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| 18:37 Uhr

Strukturwandel
Die kleine Lausitzer Revolution am Rotorblatt

Der Prototyp eines geschlossenen Rotorblatt-Wartungssystems - damit soll die Reparatur von Rotorblättern revolutioniert werden.
Der Prototyp eines geschlossenen Rotorblatt-Wartungssystems - damit soll die Reparatur von Rotorblättern revolutioniert werden. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Ruhland. Zwei Start-up-Unternehmen aus dem südbrandenburgischen Ruhland gehen bei der Reparatur von großen Windanlagen völlig neue Wege. Die guten Marktperspektiven haben einen polnischen Milliardär überzeugt, als Investor einzusteigen. Von Christian Taubert

Gut zehn Jahre lang hat Ole Renner an Ideen getüftelt, die irgendwann Projekte und in die Praxis überführt wurden. Beim renommierten Entwicklungsdienstleister „Leichtbau-Zentrum Sachsen GmbH“ in Dresden war er Entwicklungsingenieur, Projekt- und Gruppenleiter. Der studierte Maschinenbauer (mit Vertiefung Leichtbau) hat Start-ups auf dem Weg in die unternehmerische Zukunft begleitet. Ole Renner gehörte auch zu den Experten, jungen Unternehmen im Leichtbaubereich die Fördertöpfe von Land, Bund und Europäischer Union zu öffnen.

Doch als sich der 37-jährige Vater dreier Kinder vor zwei Jahren entschied, den Job in der sächsischen Innovationsschmiede aufzugeben, um ein vielversprechendes Start-up-Unternehmen zu gründen, staunte er nicht schlecht. Die Fördermittelkasse aus dem EU-Programm „Europäischer Fonds für regionale Entwicklung“ (EPRE) war in Sachsen geschlossen. „Wir sind genau zwischen zwei Förderperioden geraten. Aber wir brauchten das Geld“, schildert Ole Renner, wie er und sein Geschäftspartner Holger Müller zu Fördermittel-Flüchtlingen wurden. Denn als sie sich kurzerhand entschieden, über die Landesgrenze ins brandenburgische Ruhland (Oberspreewald-Lausitz) zu gehen und hier ihre Geschäftsideen vortrugen, „da hat man uns den roten Teppich ausgerollt“. Eine Technologie-Firma mit viel Potenzial, das den Strukturwandel in der Lausitz befördern könnte – solche Start-ups sucht Brandenburgs Wirtschaftsförderung händeringend.

Renner und Müller kamen mit ihrer WP Systems GmbH nach Ruhland, um einen neuartigen „Fahrstuhl“ zur Reparatur von Rotorblättern von Windanlagen zu bauen. Das Patent dafür hatte Holger Müller in der Tasche. Er war bereits zehn Jahre lang jenem Lift auf der Spur, der in schwindelerregender Höhe ganzjährig, bei Wind und Wetter, die Reparatur von Rotorblättern ermöglichte. „Was bisher auf dem Gebiet abläuft, ist Urzeit-Technik“, sagt Ole Renner. Es dauere gut drei Stunden, bis die Gerätschaften aufgebaut und die Monteure am Rotorblatt seien. Bei Rissen müssten drei bis fünf Schichten des Faserverbundmaterial freigelegt werden. Es werde Schicht für Schicht geklebt, um letztlich mit einer Heizmatte auf dem Leck dafür zu sorgen, dass die Schichten aushärten. Wenn es zu windig werde oder Regen komme, müssen die Monteure runter vom Windrad. Ohnehin könne nur gut ein halbes Jahr am Rotorblatt gearbeitet werden.

