ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 07:17 Uhr

Neuer Pfarrer für Ruhland
Der „Reisepfarrer“ will heimisch werden

Karl Naumann ist für die nächsten zwei Jahre evangelischer Pfarrer in Ruhland. Am Sonntag wird er ins Amt eingeführt.
Karl Naumann ist für die nächsten zwei Jahre evangelischer Pfarrer in Ruhland. Am Sonntag wird er ins Amt eingeführt. FOTO: Richter-Zippack
Ruhland. Am Sonntag wird Pfarrer Karl Naumann in der evangelischen Kirche Ruhland ins Amt eingeführt. Der 33-Jährige hat sich für seine zweijährige „Probezeit“ bewusst für die Kleinstadt entschieden. Obwohl er auch die große Welt kennt.

Wenn es das Paradies auf Erden gäbe, würde sich Karl Naumann für Neuseeland entscheiden. „Ein Land mit sehr freundlichen Menschen und einer absolut faszinierenden Natur“, begründet der junge Pfarrer. Zehn Monate hat er bereits im Inselstaat am anderen Ende der Welt sowie in Australien gelebt. Allerdings nicht nur als Tourist, sondern unter anderem auch als Zirkus- und Hafenarbeiter sowie als Fachkraft auf einem Weingut. „Work and Travel“, zu Deutsch „Arbeiten und Reisen“, machte das für den jungen Mann einst möglich. „Eigentlich dachte ich immer, dass ich ein freundlicher und höflicher Mensch bin“, sagt Karl Naumann schmunzelnd. „Aber die Neuseeländer dachten, ich sei verbiestert. Deren enorme Lebensfreude muss man mal erleben.“

Neuseeland ist nicht das einzige Land, das der  heute 33-Jährige bereist hat. Er verweist auf seinen einjährigen Aufenthalt in Louisiana im US-amerikanischen Süden. „Nach den zwölf Monaten hatte ich meinen Highschool-Abschluss und den Führerschein in der Tasche“, erinnert er sich. Das ist inzwischen über anderthalb Jahrzehnte her. Und bereits nach der Wende habe der gebürtige Bad Muskauer und in Weißwasser sowie Görlitz aufgewachsene Mann gemeinsam mit den Eltern Europa bereist. „Seitdem verspüre ich immer ein gewisses Fernweh.“ Mehr noch: „Ich könnte mir sogar vorstellen, irgendwann nach Neuseeland auszuwandern.“

Jetzt ist Karl Naumann erst mal in Ruhland angekommen. Und zwar mit Kind und Kegel. Der zweifache verheiratete Familienvater tritt am Sonntag sein Amt als Pfarrer der örtlichen Kirchengemeinde an. Zunächst zwei Jahre auf Probe. Diese Phase müsse jeder frischgebackene Pfarrer durchlaufen. „Ich denke, Ruhland ist eine sehr gute Stelle für meine Entsendungszeit“, kommentiert Karl Naumann. „Entsendet“ wurde er indes von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, kurz EKBO, seine „Dienstherrin“.

Dass Karl Naumann Pfarrer werden würde, hat sich schon früh abgezeichnet. Kein Wunder, übt doch sein Vater das gleiche Amt aus. Das Theologie-Studium führte Karl Naumann zunächst an die Martin-Luther-Universität nach Halle, dann nach Marburg und schließlich an die Humboldt-Uni nach Berlin. In der Hauptstadt durchlief der Lausitzer eine Ausbildung zum Telefonseelsorger für Kinder und Jugendliche. „Etwa 80 bis 90 Prozent sind allerdings Scherzanrufe“, weiß Naumann aus Erfahrung. Doch er bekam es auch mit Gewaltopfern zu tun. Das sei ihm schon sehr nahe gegangen.

In Berlin lernte der angehende Pfarrer seine Frau kennen. „Sie ist ebenfalls ein großer Neuseeland-Fan“, erzählt Karl Naumann. Die Geoökologin schenkte ihm zwei Kinder, inzwischen zweieinhalb Jahre und sieben Monate alt.

Das Vikariat, also den kirchlichen Vorbereitungsdienst, wollte der Görlitzer definitiv nicht in der Großstadt bestreiten. „Ich kannte ja die Metropole, aber eben kein Dorf. Ich wollte wissen, wie es dort so zugeht“, lautet die plausible Begründung. Gesagt, getan: So entschied sich Karl Naumann für die Prignitz. „Elf Einwohner pro Quadratkilometer, jede Menge Natur und einsame Weiten, nur die Berge haben mir gefehlt“, beschreibt der Kirchenmann jenen Lebensabschnitt. „Nebenbei“ ließ er sich noch zum Religionslehrer ausbilden.

„Nach dem Vikariat plante ich, im Gegensatz zu zahlreichen Kollegen, keinesfalls wieder nach Berlin zurückzukehren“, erzählt Naumann. Die Lausitz sei dann ins Blickfeld gerückt, schließlich leben dort die Eltern. Der Superintendent der schlesischen Oberlausitz, Dr. Thomas Koppehl, habe der jungen Pfarrersfamilie zwei Einsatz­orte angeboten. Zum einen die seit Jahren vakante Pfarrstelle in Bluno/Geierswalde/Tätzschwitz. Zum anderen Ruhland. Die Wahl fiel auf das Elsterstädtchen. „Das hat uns auf Anhieb gefallen“, so Naumann.

Die gewachsene Struktur der Kleinstadt und die damit verbundene Ursprünglichkeit hätten ihm sofort zugesagt. Seine Frau sei zunächst skeptisch gewesen, doch inzwischen stehe sie voll und ganz hinter der Ruhland-Entscheidung.

Die dortige Kirchgemeinde bezeichnet der neue Pfarrer als „sehr schwungvoll und jung“. Er sei sehr positiv aufgenommen worden. Naumann sei jetzt für die Kirchgemeinden Ruhland und Hermsdorf zuständig, insgesamt rund 1300 Gläubige.

Karl Naumann hat gleich in den ersten Wochen eine Menge zu tun. Er freut sich auf seine erste kirchliche Trauung als Pfarrer. Im Juni ist es soweit. Darüber hinaus stünden bislang zwei Taufen sowie eine Beerdigung im Kalender, berichtet er.

Und was kommt nach den zwei Probejahren? „Da sind wir völlig offen. Nur soviel: Wir planen nicht von vornherein, dann hier wieder weg zu gehen, wenn die Probezeit beendet ist“, sagt Karl Naumann. Und der Traum von Neuseeland: „Wir sind doch noch so jung.“