ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:00 Uhr

Der allerletzte Abpfiff nach 41 Jahren

Frank Neubert als Linienrichter: An der Seite erklärt er Zuschauern bei einem kleinen Schwätzchen gerne einmal die ein oder andere Regelauslegung.
Frank Neubert als Linienrichter: An der Seite erklärt er Zuschauern bei einem kleinen Schwätzchen gerne einmal die ein oder andere Regelauslegung. FOTO: Veit Rösler/vrs1
Senftenberg. Wann Schluss ist, bestimmt er – auf dem Fußballplatz und daneben. Frank Neubert aus Hosena ist Schiedsrichter aus Leidenschaft. Noch. Denn nach 41 Jahren auf dem Platz und an der Seitenlinie macht er am Wochenende Schluss. Ob er dann noch einmal seine blaue Karte zeigt? Sascha Klein

10. Minute: Der Stürmer ist wie ein sterbender Schwan gefallen und reklamiert gestenreich Freistoß. Frank Neubert beugt sich über ihn und nestelt an seiner Gesäßtasche. Jeder Fußballfan weiß, was jetzt kommt. Rot. Platzverweis. Feierabend. Neubert nestelt weiter. Er holt die Karte raus und reckt sie in die Luft. Die Karte ist blau. Blau? Gibt's doch gar nicht. Stimmt. Doch bei Frank Neubert gibt es in 41 Jahren Schiedsrichter-Laufbahn so einiges, was echt schwer vorstellbar ist. Der Stürmer guckt den Schiedsrichter völlig verdutzt an. Blaue Karte? "Ich habe dann gesagt: Sportsfreund - April, April", erzählt Frank Neubert. Er könnte sich jetzt, gut zehn Jahre nach diesem Spiel, noch immer über diese Szene kaputtlachen, wie damals auch die Akteure. "Der Stürmer hat mich dann noch gefragt, ob er weiterspielen darf." Er durfte. Geschehen in Döbern, bei einem Landesliga-Spiel, an einem 1. April. "Ich habe vorher die Trainer gefragt, ob es einen Spieler gibt, den man mal hochnehmen sollte am 1. April. Dem Döberner Trainer ist sofort einer eingefallen", sagt der heute 56-Jährige. Es war die vermutlich einzige blaue Karte in der Lausitzer Fußball-Historie.

Hart, aber herzlich

Frank Neubert ist einer, der gerne austeilt, aber auch einstecken kann. Für seine lockeren Sprüche ist er bekannt, auf und neben dem Fußballplatz. Seit 2008 ist er Wirtschaftsförderer der Stadt Senftenberg, war zuvor in Elsterwerda tätig. Zurzeit tüftelt er an Angeboten, wie Senftenberg noch attraktiver für Investoren und Touristen werden kann. An Samstagen treibt er sich aber meistens auf den Fußballplätzen zwischen Elbe-Elster und der Uckermark herum. Manchmal haben ihn Spieler, Trainer oder Zuschauer eine "schwarze Sau" genannt - ein Schimpfwort für alle Schiedsrichter. Doch Neubert hat inzwischen den nötigen Abstand zu pöbelnden Spielern, lamentierenden Trainern und besserwisserischen Zuschauern. Diesen Trainern hat er hin und wieder einen Sonderbericht angedroht. Meist bedeutet das: Der Trainer bekommt eine Geldstrafe. "Ich schreibe Dir einen super Sonderbericht, den wird sich Deine Frau übers Bett hängen", hat er einem gesagt. Anschließend war Ruhe auf der Trainerbank. Das ist der Lautsprecher Neubert. In den meisten Spielen hält allerdings auch er den Ball flach. "Man braucht schon reichlich Spiele Erfahrung, um mal ein Späßchen zu machen", sagt er. "Ein junger Schiri macht sowas nicht. Schon gar nicht, wenn er noch etwas erreichen will."