Der Prototyp eines geschlossenen Rotorblatt-Wartungssystems (Foto unten) ist in den Flügel einer Windanlage eingefädelt. Mit ihren zwei Start-up-Unternehmen im südbrandenburgischen Ruhland sind die Geschäftspartner Ole Renner und Holger Müller auf dem Weg, den Markt der Reparatur von Rotorblättern von Windanlagen zu revolutionieren.
Der Prototyp eines geschlossenen Rotorblatt-Wartungssystems (Foto unten) ist in den Flügel einer Windanlage eingefädelt. Mit ihren zwei Start-up-Unternehmen im südbrandenburgischen Ruhland sind die Geschäftspartner Ole Renner und Holger Müller auf dem Weg, den Markt der Reparatur von Rotorblättern von Windanlagen zu revolutionieren. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau

Das ändert sich gerade mit der neuen Technologie von der WS Systems. Der Prototyp des mobilen geschlossenen Rotorblatt-Wartungssystems ist unentwegt „auf Wanderschaft“. Windenergie-Unternehmen testen den Fahrstuhl aus Ruhland, müssen sich selbst von den Vorteilen des High-Tech-Lifts überzeugen. Der fädelt sich – am Turm aufgehängt – von unten ins Rotorblatt ein, wird bis zum Leck hochgezogen und umschließt den Flügel. „Damit können wir ganzjährig am Rotorblatt arbeiten“, erklärt Renner mit einem Seitenhieb auf jene Experten, „die uns belächelt haben, weil an einer solchen Lösung schon zig Erfinder vor uns gescheitert wären“. Immerhin werden in der Montagehalle zurzeit die ersten beiden Wartungssysteme für Kunden in Rumänien gebaut.

Die kleine Revolution bei der Reparatur von Rotorblättern geht aber nicht nur auf die WS-Wartungskabine zurück. Vielmehr hat Ole Renner fast zeitgleich die structrepair GmbH gegründet, die einen neuartigen Kleber und die dazugehörige Prozesstechnologie entwickelt hat und vermarktet. Dafür stand den Ruhlandern der Kontakt zu einem polnischen Start-up in Szczecin Pate. „Die Polen kannten nur die Chemie ihres Produktes. Das war im Ruhezustand wie eingefroren“, erläutert Geschäftsführer Renner. Aber beim Einsatz wie beim Kleben eines Rotorblattes härte das Produkt nach 25 Minuten aus.

Geschäftsführer Ole Renner auf dem Firmengelände in Ruhland vor dem Prototypen eines mobilen geschlossenen Rotorblatt-Wartungssystems für Windanlagen. Das Exemplar ist bei Wartungs- und Betreiberfirmen stark nachgefragt, um die Neuheit zu testen.
Geschäftsführer Ole Renner auf dem Firmengelände in Ruhland vor dem Prototypen eines mobilen geschlossenen Rotorblatt-Wartungssystems für Windanlagen. Das Exemplar ist bei Wartungs- und Betreiberfirmen stark nachgefragt, um die Neuheit zu testen. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau

Rotorblatt-Wartungssystem plus Reparatur-Kit – diese Verzahnung steigert den Einsatz vor Ort um hundert Prozent auf 200 Wochentage im Jahr. „Jetzt ging es Schlag auf Schlag“, erinnert sich Ole Renner. Der Businessplan war schnell geschrieben und „die polnischen Partner hatten bereits nach einem Investor Ausschau gehalten“. Den polnischen und österreichischen Unternehmer und Großinvestor an der polnischen Börse, Michal Solowow, überzeugte das Konzept. Der Milliardär hat sich vor allem vor dem Hintergrund der Marktperspektiven der Ruhlander Start-ups Beteiligungen gesichert.

Auf welcher Basis sich der Optimismus gründet, erläutert Ole Renner: „Unsere größten Kunden werden die Hersteller der Windanlagen sein. Denn sie bieten ihre Windräder mit Vollwartungsverträgen für zehn Jahre an.“ Aus Ruhland werden dafür effektive Reparatur-Technologien angeboten. Zudem werden Rotorblätter nach Renners Angaben aufgrund der dünneren Wände „eher anfälliger“. Die Wartung gehöre zum Geschäftsmodell.

WindpowerSystems und struct­repair sind darauf vorbereitet. Neben dem jetzigen Firmengelände in Ruhland sind bereits Erweiterungsflächen gesichert. Und noch immer zeigt sich der Dresdner Jungunternehmer, der wie viele weitere der zurzeit 20 Mitarbeiter mit der Bahn aus Sachsen anreist, von dem Ansturm hoch qualifizierter Metallbauer aus der umliegenden Region angetan. „Das haben wir so nicht erwartet.“