Kunstwiesen gibt es auch heute noch, doch sind sie kaum mehr als solche erkennbar. Eine der größten erstreckt sich südlich von Jannowitz, zwischen Ruhlander Schwarzwasser und Borngraben, hart an der sächsischen Grenze. Auf den ersten Blick sieht das ungefähr 17Hektar umfassende Areal wie jede andere Wiese aus: eben und mit saftigem Viehfutter bewachsen.

Doch wer die Historie des Gebietes kennt, kann im dichten Gras kleine Hügelwellen ausmachen. Das waren sogenannte Rabatten, ein wesentlicher Bestandteil der Kunstwiesen. Diese wurden angelegt, um zwei, drei und mehr Ernten im Jahr einfahren zu können. Nach Angaben der Chronik existierten einst insgesamt 230Hektar dieser außergewöhnlichen Landnutzungsform rund um Jannowitz. Neben der Kunstwiese südlich des Ortes gab es weitere rund um den Großen Dub, einem Teichgebiet, sowie in Richtung Hermsdorf und Guteborn. Die Offenflächen trugen Bezeichnungen wie beispielsweise „Das Reservoir“, Ruseckwiesen, Bornteichwiesen, Birkenwiese und Zschuchwiesen.

Ihre Entstehungsgeschichte reicht in die erste Hälfte des 19.Jahrhunderts zurück. Damals fanden in Deutschland die Separationen statt. Das bedeutete eine neue Aufteilung der Landwirtschaftsflächen. Dem auf Schloss Hermsdorf geborenen Grafen Georg Ernst von Gersdorff (1794 -1860) gehörten damals die Ländereien um Jannowitz. Nach Angaben des Ortrander Archivars Reinhard Kißro war eine freie Gutsinspektorstelle am Grafenhof der Auslöser für das Kunstwiesen-Projekt. Demnach hatte sich der Wiesenbaumeister Patzig in Jannowitz beworben und wurde angenommen. Der Inspektor war zuvor auf der Wiesenbauschule in Siegen im Siegerland tätig. Von dort brachte er seine ausgereiften Ideen mit, die schließlich bei Jannowitz ihre praktische Umsetzung fanden.

Was alte Karten verraten

Laut alten Karten waren die auserwählten Areale mit Kiefernwald bewachsen oder wurden als Acker bewirtschaftet. Zunächst wurden die Bäume gerodet und der Rasen abgerollt. Anschließend folgte der Bau von ungefähr 50Zentimeter hohen Rabatten. Darüber hinaus entstand ein ganzes Netz von Be- und Entwässerungsgräben. Schließlich bildete beständig fließendes, sauberes und gleichmäßig verteiltes Wasser das A und O der Kunstwiesen. In der Jannowitzer Umgebung begann deren Anlage um 1838.

In der darauffolgenden Zeit wurden im Ort Wiesenbau-Fachleute ausgebildet. Diese stammten vorwiegend aus dem östlichen Europa, vor allem aus dem Baltikum. So erlangte die Jannowitzer Wiesenbaukunst eine europaweite Bekanntheit.

Die Kunstwiesen wurden bis in das 20. Jahrhundert bewirtschaftet. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte im Zuge der Bodenreform eine Aufteilung der Flächen an die Bauern. Bei Meliorationen ging das Landschaftsbauprojekt weitestgehend kaputt. Die alten Stichgräben wuchsen zu, eine Versumpfung setzte ein. Immerhin konnten sich verschiedene seltene Pflanzen noch lange Zeit behaupten. So wurden bei einer Kartierung im Jahr 1980 mehr als 50Exemplare des Breitblättrigen Knabenkrautes, einer Orchideenart, gezählt. Daraufhin erhielt die Jannowitzer Kunstwiese den Status als Flächennaturdenkmal.

Verworfener Plan

Im Jahr 1999 sollte das Areal als Sehenswürdigkeit in die damals im Aufbau begriffene Straße der Wettiner integriert werden. Laut Reinhard Kißro war sogar daran gedacht worden, auf einem Teil des Areals das ursprüngliche Bewässerungssystem wieder herzustellen. Allerdings kam es aus mehreren Gründen nicht dazu.

Immerhin konnten durch das Engagement von Revierförsterin Ellen Zschech im Jahr 2000 fünf Infotafeln aufgestellt werden. Diese geben Auskunft zur Wiesenhistorie sowie zur Flora und Fauna des umgebenden Waldes.