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| 13:14 Uhr

Naturschutz
Der Lausitz droht eine Waschbären-Plage

Niedlich, aber gefährlich: Waschbären richten in der heimischen Tierwelt große Schäden an. Deshalb dürfen sie ganzjährig bejagt werden.
Niedlich, aber gefährlich: Waschbären richten in der heimischen Tierwelt große Schäden an. Deshalb dürfen sie ganzjährig bejagt werden. FOTO: dpa / Patrick Pleul
Senftenberg. Waschbären jagen Vögel, Kleinsäuger, Amphibien und Gliederfüßer. Naturfreunde beklagen massive Verluste. Von Torsten Richter-Zippack

Mit ihren schwarz-weißen Gesichtsmasken und dem weichen Fell sehen sie possierlich aus. Doch Waschbären jagen, was ihnen vor die Schnauze kommt: Frösche, Schlangen, Krebse und insbesondere Vögel.

Kaum eine Kleintierart scheint vor den Waschbären sicher. Selbst Gelege größerer Raubvögel, beispielsweise Uhus und Bussarde, werden gern als Nahrung angenommen. „Vielleicht ist es noch etwas zu früh, von einer Plage zu sprechen“, sagt Edgar Schaefer vom Vorstand des Jagdverbandes Senftenberg. „Aber wenn diese Tendenz anhält, wird es eine werden.“ Konkret meint der Weidmann den Süden des Altkreises Senftenberg, also die Brandenburger Oberlausitz. „Aufgrund der vielen Teiche, Fließgewässer und alten Wälder finden die Tiere hier ideale Lebensbedingungen.“

Das bestätigt auch die Jagdbehörde des Oberspreewald-Lausitz-Kreises: „Der Bestand der Waschbären hat im Landkreis zugenommen. Schwerpunkte liegen im Südkreis“, sagt Sprecherin Theresa Pusch. Im abgeschlossenen Jagdjahr 2017 seien im Kreis insgesamt 753 Tiere erlegt worden. Die Tendenz ist steigend.

Waschbären, die ursprünglich gezielt ausgesetzt oder aus Pelztierfarmen ausgebrochen waren, können rennen, klettern, schwimmen und greifen. Dadurch besitzen sie einen Vorteil gegenüber heimischen Tierarten. Konnten sich beispielsweise Hase und Fuchs im Laufe der Evolution aufeinander einstellen, brechen Waschbären ohne Vorwarnung in die heimische Fauna ein. „Ich glaube nicht, dass es ein Aneinandergewöhnen geben wird, wie manche Menschen glauben“, sagt Lars Thielemann, Leiter des Naturparks Niederlausitzer Heidelandschaft. So können die optisch niedlichen Wesen ganze Tierbestände zum Erliegen bringen, beispielsweise Möwen- und Graureiher-Kolonien auf Inseln, die kaum ein heimischer Räuber erreichen kann. Darüber hinaus gelten Waschbären als Alleskönner beziehungsweise Allesverwerter. Selbst in Müllsäcken finden sie genügend Nahrung. Welchen Schaden die Waschbären in der heimischen Tierwelt anrichten, lasse sich kaum in Zahlen fassen.

Die Jagd auf die eigentlich in Nordamerika beheimateten Tiere ist nicht einfach, wie die Jäger sagen. „Wir verwenden ausschließlich Kastenfallen“, erklärt Edgar Schaefer. Spezielle Anlagen, die nur Waschbären fangen, seien erst seit Kurzem erhältlich.

Ein weiteres Problem sei, dass die Räuber häufig in Wohngebieten und Parks vorkommen. Wenn dort eine Bejagung erfolgen soll, müssen Anträge bei der Jagdbehörde eingereicht werden. Diese Möglichkeit eröffnet das Brandenburger Jagdgesetz. Denn normalerweise ruht die Jagd im befriedeten Gebiet. Nicht zuletzt sind die Waschbären bevorzugt in der Dämmerung und nachts aktiv. Dadurch sind sie schwerer zu sichten.

Im gesamten Bundesland hat sich die Art inzwischen ausgebreitet. Dr. Carsten Leßner von der Landesjagdbehörde bezeichnet Brandenburg sogar als ostdeutschen Vorkommensschwerpunkt. „Der zur Mitte der 1990er-Jahre begonnene Anstieg der Jagdstrecke setzt sich weiter rasant fort. Das Jagdjahr 2016/2017 brachte einen weiteren Streckenrekord hervor. Nie zuvor wurden in Brandenburg 28080 Waschbären erlegt. Damit ist erstmals die Waschbären-Strecke höher als die Zahl der erlegten Füchse. Mehr noch: Laut Matthias Schannwell, Geschäftsführer des Landesjagdverbandes Brandenburg, weist Brandenburg damit bundesweit die höchsten Abschusszahlen auf. Sachsen-Anhalt, als Zweitplatzierter, bringt es auf immerhin rund 25 000 Waschbären. In ganz Deutschland sind es knapp 134 100 Tiere. Noch vor einem Vierteljahrhundert wurden brandenburgweit Waschbären lediglich im einstelligen Bereich erlegt. Vor zehn Jahren waren es knapp 5500 Tiere. Die höchsten Strecken gibt es in den Kreisen Ostprignitz-Ruppin sowie Uckermark. Somit gilt der Norden als besonders gefährdet.

Im Süden könnte dagegen für die Wiederansiedelung des Auerwildes Gefahr drohen. „Der Waschbär dürfte auch vor diesen Vögeln nicht Halt machen“, befürchtet Matthias Schannwell.

Ähnliche Erfahrungen gebe es bereits mit den vor allem im Havelland ansässigen Großtrappen. Eine gewisse Entwarnung gibt hingegen Lars Thielemann vom Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft, in dessen Gebiet das Auerwild-Projekt läuft. „Klar ist der Waschbär problematisch. Aber die Auerhühner sind durch zerstörte Lebensräume und intensive Forstwirtschaft ausgerottet gewesen. Ich denke, dass diese Tiere in reich strukturierten Wäldern durchaus Überlebenschancen besitzen. Dort können sie sich beispielsweise vor Waschbären gut verstecken.“ Allerdings sagt Thielemann auch, dass der Naturpark die Jäger durchaus auffordert, öfter Raubwild zu erlegen. Darunter fallen aber nicht nur Waschbären, sondern auch Füchse und Marder.

Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) plädiert für eine gezielte punktuelle Bejagung. „Das ist notwendig, wenn der Waschbär an Gewässern oder in wichtigen Brutbereichen massive Schäden anrichtet“, sagt Christiane Schröder vom Nabu Brandenburg. Es sei eine Illusion, dass die Tiere mit vertretbarem Aufwand wieder komplett aus der heimischen Natur entnommen werden könnten. Die Naturschützerin empfiehlt, Nistkästen immer so zu platzieren, dass sie von den Waschbären nicht ausgeräumt oder vom Baum geworfen werden können. Darüber hinaus seien Manschetten am Stamm oder auch Marderschutz hilfreich.