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Die Schere bleibt in Familienhand

Waschen, schneiden, legen: Christine Porada (l.) kann nicht mehr zählen, wie vielen Kunden sie diesen Wunsch im Klettwitzer Salon schon erfüllt hat. Die 71-Jährige hat ihre letzte Dauerwelle gelegt. Heute übergibt sie Schere und Föhn an ihre junge Nachfolgerin Susann Jakwert.
Waschen, schneiden, legen: Christine Porada (l.) kann nicht mehr zählen, wie vielen Kunden sie diesen Wunsch im Klettwitzer Salon schon erfüllt hat. Die 71-Jährige hat ihre letzte Dauerwelle gelegt. Heute übergibt sie Schere und Föhn an ihre junge Nachfolgerin Susann Jakwert. FOTO: Rasche/str1
Klettwitz. Friseurmeisterin Christine Porada aus Klettwitz legt nach 55 Berufsjahren Schere und Kamm aus der Hand. Ein Generationenwechsel im Handwerk ist haarscharf geglückt. Andrea Budich

Sie ist in Klettwitz eine Institution. Seit knapp 35 Jahren wäscht sie den Klettwitzern den Kopf. Waschen, schneiden, föhnen, legen - das ist ihre Mission. Heute legt Christine Porada Schere und Kamm aus der Hand und beendet damit eine Ära.

Dabei hat ein Zufall die heute 71-jährige Friseurmeisterin 1983 nach Klettwitz gespült. Christine Porada stammt von der Ostseeküste. In der Zeitung entdeckt sie damals eine Annonce zum Verkauf eines Hauses mit zwei Wohnungen und einem Friseursalon in Klettwitz. Das Interesse der Friseurmeisterin, die schon immer davon träumte, sich selbstständig zu machen, war sofort geweckt. Oben wohnen, unten arbeiten war genau das, was sie immer schon wollte. Dafür weg von der Küste in die Kohlegegend ziehen? Für Christine Porada keine Hürde. Von der Klettwitzer Bürgermeisterin unterstützt, geht ihr Plan auf. Christine Porada macht sich im beschaulichen Bergarbeiterort selbstständig. Am 7. Dezember 1983 eröffnet sie den Salon mit drei Bedienplätzen in der Kostebrauer Straße 9. Bei der ersten Terminvergabe stehen die Leute Schlange. "Da wusste ich, dass die Klettwitzer mich annehmen", erinnert sie sich mit ein klein wenig Wehmut.

Dauerwellen für 15 DDR-Mark wickelt sie damals im Akkord. "Da wurden an guten Tagen die Fingerspitzen dünn", erinnert sie sich. Für den Trockenschnitt zahlen die Klettwitzer Herren 80 Pfennig. Und die Damen kommen jede Woche zum Haare legen. Im Laden gibt es einen Festiger und ein Shampoo. Mangelwirtschaft eben. Die Friseurmeisterin aber lässt sich jede Menge einfallen, um die Wünsche ihrer Kundinnen zu erfüllen. Für die Rundbürsten, die es nicht gab, ist ihr Vater zuständig. Der Tischler setzt kurzerhand einen Holzgriff an Flaschenreiniger an. Natürlich in drei verschiedenen Größen, damit die Lockenwelle sitzt. Für die damals beliebte leichte Blauspülung muss Stempelfarbe herhalten. "Die habe ich einfach gemixt", plaudert sie aus dem Nähkästchen.

Die Wende nutzt die umtriebige Geschäftsfrau, um ihren Laden zu vergrößern. Sie zieht um in die Kostebrauer Straße 3. Im April 1994 geht sie dort mit sieben Bedienplätzen und zwei Mitarbeiterinnen an den Start. Was die Kundschaft, die bis aus Dresden und Pirna nach Klettwitz rollt, all die Jahre hält, sind Diskretion und kreatives Handwerk aus Meisterhand.

Dass ihr Salon zum Abschied in Familienhand bleibt, macht Christine Porada sehr glücklich. Denn so muss sie nicht von einem auf den anderen Tag von der Bildfläche verschwinden. Hilfreich einbringen will sie sich jedenfalls auch künftig. Schere und Kamm von der Senior-Chefin übernimmt jetzt Susann Jakwert, die Mutter von Urenkelin Leonie (6). Für die Selbstständigkeit hat die 36-Jährige ihren guten Job im öffentlichen Dienst aufgegeben. Die Fachfrau aus dem Garten- und Landschaftsbau schult um zur Friseurin und hängt die Meisterschule nahtlos an. "Wer Bäume schneiden kann, kann auch Haare schneiden", sagt sie kurz und bündig. Vom Klischee im Friseurberuf, nur ein bisschen schneiden und plaudern, hält sie nicht viel. Sie will mit Handwerkskunst überzeugen, wie es ihr Christine Porada beigebracht hat. Und dazu gehören in Klettwitz auch die Dauerwellen, die andernorts nur noch ganz selten gewickelt werden.