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Die Flüchtlingsvita beginnt schon als Kind

Die in Schwarzheide geborene Renate Hensel war als Fünfjährige selbst auf der Flucht. Das Flüchtlingsthema begleitet sie ihr ganzes Leben. Sie erforscht die Geschichten von Menschen aus der Region, die ihre Heimat verlassen mussten und veröffentlicht sie in Bücher.
Die in Schwarzheide geborene Renate Hensel war als Fünfjährige selbst auf der Flucht. Das Flüchtlingsthema begleitet sie ihr ganzes Leben. Sie erforscht die Geschichten von Menschen aus der Region, die ihre Heimat verlassen mussten und veröffentlicht sie in Bücher. FOTO: Jan Augustin
Senftenberg. Renate Hensel aus Senftenberg erforscht Schicksale von Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten. Als Fünfjährige war sie eine von ihnen. Jan Augustin

Das Schicksal von Wolfgang Lehmann lässt Renate Hensel keine Ruhe. Der Groß räschener hatte in der RUNDSCHAU vom Montag seinen Weg in sowjetische Gefangenschaft vor 70 Jahren geschildert. Mit solchen Biografien kennt sich die Senftenberger Autorin Renate Hensel bestens aus. Das Thema Flucht beschäftigt sie ihr ganzes Leben. Es beginnt als Fünfjährige. Ende März 1945 wird bei den Angriffen auf das ehemalige Synthesewerk auch das Haus ihrer Familie zerbombt. Der Räumungsbefehl für Schwarzheide wird am 21. April um sechs Uhr morgens erlassen, erinnert sich die heute 77-Jährige. Statt Pferde spannen sich die Eltern vor den Bauernwagen und ziehen mit Hab und Gut, der kleinen Renate und ihrer zweijährigen Schwester durch die Landschaft. Viel übrig geblieben ist nicht von den Erinnerungen.

Bomben, Hunger, Angst

Einige Details haben sich aber "tief eingeprägt": Bomben, Hunger, Vergewaltigungen, Diebstahl - und Angst. Auf ihrem Weg in Richtung Chemnitz kommt sie mit ihrer Familie zufällig bei Bekannten unter. Sie schlafen in Scheunen und Häusern am Wegesrand. Nach zwei Wochen werden sie wie so viele andere Flüchtende eingekesselt. "Westlich die Amerikaner, östlich die Russen. Deshalb sind wir umgekehrt und zurückgegangen", erklärt sie.

"Meine Erlebnisse sind jedoch unscheinbar gegen die Geschichten, die ich von meinen Interviewpartnern hörte, welche jahrelang durch die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges vertrieben wurden und auf der Flucht waren", sagt die ehemalige Deutsch- und Kunstlehrerin, die sich im Verein "Unsere Welt, eine Welt" engagiert.

Zerrissene Wege

In ihrem Buch "Zerrissene Wege" hält sie die Leidenserfahrung von Vertriebenen aus der Region fest - oft auch von Russlanddeutschen. "Wer einmal ihre Lebenswege kennt, wird diese Menschen mit anderen Augen und großem Respekt sehen", sagt sie. Da ist zum Beispiel die Geschichte von Jakob Kasdorf (geb. 1931), dem Platt sprechenden Wolgadeutschen, der nach Kasachstan vertrieben wurde, dessen Mutter und fast alle Verwandten an Hunger starben. Im Interview berichtet er von seinem Leben. Im Ural habe er sich als "Russenjunge Jascha" ausgegeben, um nicht in den Verdacht eines deutschen Spions zu kommen. Im Autowerk in Mias baute er eine tiefe, väterliche Freundschaft zu einem deutschen Gefangenen auf. Nach dem Krieg, nun als Russlanddeutscher in Senftenberg, habe er ihn gesucht und wiedergefunden.

Parallelen zum Schicksal des Großräschener Wolfgang Lehmann erkennt Renate Hensel auch zu den Verhaftungen nach 1945. "Bis zur Gründung der Republik verschwanden Menschen aus konstruierten Gründen", erläutert sie. Ein Zeitzeuge, mit dem sich die Autorin während ihrer Forschungsarbeit trifft, ist Günter B. (geb. 1931). Er sei 1947 als Jugendlicher aus Senftenberg wegen des Verdachtes, den "Wehrwölfen" angehört zu haben, von den Besatzern verhaftet und für drei Jahre ins KZ Sachsenhausen gebracht worden. Renate Hensel erinnert sich auch an die traurige Geschichte der Künstlerin Margo Wendt (1907 - 1978), die als Dolmetscherin im Senftenberger Krankenhaus, den Russen plötzlich verdächtig erschien.

Trauriges Schicksal

Ihrem Mann, dem Maler Günther Wendt und den vier Kindern entrissen, wurde sie 1946 von einem sowjetischen Militärtribunal zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt und nach Sibirien in den Gulag gebracht. Erst 1956 kam sie frei, weil sie als gebürtige Russin mit einem Deutschen verheiratet war. "Viele Betroffene haben Tagebuch geführt oder ihre Lebenswege aufgeschrieben. Sie zu lesen, ist zutiefst berührend, erschütternd, aber auch voller Achtung dafür, wie stark Menschen sein können", sagt Renate Hensel.