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| 02:45 Uhr

"Der Wirtschaftskreislauf funktioniert immer besser"

Ob Jobtour im Frühjahr oder neuerdings mit den Städten des Wachstumskerns Westlausitz die Rückkehrerbörse (hier Senftenberg) - die Arbeitsagentur versucht mit vielen Mitteln und Arbeitsmarktinstrumenten, die nach wie vor zahlreichen freien Stellen zu besetzen.
Ob Jobtour im Frühjahr oder neuerdings mit den Städten des Wachstumskerns Westlausitz die Rückkehrerbörse (hier Senftenberg) - die Arbeitsagentur versucht mit vielen Mitteln und Arbeitsmarktinstrumenten, die nach wie vor zahlreichen freien Stellen zu besetzen. FOTO: Augustin
Die Arbeitslosenzahlen gehen seit Jahren im Landkreis zurück. Das liegt nicht nur an den Renteneintritten, den Wegziehenden und Qualifizierungsmaßnahmen, sagt Lars Albrecht, Bereichsleiter des Geschäftsstellenverbundes Oberspreewald-Lausitz der Agentur für Arbeit. Da steckt auch viel Qualifizierungs- und Vermittlungsarbeit drin. Manfred Feller

Ist der Rückgang der Arbeitslosigkeit vor allem demografisch bedingt oder steckt mehr dahinter?"Unsere Zahlen sprechen dafür, dass Arbeitslose nicht nur in den Ruhestand, sondern auch in Arbeit gegangen sind", sagt Lars Albrecht. Binnen eines Jahres, bis Ende Dezember 2016, sind mehr als 900 Frauen und Männer weniger als arbeitslos gemeldet. Im ganzen Landkreis sind 6157 Menschen ohne Job. Die Gesamtquote ist auf etwa zehn Prozent gesunken. Noch vor wenigen Jahren war dieser Wert kaum vorstellbar.

Im Jahresverlauf 2016 haben sich im OSL-Kreis immerhin 14 456 Menschen arbeitslos gemeldet. Die Statistik verlassen haben aus den unterschiedlichsten Gründen (Arbeit, Rente, Wegzug, Qualifizierung) aber 15 354 Personen. Allein die Agentur hat mehr als 900 von den Firmen gemeldete Stellen besetzen können, ebenso 164 Ausbildungsplätze.

Welche Gruppen haben besonders profitiert?"Alle Gruppen, auch die Langzeitarbeitslosen", so Lars Albrecht. Deren Anzahl hat sich um 554 auf 2917 verringert. Langzeitarbeitslos ist, wer mindestens ein Jahr keiner Beschäftigung nachgeht. Im Norden des Landkreises sind es aktuell nur 622 Personen. "Unser besonderes Ziel war es, die Jugendarbeitslosigkeit unter fünf Prozent zu drücken. Das haben wir geschafft", so der Agenturchef. Momentan sind noch 197 junge Leute bis 25 Jahre ohne eine Beschäftigung. Instrumentarien, um sie wieder heranzuführen, sind zum Beispiel das Nachholen eines Schulabschlusses, eine Qualifizierung oder direkt das Vermitteln in Arbeit. "Es sind schwierige Fälle darunter. Aber wir haben die Jugendberufsagentur im Haus, in der alle Partner von der Berufs- bis hin zur Schuldnerberatung ,gebündelt' sind", erläutert Lars Albrecht.

Was treibt den Arbeitsmarkt im Landkreis an?

"Die Nachfrage in der Wirtschaft steigt. Der Tourismus wächst. Fachkräfte gehen in Rente. Deren Stellen müssen nachbesetzt werden", nennt der Agenturleiter nur einige Faktoren. Viele Firmen und Menschen verdienen aber auch gutes Geld und lösen ihrerseits Aufträge aus, die Arbeitsplätze sichern. "Der Wirtschaftskreislauf funktioniert immer besser", ist er sicher.

Die Anzahl der arbeitslosen Ausländer ist weniger stark gestiegen als durch den Flüchtlingsstrom befürchtet. Warum? "Aktuell haben wir in dieser Gruppe 273 Arbeitslose. Viele anerkannte Flüchtlinge befinden sich in Deutsch- und Aufbaukursen. Unsere Kurse werden gut besucht", sagt Lars Albrecht. Nicht wenige Personen sind aber auch weggezogen. Bisher sei es gelungen, 44 Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Sie finden sich zumeist in Helferjobs wieder, weil sie keine Abschlüsse haben oder nachweisen können oder die Anerkennung dauert. Untergekommen sind sie vornehmlich in der Lagerwirtschaft, aber auch in der Produktion und im Einzelhandel. Um die Flüchtlinge unterzubringen, damit sie nicht ausschließlich auf Hilfen angewiesen sind, seien 260 Arbeitgeber angesprochen worden. Binnen eines Jahres sind mit Flüchtlingen insgesamt 930 Gespräche über deren berufliche Entwicklung geführt worden.

