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Die Schlüsselfrage entscheidet den Fall

Senftenberg. Der Schließmechanismus am Tatort erschüttert die Glaubhaftigkeit des Opfers. Der Vergewaltigung angeklagter Senftenberger bekommt wegen sexueller Nötigung eine Haftstrafe. Der Mann bleibt gegen Auflagen frei. Andrea Budich

Zwei Verhandlungstage und mehrstündige Beweisaufnahmen lang hat sie gedauert, die schwere Suche nach dem Recht. Die Vergewaltigung einer 18-jährigen Schülerin am Vorabend zum Himmelfahrtstag vor einem Jahr konnte dem angeklagten 28-jährigen Senftenberger am Ende nicht nachgewiesen werden. Widersprüchliche Aussagen, ein Schloss, das nicht schließt, Erinnerungslücken und Ungereimtheiten ließen das Gericht unter Vorsitz von Strafrichter Harald Rehbein zu dem Schluss kommen, dass eine sexuelle Nötigung zu bestrafen ist.

Das erschüttert zum Prozess-Ende die komplett anwesende Familie der heute 19-Jährigen. Vater, Mutter und Bruder sind fassungslos. Ihrer Tochter sei keine Gerechtigkeit widerfahren, stellt die hilflose Mutter (47) fest, die den Glauben an die Justiz in diesem Moment verliert.

Dabei war es für die Schülerin keine leichte Entscheidung, zur Polizei zu gehen und auszusagen. Als Opfer ist sie zugleich Hauptzeugin und daher verpflichtet, sich haarklein an jedes kleinste Detail wieder und immer wieder zu erinnern. Der Täter hingegen hat es einfacher: Er kann laut Strafprozessordnung schweigen.

"Das Urteil ist für mich ein Schlag ins Gesicht", sagt Linda K. (Name geändert) mit dem Abstand einiger Tage. Damit meint sie weniger die Höhe des Strafmaßes. "Es gibt keine Strafe, die dafür angemessen wäre", sagt sie. Dass die Vergewaltigung am Ende in den Augen des Gerichts aber nur eine sexuelle Nötigung ist, lässt die zarte junge Frau verzweifeln. Sie bereut es heute, überhaupt zur Polizei gegangen zu sein und würde diesen schweren Gang auch keinem anderen Opfer empfehlen. Rechtsmittel gegen das Urteil wird die Senftenbergerin nicht einlegen. Denn nach dem Prozess hat sich ihr Gesundheitszustand weiter verschlechtert. Die Alpträume sind wieder da. Für Linda K. haben ihre letzten Worte vor Gericht Bestand: "Er hat mein Leben komplett zerstört."

Die schwierige Frage, ob es in besagter Nacht in der Einliegerwohnung ihres Freundes, der zu dieser Zeit als Bundeswehrsoldat im Auslandseinsatz im Kosovo war, zur Vergewaltigung durch dessen Bruder Lars kam oder nicht, hatte das Gericht zu klären. Außer dem beschuldigten Täter und dem Opfer selbst gibt es keine Tatzeugen. "Die Beweisführung ist in solchen Fällen immer sehr schwierig. Aussage steht gegen Aussage", erklärt Staatsanwältin Tosca Lindner. Während Linda K. aussagt, dass sich der Bruder ihres Freundes mit einem Zweitschlüssel Zugang zur verschlossenen Einliegerwohnung verschafft habe und sie im Halbschlaf auf der Couch trotz heftiger Gegenwehr vergewaltigte, sagt der Angeklagte aus, die Tür sei offen gewesen. Seinen Anwalt lässt der 90-Kilo-Mann im Holzfällerhemd verlesen, dass er zugebe, Linda an den Handgelenken fest an sich herangezogen zu haben. Sie habe sich mit einem seitlichen Faustschlag gegen seinen Kopf gewehrt. Daraufhin habe er von Linda abgelassen und das Zimmer wortlos verlassen. Eine vollendete Vergewaltigung hat es diesem Geständnis zufolge nicht gegeben. Auch eine Entschuldigung lässt der Angeklagte von seinem Anwalt emotionslos verlesen. Danach werden von ihm keine Fragen mehr beantwortet.

Am Ende bleiben dem Gericht Zweifel, ob das schwere Verbrechen einer Vergewaltigung tatsächlich stattgefunden hat. Objektive Beweismittel gibt es nicht, das Geständnis des Angeklagten kann nicht widerlegt werden. Zum Schlüsselmoment im Prozess wird das Schloss zum Tatort, also zur Einliegerwohnung. Linda hatte ausgesagt, sie habe die Tür abgeschlossen. Und so, wie sie es von ihren Eltern zu Hause kenne, den Schlüssel von innen stecken lassen. Ob der Angeklagte sich mittels eines Zweitschlüssels tatsächlich Zugang verschaffen konnte, hat Richter Harald Rehbein bei einem Ortstermin höchst selbst überprüft. Er ließ sich in der Wohnung einschließen. Der Staatsanwältin scheitert daran, das Schloss mit einem Zweitschlüssel zu öffnen, weil dies technisch nicht möglich ist. Diese Tatsache hat für Tosca Lindner Beweiskraft. Der Vater des Angeklagten sagt zudem aus, dass am ursprünglichen Schließsystem nach der Tat nichts ausgewechselt wurde.

Am Ende bleibt es nicht allein beim Schloss-Problem. Widersprüche gibt es zum Tatverlauf, in den Schilderungen bei der Polizei und später in der Hauptverhandlung bis hin zur Frage, ob Linda bei der angeklagten Vergewaltigung einen BH getragen hat oder nicht. In der Zusammenschau aller Punkte kann das Gericht der Aussage der Hauptzeugin nicht folgen. Die Tat ist dem Angeklagten nicht nachzuweisen. Der Senftenberger hat sich einer sexuellen Nötigung schuldig gemacht. Strafrechtlich noch nie in Erscheinung getreten und geständig eingelassen, wird er zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und fünf Monaten, ausgesetzt auf eine dreijährige Bewährungsfrist, verurteilt. Er hat zudem die Kosten für das Verfahren zu tragen und an die Opferhilfe des Landes Brandenburg 1200 Euro zu zahlen.

Der Richterspruch bringt Linda keinen Frieden. Ihre Alpträume sind wieder schlimmer geworden. Sie will vergessen, nimmt Beruhigungstabletten. Aber ihr Körper wehrt sich dagegen.