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Die Geheimnisse der Ortrander Innungsladen

Klaus Hauptvogel mit der Ortrander Schützenlade, die sein Großvater dem Heimatverein übergeben hat.
Klaus Hauptvogel mit der Ortrander Schützenlade, die sein Großvater dem Heimatverein übergeben hat. FOTO: Mirko Sattler/sam1
Ortrand. Klaus Hauptvogel erforscht die Historie des Handwerks an der Pulsnitz. Der Mathematiker hat überraschende Geschichten gefunden. Kathleen Weser

Den Geheimnissen der Ortrander Innungsladen geht Klaus Hauptvogel auf den Grund. Seit zwei Jahren. Und er hat wahre Schätze der Handwerker in den sieben alten Truhen gefunden - die bis zu den Geheimfächern leer oder verschlossen sind. Unter größten Mühen. Denn im Heimatverein 1912 für Ortrand und Umgebung herrschen strenge Regeln: Aus den schon mit spitzer stählerner Feder geschriebenen Chroniken werden keine Erkenntnisse einfach übernommen. An den Quellen wird geforscht.

Das historische Findbuch zum Ortrander Handwerk hat Klaus Hauptvogel deshalb im Rathaus-Archiv zuerst angefordert. Noch ziemlich ahnungslos. "Plötzlich stand ich vor einem ganzen Wäschekorb mit alten Büchern", bestätigt er lachend. Nach dem ersten Schock habe er sich aber sicher gezeigt, die alten sächsischen Papiere natürlich lesen zu können. Der deutschen Sütterlinschrift, ab 1915 in Preußen eingeführt, sei er schließlich dank der Großeltern mächtig. "Aber ich konnte gar nichts entziffern, was ich natürlich nicht zugegeben habe. Denn die Bücher sind noch in der Kurrentschrift geschrieben worden", erzählt der Ortrander. Klaus Hauptvogel hat die Seiten abfotografiert und dann am Computer durch den Vergleich mit den alten Buchstaben und Zahlen aufwendig entziffert. Die Arbeit hat sich gelohnt.

Den Innungsladen haben die Handwerker das Innungsbuch und das Vermögen anvertraut. Gut verschlossen. Nur bei offener Lade wurden Lehrlinge zum Gesellen freigesprochen und Gesellen zum Meister lobgesprochen. Am 24. Mai anno 1649 ist Urban Gaßmann in Ortrand Schuhmachermeister geworden. Nach schwerer Prüfung. "Den 1. tag da ein Handwerck die haut bey Schauet hat haben die ein Recht Vesgen bier getrunken Und Also einen gutten Anfang gemacht" - so das Protokoll. Übersetzt heißt das: Das Leder ist angesehen und ein rechtes Fässchen Bier geleert worden. "Des 2. tages alß Er geschnitten hatt ein Erbar Handwerck Ein gut gerichte Fische Und eine halbe Donne bier Zum besten gehabt weil der liebe gott gelick und segen Zum Meister Schnitt gegeben hat", wird es fortgesetzt. Mit den ehrbaren Meistern der Stadt sind demnach ein gutes Fischgericht und eine Tonne Bier verzehrt worden, weil Glück und Segen zum Lederzuschnitt erteilt werden konnten. Auch am dritten Prüfungstag wurde wieder aufgetischt - Bier und Kuchen, denn das Leder war eingefärbt. "Gentzlich verfertigt", also ganz fertig und tüchtig, hatte Urban Gaßmann das Werk am vierten Tag schließlich vollbracht, was natürlich mit einem zünftigen Meisteressen gekrönt wurde. Das ist im Innungsbuch, das in der Lade sicher aufbewahrt wurde, dokumentiert. Die Lade der Tuchmacher ist aus Eichenholz, das Schloss ist handgeschmiedet, die Griffe sind original erhalten - und das Geheimfach ist unter einem Fuß der Truhe zu finden. Das Jahr, aus dem sie stammt, ist unbekannt, dafür aber ist der Schlüssel noch vorhanden. Das kleine und das große Innungsbuch sind hoch interessant. Die Artikel (Gesetze) der Innung sind 1555 geschrieben und 1584 vom Landesherren in Dresden erneut genehmigt worden.