Was bringen die verbleibenden Wintermonate?"Auf jeden Fall keine Veränderungen zu den Vorjahren. Die Arbeitslosenquote steigt stets leicht an", so Lars Albrecht. Das Ende der Fahnenstange sei noch nicht erreicht. Denn in dem Bereich Hotel und Gaststätten werden aufgrund der saisonalen Flaute nicht selten im Januar Mitarbeiter entlassen. Dagegen nutzt die Baubranche das Saisonkurzarbeitergeld, um die auf dem Markt begehrten Kräfte zu halten. Wer doch entlassen wurde, habe gute Chancen. Denn bereits jetzt liegen der Agentur Stellenangebote für den Arbeitsantritt im Monat März vor.

Geht der Rückgang der Arbeitslosigkeit so weiter?"Wir gehen weiterhin ganz fest davon aus, weil wir im Landkreis und darüber hinaus gute Beschäftigungsmöglichkeiten haben. Die zentralen Prognosen sprechen ebenfalls dafür", bleibt der Leiter zuversichtlich. Auch im Winter treffen bei der Agentur im Landkreis monatlich mehr als 200 neue Stellenangebote ein.

Es wäre ein Meilenstein: Wann fällt im Süden des Landkreises die 10-Prozent-Marke bei der Arbeitslosenquote?

"Spätestens im Frühjahr kommen wir unter zehn Prozent. Diese sehr gute Entwicklung werden wir auch dank der Integrationsarbeit des OSL-Jobcenters erreichen", ist Lars Albrecht überzeugt.

Experten bestreiten, dass es einen Fachkräftemangel gibt.

Der Agenturleiter stimmt dem zu: "Über alles betrachtet haben wir keinen Fachkräftemangel, sondern in einigen Branchen Engpässe." Gesucht werden vorrangig Facharbeiter - zum Teil händeringend und seit langer Zeit vergeblich. Wie wäre es mit selber ausbilden? Laut der Agentur gibt es in vielen Firmen noch erhebliches Potenzial, um das eigene Problem zu lösen. Bequemer sei es natürlich, auf den Markt zuzugreifen, sich fertige Leute zu holen.

Viele Firmenchefs beklagen aber einen Mangel an geeigneten Bewerbern auf einen Ausbildungsplatz.Wer richtig sucht und sich auch etwas einfallen lässt, der habe meistens auch Kandidaten gefunden, heißt es. "Wir empfehlen aber auch, die Lücken mit Leistungsschwächeren und anerkannten Flüchtlingen zu schließen", sagt Lars Albrecht. Die Arbeitsagentur unterstütze die Firma und den potenziellen Azubi dabei, sich der geforderten Qualität zu nähern. Es gebe Branchen, die diesen Weg bereits nutzen.

Welche Anstrengungen werden noch unternommen?

Über eine Umschulung, eine abgeschlossene Qualifikation, werden derzeit im Süden des Landkreises 31 Frauen und Männer unterschiedlicher Altersgruppen, zumeist nicht mehr jüngere Leute, zum Facharbeiterabschluss geführt. Darunter sind angehende Altenpfleger, Zerspanungsmechaniker, Schweißer und Berufskraftfahrer - alles Berufe, die gefragt sind.

Politiker hatten einst vollmundig behauptet, dass Asylbewerber in die Fachkräftelücken springen.Nach Angaben der Arbeitsagentur sind etwa 80 Prozent der anerkannten Flüchtlinge aufgrund ihrer mangelnden Qualifikation beziehungsweise fehlender Nachweise lediglich als Helfer geeignet. Die wenigen Akademiker seien gut vermittelbar, bleiben aber oft nicht hier, sondern ziehen in die Ballungszentren.

Weiteres Potenzial bieten die Rückkehrwilligen.

"Wir wollen junge Menschen, die wir in den Jahren 1997 bis 2002 mit einem Jobbonus von seinerzeit bis zu 5000 D-Mark, später Euro, ,wegvermittelt' haben, wieder zurückholen. Dazu haben wir bei den Rückkehrertagen besonders die hier gebliebenen Familien angesprochen. Wir bieten unbefristete Beschäftigung, eine berufliche Weiterentwicklung, einen guten Verdienst und eine familienfreundliche Region", so Lars Albrecht. Knackpunkt sei natürlich sehr oft das Geld. Geringe Abschläge im Vergleich zum Westen würden in Kauf genommen. Für den Mindestlohn komme keiner zurück.

Wie können die bei der Agentur gemeldeten 615 freien Stellen im OSL-Süden und die 341 Stellen im Norden zu den 4437 beziehungsweise 1723 gemeldeten Arbeitslosen gebracht werden?"Aufgrund der guten Stellensituation können wir jeden in die Vermittlung einbeziehen. Es gibt keine hoffnungslosen, aber sehr schwierige Fälle mit komplizierten Rahmenbedingungen", weiß Lars Albrecht nur zu gut. Genau mit diesen Fällen habe tagtäglich das Jobcenter zu tun. Die einen Arbeitslosen freuen sich über das Angebot, die anderen müssen sich damit - vornehm ausgedrückt - erst auseinandersetzen.

Die Arbeitslosenzahl sinkt. Schrumpft auch die Arbeitsagentur?"Auch wir passen uns der Entwicklung an, bauen ab. Dies geschieht überwiegend durch Rentenabgänge. Jene Stellen werden dann nicht mehr besetzt", sagt Lars Albrecht.