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| 10:52 Uhr

Direktorin der Krankenpflegeschule Klettwitz in Ruhestand verabschiedet
Die Chefin von 250 Mädels

Bärbel Wunderlich verabschiedet sich aus ihrem Berufsleben dort, wo sie am liebsten gestanden hat: in einem Klassenraum der Klettwitzer Krankenpflegeschule, in dem sie Anatomie unterrichtete. Die Schüler sind weg, die Stühle hochgestellt - für die langjährige Direktorin haben sich die Schultüren geschlossen.
Bärbel Wunderlich verabschiedet sich aus ihrem Berufsleben dort, wo sie am liebsten gestanden hat: in einem Klassenraum der Klettwitzer Krankenpflegeschule, in dem sie Anatomie unterrichtete. Die Schüler sind weg, die Stühle hochgestellt - für die langjährige Direktorin haben sich die Schultüren geschlossen. FOTO: Steffen Rasche
Nach über 45 Berufsjahren hat Direktorin Bärbel Wunderlich aus Altersgründen die Krankenpflegeschule Klettwitz verlassen. Das Schul-Konzept schreibt sie vor 24 Jahren unterm Dach des einstigen Bergmannskrankenhauses. Von Andrea Budich

Unter Krankenschwestern zwischen Cottbus und Dresden ist sie ist eine Institution. Eine, die auf den Klinikfluren noch Bestand hat, obwohl sie seit exakt vier Wochen schon ihr Rentendasein im beschaulichen Hohenbocka genießt.  Dabei hat die 63-Jährige für den Süden Brandenburgs Pionierarbeit geleistet. Sie ist ein Urgestein - gleichermaßen geschätzt vom Chefarzt bis zum Pfleger.

Die Krankenpflegeschule, heute unterm Dach des Familiencampus Lausitz, hat sie aus dem Nichts aufgebaut. Später ist Bärbel Wunderlich Chefin der vier Campusschulen mit rund 250 Schülern. Dieser Verdienst, verbunden mit der großen Liebe zu ihrem Beruf als Medizinpädagogin, die am liebsten Anatomie unterrichtet hat, ist mit ihrem Namen untrennbar verbunden.

Dabei hatte sie den Chefsessel ursprünglich nicht im Blick. Als junges Mädel war sie nur zu gern mit der Sanitasche bei den Jungen Sanitätern unterwegs. Dass sie mal Krankenschwester wird, war da schon so gut wie vorgezeichnet. Obwohl der Vater ihr zur Lehrer-Karriere rät, lernt sie im Krankenhaus Lauchhammer und an der medizinischen Fachschule Cottbus den Beruf der Krankenschwester. Erste Berufserfahrungen sammelt sie in Lauchhammer auf der Chirurgie, der Geburtsstation und auf der Inneren.

Das ganz normale Krankenschwester-Dasein hat für Bärbel Wunderlich aber schon nach zwei Jahren ein Ende. Zum ersten Mal in ihrer beruflichen Karriere wird sie abgeworben. Weil es zu ihren großen Begabungen gehört, Wissen spielend leicht weiterzugeben, soll sie  die Ausbildung der letzten Klasse der Sprechstundenschwestern in der Poliklinik in Lauchhammer-Ost übernehmen. „Die haben gemeint, ich würde mich eignen“, erinnert sich Bärbel Wunderlich an ihren Weggang aus dem Krankenhaus.

Sie bleibt drei Jahre – bis sie erneut abgeworben wird. Diesmal für die Betriebsakademie des Gesundheitswesens des Rates des Kreises in Senftenberg, an der Fachkrankenschwestern genauso ausgebildet werden wie Krippenerzieherinnen. Als Lehrkraft eingestiegen, arbeitet sie sich schnell zur stellvertretenden Chefin hoch - und sitzt am Ende auf  dem Direktorinnen-Stuhl. Nebenbei zieht sie acht Jahre lang ein Fernstudium Medizinpädagogik in Potsdam und an der Charité in Berlin durch.

Als die Wende kommt, wird sie wieder abgeworben. Ein Vertreter von der Akademie Berufliche Bildung aus Osnabrück wird auf die Powerfrau aufmerksam. Er bittet sie, für die Region Senftenberg, Ruhland und Großräschen eine Zweigstelle für Osnabrück aufzubauen. Bärbel Wunderlich sagt zu – aber nur unter der Bedingung, ihre letzte Klasse Krankenpflegehelfer der Betriebsakademie mitbringen zu dürfen, damit die Schüler nach einjähriger staatlicher Ausbildung auch einen Abschluss bekommen. Ihr damaliger Chef aus Osnabrück hat nicht daran geglaubt, dass die Frau aus dem Osten das schafft. „Ich fresse einen Besen, wenn Ihnen das gelingt“, hat er ihr damals gesagt.