Die große Sorge um den guten Ruf des Tuchmacherhandwerks ist ebenfalls nachzulesen. Paragraf V der Satzung regelt: "Wenn ein Tuch halb so dünne ist, Soll fünf groschen straff geben, Und ein ohr abgeschnitten werden …" Zuvor hatte es Ärger mit den Kaufleuten auf dem Jahrmarkt gegeben. Die hatten der Zunft schlechte Ware und damit Betrug vorgeworfen. Die restriktive Qualitätsnorm war die Folge. Aber das Ohr, das im Stadtmuseum neben dem Innungsbuch ausgestellt ist, ist aus Plastik.

Vier der sieben Ortrander Innungsladen tragen auf dem hölzernen Boden, in den sich hier und da auch schon respektlos der Holzwurm gefressen hat, Daten nach Stadtbränden. Sie sind also nach herben Verlusten neu angefertigt worden. Überliefert ist im Innungsbuch der Tuchmacher eine Beschreibung des verheerenden Stadtbrandes vom Januar 1706, die sich mit den Schilderungen von Ortrander Geschichtsschreibern deckt. 62 Häuser wurden in Schutt und Asche gelegt. Und der Obermeister, der "mit ganzer Not" getroffen worden war (also selbst völlig abgebrannt war), hatte nur die Innungslade retten können. "So wichtig ist sie den Handwerkern der Zunft gewesen", kommentiert Klaus Hauptvogel. Das Feuer war während schwedischer Besatzung ausgebrochen. Und die Ortrander behaupteten, die Soldaten hätten die Stadt angezündet. Der schwedische Stadtkommandant wiederum erklärte, dass den Heimischen noch bis zwei Uhr morgens Bier ausgeschenkt worden war und die Ortrander selbst für den Brand verantwortlich seien. Ein Streitfall der Stadtgeschichte, der ebenso wie eine Schlägerei in der Ortrander Kirche ungeklärt bleibt. Da den historischen Niederschriften zufolge nicht zu ergründen war, wer den Streit vom Zaume gebrochen hatte, müssten beide Seiten jeweils eine halbe Kanne Bier ausgeben. Und der Frieden war wieder hergestellt.

Überliefert ist auch, dass die Tuchmacherinnungen des Umlandes die Ortrander nach jedem der zahlreichen Stadtbrände mit Spenden wieder auf die Beine halfen. Die Großenhainer, die der Kleinstadt an der Pulsnitz bis heute eng verbunden sind, sind stets am großzügigsten gewesen. Doch auch die Tuchmacherinnungen aus Döbeln, Görlitz, Dahme, Finsterwalde und Torgau haben gespendet.

Vor der entscheidenden Völkerschlacht zu Leipzig (1813), bei der Napoleon in die Knie gezwungen wurde, sind den Schilderungen der Innung zufolge Soldaten aller Lager durch Ortrand gezogen: 52 Mann der später siegreichen preußisch-königlichen und russischen Truppen, 4000 Kosaken, 20 000 hätten bei Burkersdorf in Richtung Kleinkmehlen campiert und seien dann nach Elsterwerda und weiter nach Mühlberg über die Elbe gen Leipzig gezogen. 500 Ellen Tuch mussten den Kosaken geliefert werden. Die Stadt Ort rand hat der Innung die Kosten später erstattet.

"Die Tuchmacher haben geschrieben, 80 000 Soldaten seien hier gewesen. Das will ich nicht behaupten. Sicher sind es gefühlt so viele gewesen", interpretiert der Mathematiker dies schmunzelnd mit Blick auf die leer geräumten Scheunen und Speisekammern der Bürger. Historisch belegt sei nur, dass Soldaten in Ort rand waren. "So viel zur Wichtigkeit der Quellenforschung", sagt Hauptvogel. Zweifellos aber ist Ortrand eine Stadt mit einer sehr alten und großen Handwerkstradition. Die gilt es, weiter zu erforschen. Da sind die Mitstreiter im Heimatverein gnadenlos. In einem Jahr erwarten sie die Fortsetzung der Laden-Historie.