ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:08 Uhr

Der Schwarzheider Dom wurde es nicht

Schwarzheide.. Dass der symbolische Grundstein für die evangelische Christuskirche um 1950 am Biertisch gelegt wurde, ist ein Gerücht. Wahrscheinlicher ist, dass sich Pfarrer Dr. Herbert Worbs und der ehemalige Bürgermeister Karl Kittelmann prima verstanden haben müssen. Für die damalige Zeit nicht unbedingt üblich und auch nicht gern gesehen. Von Manfred Feller

Der Geistliche und der ehemalige Bockwitzer Kneiper, Kommunist und Widerstandskämpfer hatten über alle ideologischen Schranken hinweg eine Gemeinsamkeit: Sie galten als trinkfeste „Brüder“ . Was auch immer unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit zwischen den beiden besprochen worden ist, am Ende hatte der gewiefte Pfarrer Worbs erreicht, dass seine Gemeinde im ehemaligen Dörfchen Zschornegosda (heute Schwarzheide-West) kommunalen Grund und Boden für den Kirchenneubau erwerben konnte. Das Gelände war allerdings ein Schuttabladeplatz.
Genosse Kittelmann half während der Bauphase noch einmal. Es fehlte Holz für den Dachstuhl. Ein Dresdner Betrieb konnte es aus der Tschechei besorgen, wollte aber wissen, ob die Kirchgemeinde überhaupt zahlen kann. Pfarrer Worbs war zunächst ratlos, hatte dann aber eine Idee und lud deswegen garantiert auch den Bürgermeister zu einem kleinen Umtrunk ein. Karl Kittelmann half erneut. Er lieh dem Pfarrer einen kommunalen Kontoauszug. Die Bauleute konnten weitermachen.
Zufall oder höhere Gewalt - nach der Einweihung der Christuskirche am 14. Juni 1953 wurde Kittelmann zur Kasernierten Volkspolizei (später NVA) gerufen.
Pfarrer Lutz Breitenbach, seit dem 1. Advent 1980 im Amt, kann heute über seinen aus Schlesien stammenden Vor-Vor-Vorgänger nur schmunzeln. Hatte er doch mit dem letzten DDR-Stadtoberhaupt, das auch das jetzige ist, nicht solche Erfahrungen gemacht und ihn zur Wendezeit mit seinem katholischen Kollegen und mit Hilfe des Runden Tisches aus dem Sessel gehoben. „Heute haben wir ein entspanntes Verhältnis“ , sagt der Geistliche.
Die Christuskirche ist der erste evangelische Kirchenneubau der sachsen-anhaltinischen Landeskirche nach dem Zweiten Weltkrieg. Der reine Zweckbau wird wegen seines einfachen Baukörpers und der eher soliden Innenausstattung von Beginn an als Behelfskirche geführt. Pfarrer Breitenbach hat kein Problem damit, dass es nicht der Schwarzheider Dom geworden ist, sondern nur ein ganz sicher noch lange stehendes Provisorium. Denn, wie sagte er bereits beim 40. Kirchweihfest 1993: „Die Christenheit soll sich auf dieser Welt nicht allzu häuslich einrichten . . .“ Auch wandern die Gläubigen, wie schon einst das Volk Israel vier Jahrzehnte lang durch die Wüste. Heute ist es die Arbeit, der sie nachlaufen und die Gemeinde, die sie zurücklassen müssen.
Wegen der Industrialisierung, die Menschen aus allen Richtungen anzog, war die 1754/55 errichtete barocke Lutherkirche Anfang des 20. Jahrhunderts längst zu klein geworden. Erst Jahrzehnte später gelang der Neubau. Heute sind die Gottesdienste „leidlich vernünftig“ besucht und finden weiterhin in beiden Kirchen statt. Wenn die neue Zeit Gutes gebracht hat, dann sind es die wegen ihrer Arbeit hierher ziehenden Menschen. „Sie bringen neue Ideen und damit frischen Wind in unsere dadurch lebendige Gemeinde“ , meint Pfarrer Breitenbach, der mit seiner Gattin, Kantorin Christa Breitenbach, einst aus Delitzsch in die Lausitz kam. „Haltet euch an die Kirchgemeinde, dann seit ihr in drei Tagen zu Hause“ , raten beispielsweise Beschäftigte in dem großen Chemieunternehmen ihren neuen Kollegen, damit diese hier schnell Kontakt finden und heimisch werden.
Dieses Kommen und Gehen sei zwar auch ein „beklagenswerter Zustand“ , doch solche Wanderungsbewegungen habe es immer gegeben. Und wenn die Gemeinden kleiner werden, müsse man sich eben darauf einstellen und reagieren. Pfarrer Lutz Breitenbach sieht deshalb alle Voraussetzungen gegeben, dass Schwarzheide und Lauchhammer eine Kirchgemeinde werden. „Das wäre ebenso vernünftig, wie das politische Zusammengehen der beiden Nachbarstädte.“ Ob daraus bis zum nächsten runden Kirchweihfest etwas geworden ist, wagt auch er nicht vorauszusagen.

Zum Jubiläum Das Programm
  Heute, 9 Uhr, Gottesdienst in der Lutherkirche (Dorfaue)
Morgen, 19.30 Uhr, Festkonzert in der Christuskirche, Ehemaligentreff des Jugendchores Ecclesia Cantica
Sonnabend, 17 Uhr, Sommerkonzert in der Kirche Klettwitz; 20 Uhr Festempfang zum 50. Jahrestag der Kirchweihe in der Christuskirche
Sonntag, 9 Uhr, Festgottesdienst in der Lutherkirche zur Goldenen Konfirmation; 10.30 Uhr, Abschlussmatinee mit Enthüllung des ersten Teils des künftigen Altarbildes