ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:10 Uhr

Der Tradition verpflichtet

Kleinkoschen.. Wenn die Zeit stehen bleiben könnte, dann hat sie es mitten in Kleinkoschen getan. Zwischen all den neu blitzenden Eigenheimen steht das Gasthaus Heerenz. Schlichter weißer Strukturputz, versteckt hinter alten Linden. Nichts, woran der Blick hängen bleibt. Nur wer einkehrt, der wird innehalten, sich umschauen und Geschichte fühlen. In der fünften Generation führt Familie Heerenz den Gastbetrieb. Seit 1856. Vieles hat sich seither nicht verändert. Von Dörthe Hückel


 „Ich hänge ja dran, mir würde was fehlen.“
 Christa Heerenz


Erst quer durch das Lokal, vorbei am Tresen, die Küchen-Tür zur Rechten, dann durch die cremefarbene antike Schiebetür, an der die Farbe schon abblättert, mitten hinein in den Saal, der schon seit fast 100 Jahren zum Gasthaus gehört - und die Welt draußen ist vergessen. Ein Saal, der die Bezeichnung wirklich verdient. Bestimmt sieben Meter hoch, mit den Ausmaßen eines Fußballfeldes. Der Raum wird von Säulen gestützt, die Decke ist aufwändig mit Stuck verziert. In den Ecken stehen hellbraune Kachelöfen, elektrische Heizkörper gibt es nicht.
Wie viele Feste in dem Saal schon gefeiert wurden, das weiß keiner mehr. Aber es müssen sehr viele gewesen sein. Der Parkettboden ist abgewetzt, grau und stumpf. Als seien schon Millionen von Füßen über ihn getanzt. Alt sind auch Tische und Stühle, die Farbe an den Wänden - überhaupt alles in dem Saal, der irgendwann mal ein Schmuckstück gewesen sein muss.
Anfang der 90er-Jahre hat Christa Heerenz, die Besitzerin in der fünften Generation, zum letzten Mal gestrichen. „Seitdem ist nichts mehr passiert“ , sagt die 52-Jährige und zuckt dabei mit den Schultern. Den Laden zu halten, darum würde es seit der Wende ausschließlich gehen. Ans Renovieren wagt sie gar nicht zu denken.
Die blonde Frau nimmt einen Bilderrahmen von der Wand - mit einem vergilbten Schwarz-weiß-Foto drin, auf dem der Saal vor Ewigkeiten abgelichtet wurde. Sie zeigt auf die Fenster: „So wie hier, mit gerafften Gardinen, das hätte ich gern wieder.“ Nur ein Traum. Seitdem es keine Bergarbeiter mehr gibt, die nach der Schufterei in der Kohle zum Feierabendbierchen einkehren, muss die Geschäftsfrau jeden Cent umdrehen. Mit dem normalen Gaststättenbetrieb sei jedenfalls nichts mehr zu verdienen.
Christa Heerenz hat sich darauf spezialisiert, Familienfeiern und Kaffeenachmittage für Vereine zu veranstalten. Ein zäher Kampf. Manchmal, da hat die vierfache Mutter schon daran gedacht, alles hinzuschmeißen. „Aber ich hänge ja dran, es würde was fehlen.“
1972 kam die gebürtige Zeißholzerin nach Kleinkoschen, heiratete den Sohn von Martha Heerenz, der Besitzerin vom Gasthaus. Daran, das Lokal mal zu übernehmen, habe sie damals noch nicht gedacht. Auch wenn sie von Anfang an in dem Gasthaus lebte - in der Wohnung über dem Lokal, bis heute.
Als ihre Schwiegermutter Mitte der 80er-Jahre starb, da hatte sie plötzlich gar keine Wahl mehr. Der Ehemann hatte im Bergbau ein sicheres Einkommen, also musste sie ins kalte Wasser springen. Machte eine Ausbildung zur Köchin, wuchs nach und nach in die Verantwortung hinein.
Manchmal wird die Gastronomin von den alten Leuten im Ort heute noch mit dem Namen ihrer Schwiegermutter angeredet. Vielleicht, weil sie vieles genauso macht - zum Beispiel hat sie das Rezept für den traditionellen Gänsebraten, den es zum Kirmesfest im Oktober gibt, original übernommen. 200 Keulen bereitet sie dann vor, fängt schon am Freitag an, damit sie Sonntagabend, wenn der Saal voll ist, fertig ist.
Einmal im Monat bittet die Wirtin zum Tanzabend. Dass auch einige Neu-Kleinkoschener den Weg in das Dorflokal finden, darüber freut sie sich. Es treffen sich Alteingesessene und Neubürger, alte und junge Leute. Und dann geht es in dem Saal ein bisschen so zu wie früher, als Kleinkoschen noch ein kleines Bauerndorf war und der Gastbetrieb der Mittelpunkt. „Sogar der Turnverein hat Anfang des Jahrhunderts in dem Saal trainiert“ , weiß Dorfchronist Helmut Ruhland.
Auch nach dem Krieg, als viele Höfe dem Tagebau weichen mussten, war der Gasthof immer voll Leben. Viele von denen, denen zu ihrer Jugend immer auch die Gaststätte einfällt, kommen heute noch. Die Volkssolidarität und der Heimatverein treffen sich regelmäßig zum Kaffeekränzchen. „Das Dorfleben funktioniert nur über die Gaststätte“ , sagt Ruhland. Und meint damit die Alteingesessenen.
Wie es mit ihrem Gasthof weitergehen wird, weiß Christa Heerenz nicht. Sie will jedenfalls weitermachen, solange es geht. Und wenn das Geschäft weiterläuft, dann hofft sie, dass eines ihrer Kinder einmal übernehmen wird.