diesen psychosomatischen Erklärungsmodellen gegenüber zunächst skeptisch, lässt sich aber motivieren, sich in den nächsten Tagen zwecks genauerer Abklärung in der Klinikambulanz des ZfPG vorzustellen und erhält bis dahin noch ein Notfallmedikament zur Beruhigung mit nach Hause.

In dem ausführlichen Gespräch, das die Patientin einige Tage später mit der Psychologin in der Psychiatrischen Institutsambulanz (PIA) führt, berichtet sie, bereits seit Langem an verschiedenen wechselnden Symptomen zu leiden wie zum Beispiel Kopfschmerzen, Schwindel, Ohrgeräuschen, anfallsartig auftretender Übelkeit, Kribbeln in den Armen, Druckgefühl auf der Brust.

"Seit Monaten machen mir körperliche Beschwerden zu schaffen. Meine Hausärztin hat mich gründlich durchgecheckt, aber nichts gefunden."

Auch Überweisungen zum Kardiologen und HNO-Arzt hätten keine organischen Ursachen ergeben. Dies bereite ihr Sorge und "drücke aufs Gemüt". Auch schlafe sie seit einigen Monaten schlechter, werde morgens sehr zeitig wach, grüble viel und verspüre weniger Elan und Antrieb. Neulich, auf einer Geburtstagsfeier bei guten Freunden, habe sie sich gar nicht freuen können. Die vielen Menschen hätten sie einfach nur angestrengt.

Sie fühle sich innerlich leer. Ehemann und Kinder hätten gesagt, dass sie sich verändert habe, schnell gereizt reagiere und sich immer mehr zurückziehe. Schon das Klingeln des Telefons würde Panik bei ihr auslösen.

Auch ihr Chef habe sie schon angesprochen, weil sie zunehmend unkonzentriert sei und sich vermehrt Fehler in ihre Arbeit eingeschlichen hätten, obwohl sie sonst ein sehr gewissenhafter Mensch sei. Hinzu komme noch die belastende Pflege der Schwiegermutter, die mit im Haus wohne, und schulische Probleme der ältesten Tochter, die ihr Sorgen mache.

Schließlich bricht die Patientin in Tränen aus. Der Druck der letzten Monate scheint von ihr abzufallen. Im geschützten Rahmen der Psychotherapiesitzung ist es nun möglich, Symptomatik und Behandlungsmöglichkeiten der depressiven Störung, unter der die Patientin offensichtlich leidet, zu besprechen.

Glücklicherweise ist die Erkrankung noch nicht so schwer ausgeprägt, dass eine stationäre Behandlung erforderlich wird. Daher wird entsprechend den aktuellen Leitlinien eine Kombinationsbehandlung mit einem modernen Antidepressivum und begleitenden ambulanten Psychotherapiesitzungen vereinbart.

Das Medikament wird nach Aufklärung unter engmaschiger ärztlicher Kontrolle in der Ambulanz schrittweise aufdosiert. Die regelmäßigen psychotherapeutischen Gespräche entlasten die Patientin zusätzlich.

Bereits nach drei Wochen berichtet Ines Müller, dass sie sich zunehmend besser fühlt und die Körpersymptome nachlassen. Insbesondere ihre Ängste, einen Herzinfarkt zu erleiden, treten nicht mehr auf.

Ines Müller nimmt noch einige Zeit Termine in der Ambulanz wahr zur Therapieverlaufskontrolle und - um Rückfälle zu vermeiden.

* Name geändert

Zum Thema:
Die Klinikum Niederlausitz GmbH ist ein Unternehmensverbund mit zwei Krankenhäusern an den Standorten Senftenberg und Lauchhammer. Sie beschäftigt circa 1200 Mitarbeiter. Mit dem Konzept einer "Persönlichen Medizin" ist werteorientiertes Handeln für und mit den Patienten und Mitarbeitern Unternehmensstrategie. Das Klinikum hat insgesamt 504 Betten und 72 tagesklinische Plätze. Im Jah 2016 wurden insgesamt 18 060 Patienten stationär in Senftenberg und Lauchhammer behandelt. Das Zentrum für Psychosoziale Gesundheit (ZfPG) ist eine moderne Klinik zur Behandlung des gesamten Spektrums psychischer Probleme. Sie verfügt in Senftenberg über drei Stationen mit den Schwerpunkten Allgemein-Psychiatrie, Psychotherapie und Suchtmedizin sowie je 20 Tagesklinikplätze an den Standorten Senftenberg und Lauchhammer. Die Nachsorge erfolgt über die Psychiatrische Institutsambulanz (PIA). An der Klinik arbeitet ein engagiertes, multiprofessionelles Team aus Ärzten, Psychologen, Pflegekräften, Sozialarbeitern, Ergotherapeuten und Physiotherapeuten, welches sich dem Prinzip der persönlichen Medizin verpflichtet fühlt. Dafür werden verschiedene, auf den Bedarf der von einer psychischen Störung betroffenen Menschen abgestimmte, pharmakologische, psychotherapeutische und soziotherapeutische Behandlungsangebote vorgehalten. Alle Methoden der modernen Diagnostik, einschließlich testpsychologischer, neuroradiologischer und elektrophysiologischer Methoden, stehen zur Verfügung.