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Der Großräschener See war nicht vorgesehen

Astrid Freitag (l.) von der Senftenberger Tourist-Information erklärt angehenden Gästeführern die Besonderheiten des Großräschener Sees und des namensgebenden Ortes. Als idealer Standpunkt dafür gilt die Victoria-Höhe als Schnittstelle zwischen See und Stadt. Im Hintergrund ist die Allee der Steine zu sehen.
Astrid Freitag (l.) von der Senftenberger Tourist-Information erklärt angehenden Gästeführern die Besonderheiten des Großräschener Sees und des namensgebenden Ortes. Als idealer Standpunkt dafür gilt die Victoria-Höhe als Schnittstelle zwischen See und Stadt. Im Hintergrund ist die Allee der Steine zu sehen. FOTO: T. Richter/trt1
Großräschen. Wäre 1989 die Wende nicht gekommen, würde es den Großräschener See heute sehr wahrscheinlich nicht geben. Denn nach ursprünglichen Planungen hätte südlich der namensgebenden Stadt eine große Landwirtschaftsfläche entstehen sollen. Torsten Richter

Dass die Großräschener heute einen im Wachsen begriffenen See ihr Eigen nennen dürfen, hängt in erster Linie mit dem nicht weit entfernten Tagebau Greifenhain zusammen. Denn in den 1980er-Jahren war vorgesehen, den Tagebau Meuro, also den jetzigen Großräschener See, mit Abraummassen aus der Greifenhainer Grube zu füllen. Die Bergleute planten, zwischen Woschkow und Dörrwalde ein imposantes Förderband zu installieren.

Über dieses wären dann die Erdmassen südlich von Großräschen verkippt worden. Nach Angaben des im August 2012 verstorbenen Großräschener Forstmanns Dieter Sawall sollte anstelle des Gewässers eine riesige Landwirtschaftsfläche entstehen. Sie hätte als Futterquelle für zahlreiche Rinder gedient. Ein Rohbau für diese Anlage wurde bereits Mitte der 1980er-Jahre erbaut.

Aus für Greifenhainer Tagebau

Doch 1994 hatte nach knapp sechs Jahrzehnten das letzte Stündlein für den Tagebau Greifenhain geschlagen. Obwohl die Grube zum damaligen Zeitpunkt noch längst nicht ausgekohlt war, wurde sie wegen der veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stillgelegt. Übrigens nicht das erste Mal. Denn schon zwischen 1968 und 1970 ruhte nach Angaben der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV) der dortige Grubenbetrieb. Damals hatte die DDR verstärkt auf sowjetisches Erdöl gesetzt.

Fehlende Erdmassen

Durch die Stilllegung des Tagebaus Greifenhain fehlten nun die Erdmassen zur Verfüllung der Meuroer Grube. Was lag daher näher, als einen weiteren See entstehen zu lassen? Bereits in der ersten Hälfte der Bergbauzeit zwischen Großräschen und Senftenberg gab es eine ganze Anzahl von kleinen wassergefüllten Gruben, aus denen ebenfalls die Kohle gefördert worden war.

Frühere Bezeichnungen

Ältere Einheimische erinnern sich bestimmt noch an Bezeichnungen wie den Aufstieg-Teich, den Victoria-Teich, die Marien-Teiche sowie an den als Badegewässer beliebten Grünen Teich. Diese Gruben wurden während der DDR-Zeit komplett überbaggert.

Für das Restloch des Tagebaus Meuro war in den 1990er-Jahren eine größere Insel vorgesehen. So heißt es im Sanierungsplan Meuro vom Februar 1994: "Die im nordöstlichen Bereich des Ilse-Sees vorgesehene Insel mit einer Größe von etwa 270 Hektar und einer Uferlänge von etwa zehn Kilometern bleibt dem Biotop- und Artenschutz vorbehalten." Allerdings brachten spätere Untersuchungen eine nicht wirkliche Standsicherheit für die Insel zutage. Daher wurde letztendlich auf das Eiland verzichtet. Wäre die Insel tatsächlich realisiert worden, hätte es sich um die größte ihrer Art im gesamten Lausitzer Seenland gehandelt. Zum Vergleich: Die Insel im Senftenberger See als Innenkippe des früheren Tagebaus Niemtsch umfasst eine Fläche von rund 250 Hektar, das Eiland im Gräbendorfer See lediglich 20 Hektar.

Letzter Kohlezug

Kurz vor Weihnachten 1999 verließ der letzte Kohlezug den Tagebau Meuro. Damit war das Senftenberger Braunkohlenrevier endgültig Geschichte. Nur ein Jahr später nahm sich die Internationale Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land dieser Gegend an. Die angebotenen "Wanderungen zum Mars" durch die Bergbaufolgelandschaft zogen Tausende Besucher in ihren Bann.

Bereits die Bergleute hatten an die Epoche nach dem Tagebau gedacht. So wurde noch zu den aktiven Tagebau-Zeiten das künftige Becken für den Großräschener Stadthafen ausgehoben. Als im Dezember 2013 der offizielle Baustart für das maritime Ensemble stattfand, sprach der Brandenburger Infrastruktur-Minister Jörg Vogelsänger von einem "entstehenden Magneten, der weit über die Brandenburger Grenzen hinaus ausstrahlt".

Flutungsende in zwei Jahren

Derzeit ist der Großräschener See laut den Bergbausanierern von der LMBV zu knapp zwei Dritteln geflutet. Das erste Wasser strömte im März 2007 in die Grube. Der Endwasserstand werde 2017 erreicht sein. Dann steht einer Bootstour vom Stadthafen Großräschen zum Stadthafen Senftenberg durch vier künstliche Seen und drei neue Kanäle nichts mehr entgegen. Und geht es nach vielen Großräschenern, würde der Mittelpunkt des durch den Tagebau verschwundenen Ortes Bückgen wieder sichtbar, beispielsweise durch eine Leuchtboje.