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Die lustigen Weiber von Dörrwalde

Erst leeren Dörrwaldes Frauen mit dem Hofbesitzer ein Gläschen, dann bitten sie auf der Straße zu einem Tänzchen.
Erst leeren Dörrwaldes Frauen mit dem Hofbesitzer ein Gläschen, dann bitten sie auf der Straße zu einem Tänzchen. FOTO: Steffen Rasche/str1
Dörrwalde. Das Lausitzer Brauchtum wird im Großräschener Ortsteil liebevoll gepflegt. Beim Zampern sind im Dorf die Rollen ganz klar geteilt: die Frauen ziehen von Gehöft zu Gehöft, die Männer schneiden Speck und schwingen die Pfannen. Andrea Budich

Ein Schnäpschen trinken, gern auch zwei oder drei, singen, Fettbemmen verputzen, auf der Straße tanzen und das alles mit ordentlich Tschingderassabum - das alles ist in Dörrwalde ausschließlich reine Frauensache. "Zumindest beim Zampern ist das so bei uns", bestätigt Katleen Nuglisch. Dass sich im Dorf mit der alten Holländermühle als Wahrzeichen ausschließlich Damen auf den beschwerlichen Weg von den Ausbauten ganz weit draußen bis zur Mühle begeben, hat sich vor vielen Jahren einfach so ergeben. Inzwischen ist daraus ein Ritual geworden und sogar ein Markenzeichen: Zampern ist in Dörrwalde weiblich.

Dörrwaldes Männer nehmen das gelassen und haben sich über die Jahre in ihr Schicksal gefügt. "Wir lassen die Frauen ziehen und kümmern uns um die rückwärtigen Dienste", versucht Dorfvereinschef Raik Hähner die Dörrwalder Welt zu erklären. Was übersetzt so viel heißt wie: Dörrwaldes Männer feiern nicht, Dörrwaldes Männer stehen in der Küche. Das geht schon am Freitagabend vor der großen Zamperrunde los. Dann ist bei Gastwirt Ulrich Joost in der "Waldschänke" erster Treff zum Kartoffeln aufsetzen und schälen. Die Erdäpfel sind dann die Grundzutat für die riesigen Bratkartoffelpfannen, die Dörrwaldes Männer am Sonnabend für ihre Frauen auf den Kohleofen setzen. Dazu gibt es Rührei. "Mit Eierkuchen wären sie restlos überfordert", sagt Birgit Brühl. Dörrwaldes Fastnachtsmahl ist daher nicht süß, sondern deftig: Bratkartoffeln mit Rührei.

In der Zampergesellschaft gibt es genaugenommen nur einen Mann. Das ist Hobbybauer Willi Richter, der seinen Sonderstatus sichtlich genießt. Er kutschiert die Damen zu den abseits gelegenen Ausbauten mit dem Kremser. Dafür holt er entweder seine Pferde aus dem Stall oder seinen frisch gewienerten Kleintraktor mit 58 PS. Kissen, Decken und ein wärmendes Fell - der Frührentner hat alles dabei, damit es den Frauen gut geht. Er hilft beim Auf- und Absteigen und zählt nach dem Absitzen auch durch, ob alle wieder an Bord sind. Die Fahrt dauert nicht einmal zehn Minuten. "Normalerweise könnten die Frauen laufen. Aber Tradition ist Tradition", sagt Willi Richter und hat dabei von seinem Bock aus die lustigen Weiber aus Dörrwalde immer im (Rückspiegel-)Blick.

Lustig ist die Runde schon vor dem ersten Eierlikör. Dazu gehört das Dörrwalder-Urgestein Gudrun Kozlecki - diesmal als Weihnachtsfrau getarnt. Sie hat beim Zampern noch nie gefehlt. Dabei ist sie inzwischen, wie sie selbst sagt, eine "ausgewanderte Dörrwalderin". Will heißen: sie wohnt in Großräschen. Dem Dorfverein, der beim Zampern alle Fäden in der Hand hat, hält sie trotzdem die Treue.

Mit Strohhut und Blume im Knopfloch geht Renate Kupsch mit auf Tour. Sie ist in Dörrwalde geboren und beim Zampern schon als junges Mädel mitgelaufen. Normalerweise hätte sie heute Schicht gehabt. "Die übernimmt mein Chef für mich, damit ich nicht fehle", sagt sie schnell bevor es los geht zur Annemarie-Polka auf dem Hof der Wirtschaft von Bärbel und Joachim Weist.

Ihr Gehöft bei den Ausbauten gehört traditionell zur ersten Station der Zampergesellschaft. Kutscher Willi Richter drosselt dort seine Pferdestärken und lässt zur Warnung die Hupe erschallen. Was freilich nicht nötig ist, weil sich die komplette Familie schon vor dem Hoftor versammelt hat. Drinnen dampft schon der Glühweintopf, und Oma Helga Weist, die extra dafür aus Brieske angereist ist, hat an die 50 Pfannkuchen mit Pflaumenmus abgebacken.

Während noch der Teller mit den Leberwurststullchen rumgereicht wird, zeigen die "fidelen Gaglower", was sie drauf haben. Ilona Höfig vom Gaglower Carnevalsverein bringt die große Trommel auf einem ausrangierten Kinderwagengestell in Position - und schon geht sie ab, die Post auf dem Hof der Familie Weist. Erika Liersch mit Trompete und Klaus-Harald Kliem am Tenorhorn schmettern einen Gassenhauer nach dem nächsten. Die 3-Mann-Blaskapelle ist seit zig Jahren die Haus- und Hof-Kapelle der Dörrwalder Zamperfrauen.

Zu denen gehört an diesem Samstag erstmals Margit Schwedler, die sich gekonnt unter einer Hühnerkappe versteckt. Vor 14 Jahren im Dorf heimisch geworden, will sie sich als Zugezogene jetzt langsam auch ans Zamper-Ritual rantasten. "Ihre Jungfernrunde", erklärt Birgit Brühl aus dem Dorfverein. Spätestens nach dem zweiten Likörchen und der Polonaise ist Margit Schwedler auf den Geschmack gekommen. Für ihren Mann hatte sie vorsichtshalber das Mittagessen vorgekocht.

Apropos Mann. Die Dörrwalder Männer schneiden Speck und Zwiebeln und schlagen reihenweise Eier auf, während die Frauen den Eichenweg bis hoch zur Mühle und dann wieder zurück bis zur "Waldschänke" abklappern und dabei auch an der Hofbar von Familie Marotzke hängenbleiben. "Die spezielle Rollenverteilung hat sich eingespielt. Wir gönnen das den Frauen", sagt Dorfvereinschef Raik Hähner. Und weil Dörrwaldes Ortsvorsteher mit Jörg Bergner ein Mann ist, steht auch der Dorfchef beim Zampern nicht mit einem Schnäpschen am Hoftor, sondern mit Schürze in der Küche.

Zamper-Stopp am Haus von Natalie Kaufers mit Söhnchen Paul. Die Zamperfrauen empfängt sie mit frisch gebrühtem Kaffee.
Zamper-Stopp am Haus von Natalie Kaufers mit Söhnchen Paul. Die Zamperfrauen empfängt sie mit frisch gebrühtem Kaffee. FOTO: Rasche/str1