Die Reihe der Gratulanten im Haus in Großkoschen dürfte lang ausgefallen sein, denn das Ehepaar ist durchaus prominent. Günter Flack war von 1958 bis 1973 Bürgermeister von Senftenberg und trägt nicht nur den Beinamen „der Märchenerzähler“ , sondern wird auch als „der Vater des Senftenberger Sees“ bezeichnet. Auch wenn es der Ehemann war, der im Rampenlicht stand, Anna Flack hat durch ihre engagierte Persönlichkeit ebenso Spuren hinterlassen. Sie hat am Aufbau des Dorfes aktiv mitgewirkt, und trotz ihrer 84 Jahre pflegt sie bis heute nicht nur den heimischen Garten, sondern harkt im Frühjahr auch öffentliches Grün. „Wenn ich könnte, würde ich heute noch mithelfen, etwas Neues aufzubauen“ , sagt sie.
Am Kaffeetisch mit Christstolle lässt es sich mit Günter Flack trefflich plaudern. Und wenn seine Ehefrau ihn nicht immer wieder mit einem sachten Hinweis stupsen würde, dann wäre es sicher Abend geworden. Aber wer so viel zu erzählen hat . . .
Anna und Günter Flack verbindet im Grunde ein ganzes Leben, denn ihre gemeinsame Geschichte begann schon in der Grundschule an. „Wir haben uns nie aus den Augen verloren, auch durch den Krieg nicht“ , sagt der 84-Jährige. Am 16. September 1945 kehrte er aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück, am 1. Januar 1946 heirateten die beiden. Sie waren das erste Brautpaar nach dem Krieg im Kirchenkreis in Skado, einem Dorf, das wie viele andere der Braunkohle weichen musste. Zusammen mit mehreren anderen Familien siedelten die Flacks 1958 nach Großkoschen um. Das verbindet, bis heute.
Nach der Hochzeit wurde Günter Flack Neulehrer. Seine Motivation beschreibt er so: „Nie wieder Krieg, diese Erkenntnis wollte ich an die Jugend weitergeben.“ Anna Flack war 20 Jahre lang im Tagebau beschäftigt, zuletzt als Stellwerkerin. Und während ihr Mann seinen auswärtigen Verpflichtungen nachging, baute Anna daheim das Haus.
„Wir haben uns oft mit Zettelwirtschaft verständigt, weil ich ja Schicht gearbeitet habe.“ Zeit zum Streiten war da kaum. „Aber wir haben uns wirklich gern gehabt. Du hast mich doch gern?“ , wirft sie amüsiert ein. „Ich jedenfalls will keinen anderen.“
Daran lässt „Opa“ Flack keine Zweifel. Denn sein Goldmädel kann nicht nur alles besser als andere. Sie ist unermüdlich, näht, kocht und backt sehr gut - die sieben runden Kuchen und die zwei Bleche zur diamantenen Hochzeit gehen ganz allein auf ihr Konto - sie ist politisch interessiert und hat sich viel Wissen angeeignet, was ihr Mann besonders schätzt. „Aber manchmal verfällt sie in einen Kommandoton.“ Anna Flack rückt das gleich herzlich zurecht: „Sonst bewegt sich ja nichts.“ Dafür liest Günter Flack seiner Frau jeden Wunsch von den Lippen ab. „Kaum, dass ich einen Wunsch ausspreche, da ist er schon dabei . . .“ „Na ja, heute geht das nicht mehr so“ , schränkt er ein. Obwohl der Opa sehr populär war, seien Vater und Mutter doch gleichberechtigte Partner gewesen, anerkennt Tochter Christine Winkler (56) zurückblickend.
Aber zurück zum „Märchenerzähler“ . Mit Besuchern ist er oft auf den Rathausturm gestiegen und hat ihnen den Senftenberger See gezeigt. Wo die verdutzten Gäste nur die Kohlekrater erblickten, sah Günter Flack vor seinem geistigen Auge bereits das Erholungsgebiet mitten in der Kohlewüste. Das Märchen vom Senftenberger See eben. Bis am Kindertag 1973 endlich der See eingeweiht wurde, hatten er und seine Mitstreiter viele Hürden zu überwinden. Keiner habe damals daran gedacht, dass aus dieser Mondlandschaft etwas entstehen könnte. „Wir haben es trotzdem geschafft, nicht mit der Brechstange, sondern mit Überzeugung.“ Seine besten Verbündeten seien damals die Frauen gewesen. Sie unterstützten ihn in seiner Idee, das Seeufer komplett öffentlich zugänglich zu machen.
Bis heute wird Günter Flack immer wieder um Rat gefragt, wenn es um den See geht. „Und wenn sie mich nicht einladen, dann lade ich mich selbst ein.“ Wie damals, als der Familienpark das Tor für die Radler zumachen wollte und damit der Radweg abgeschnitten worden wäre. „Da habe ich richtig mit dem Landrat gestritten.“ Wenn es etwas auszufechten gibt, dann ist Günter Flack auch heute noch zur Stelle, zusammen mit Gleichgesinnten, wie etwa Eckhard Winkler. Der weiß übrigens auch, warum Günter seine Anna ausgerechnet am 1. Januar 1946 geheiratet hat: Weil die Gäste noch vom Vorabend so betrunken waren, dass er nicht mehr so viel bezahlen musste.
Kleiner Scherz. Wann geheiratet wurde, hatte nach dem Krieg vor allem damit zu tun, wann die Hochzeiter in der Lage waren, ihre Gäste zu bewirten. Improvisationskünste waren auch bei der Ausstattung gefragt. Anna trug vor 60 Jahren ein selbst geschneidertes Brautkleid aus Fallschirmseide.