Das lässt sich die Neue nicht zweimal sagen. Sie schnappt sich die Zeugnisse ihrer 25 Krankenpflegehelfer ins spe und lässt sich einen Termin bei der Ministerin geben. Nach Hause fährt sie mit der staatlichen Anerkennung für die 25 Pflegehelfer. Ihr Chef musste später in einen Besen aus Hefeteig beißen, weil sie es tatsächlich geschaftt hatte, ihre Schüler durchzubringen.

Die Abwerberei, die sich wie ein roter Faden durch den Lebenslauf von Bärbel Wunderlich zieht, geht weiter, als 1994 der damalige Klinikchef bei Bärbel Wunderlich auf der Matte steht. Er fragt, ob sie Lust habe, eine Krankenpflegeschule aufzubauen, die es im Süden Brandenburgs damals nicht gibt.

Bärbel Wunderlich schreibt in einem kleinen Zimmer unterm Dach des Bergmannskrankenhauses in Klettwitz ein Konzept – und zieht es so schnell durch, dass die Schule am 1. Oktober 1994 in der alten Klettwitzer Grundschule tatsächlich aus dem Nichts eröffnet werden kann. Los geht es mit einer Klasse. Später werden daraus drei mit 60 Schülerinnen. „Die Bewerberinnen haben uns die Türen eingelaufen“, erinnert sich Bärbel Wunderlich an Jahre mit mehr als 300 Bewerbungen aus allen Himmelsrichtungen.

Als 2004 das neue Krankenpflegegesetz kommt, strickt Bärbel Wunderlich als Arbeitsgruppen-Leiterin mit am neuen Rahmenlehrplan für die Gesundheits- und Krankenpflege fürs Land Brandenburg. Im Jahr 2010 zieht sie mit ihrer Schule aufs neue Gelände des Familiencampus Lausitz und eröffnet zeitgleich eine Altenpflegeschule mit 140 Schülern. Später kommt die Schule für operationstechnische Assistenz hinzu. Am Ende sind es mit der Gesundheits- und Krankenpflegehilfeschule vier Schulen mit bis zu 250 Schülern unter dem großen Campusdach – für alle hat Bärbel Wunderlich den Hut auf. Für sie selbst keine große Sache, um die sie Aufhebens machen will. „Das ist halt so gewachsen“, beendet sie es kurz und knapp.

Dasein für den anderen und immer ein offenes Ohr für die Probleme ihrer Mädchen – das war in all den Jahren stets ihr Anspruch. Sich im Direktorenzimmer hinter Aktenbergen zu verstecken - das war ohnehin nie ihr Ding. Ihre Tür stand immer offen und am liebsten hat die Direktorin auch immer noch selbst vor den Klassen gestanden und unterrichtet. Anatomie und Physiologie sind ihre Steckenpferde. Dass Schülerinnen von ihr bis heute die Anatomie-Zeichnungen aus ihrem Unterricht aufbewahren, das freut Bärbel Wunderlich ganz besonders.

Zum Abschied gab es jede Menge Blumen, Präsente, Karten, E-Mails und Telefonate - aber auch einige Tränen. Dass sich so viele ihrer  Weggefährten und Schülerinnen an sie erinnern, hat Bärbel Wunderlich sehr überrascht und glücklich gemacht. „Am Ende hat mein Vater wohl Recht behalten“, gibt sie schmunzelnd zu. Der hatte schließlich gleich gewusst, dass sie sich zur Lehrerin und Schulleiterin mehr eignet als zur Krankenschwester.

Inzwischen ist Bärbel Wunderlich im Ruhestand, aber ruhig ist sie nicht. Für sie hat ein ganz anderes Leben begonnen. „Ich war glücklich mit meinem Beruf, er war für mich Berufung, ich habe ihn mit Leib und Seele gemacht. Dennoch vermisse ich nichts“, sagt die 63-Jährige. Große Pläne für ihr Rentnerdasein hat sie nicht. „Ich lasse alles auf mich zukommen, will einfach mal Mensch sein und jetzt endlich mein Heimatdorf nicht nur im Dunkeln sehen“, freut sie sich darauf, viel Zeit mit der Familie zu genießen und an Haus und Hof zu werkeln.