Doch Neubert will nichts mehr erreichen. Er hat seinen Spaß gehabt. Schon 1979, als 19-Jähriger, darf er sein großes Spiel pfeifen. "Ich war Spatensoldat und Schiri in Leuna. Da gab es ein Testspiel zwischen Lok Leipzig und Carl-Zeiss Jena. Die hatten aber versäumt, das Schiedsrichterkollektiv einzuladen. Das war meine große Stunde", sagt er. Neubert springt ein, leitet vor 4500 Zuschauern eine Partie mit einer Handvoll Nationalspielern.

Verdienst statt Karriere

Er hat die Chance, bis in die zweitklassige DDR-Liga aufzusteigen. Doch: Dafür gibt es für den gelernten Fliesenleger pro Partie nur 18 Mark Schirigeld. Für eine Samstagsschicht irgendwo konnte man schwarz aber ein Vielfaches verdienen. "Ich war jung und brauchte das Geld", sagt Neubert heute mit einem Lachen. Sein Vater, Stadionsprecher und Schiedsrichter bei der TSG Gröditz, hätte es gerne gesehen, wenn der Filius Liga-Schiedsrichter geworden wäre. Doch Neubert entscheidet sich anders und pfeift sonntags Kreisliga.

Ab 1994 leitet er für Elsterwerda Spiele, wechselt nach Brandenburg, arbeitet sich fast halbjährlich hoch. Innerhalb von zwei Jahren darf er in der Landesliga Spiele leiten. Also geht's Samstag für Samstag durch die halbe Republik: Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt - das ganze Programm. Bis heute hat der jetzt in Hosena bei Senftenberg lebende Neubert rund 2500 Partien geleitet oder an der Linie assistiert.

Für ihn sind es spannende Jahre. Er leitet Testspiele von Energie Cottbus vor Tausenden Zuschauern, Ligaspiele und Pokalfinals. An eines erinnert er sich besonders gerne zurück. 2010, das Elbe-Elster-Pokalfinale zwischen Friedersdorf und Schönewalde in Herzberg. Es war für ihn das perfekte Spiel. Gute Teams, große Lust, alles richtig gemacht. "Eigentlich ist für uns das schönste Lob, wenn man später in der Zeitung nicht erwähnt wird", sagt Neubert und lacht. "Aber in diesem Fall stand sogar in der Zeitung, dass der Schiedsrichter gut war."

Gut sind für Neubert auch solche Spiele, in denen er ein wenig aus der Norm fallen kann - als Linienrichter das Publikum begrüßen und ein nettes Spiel wünschen oder einen Gag mit den Spielern machen. "Erst letztens war ich Assistent bei Krieschow gegen Neustadt. Da habe ich bewusst mein Schirihemd über die Hose hängen lassen und die Spieler bei der Anzugskontrolle vor Anpfiff aufgefordert, ihr Trikot gefälligst in die Hose zu stecken. Acht haben das sofort gemacht. Der Neunte hat das Veralbern dann bemerkt und wollte wissen, warum ich so rumlaufe."

Mehr rennen, weniger Gemecker

Neubert will zeigen, dass auch Schiedsrichter Spaß machen können. "Man muss in den Landesklassen auch nicht immer den großen Chef raushängen lassen", sagt er. Mit den meisten Spielern und Trainern könne man ganz locker umgehen. Einer seiner Tricks: "Wenn ich immer auf Ballhöhe Entscheidungen treffe, meckern die Spieler weniger." Deshalb gilt für ihn auch noch mit 56: "Es ist immer mein Anreiz, jüngere Spieler beim Konter noch zu überholen."

Doch auch er bemerkt, dass der Ton auf dem Platz und daneben stetig rauer wird. "Deshalb sind es viele junge Schiris leid, statt der Aufwandsentschädigung eher ein Schmerzensgeld zu empfangen", so Neubert.

Heute endet für den 56-Jährigen ein Lebensabschnitt: Sein letztes Match steht an. "Man hat ja auch einen gewissen Anspruch", sagt er. "Und mit zunehmendem Alter wird man als Spielleiter nicht besser." Mit 56 dürfte er aufgrund der Altersbegrenzung gar nicht mehr auf Landesniveau pfeifen. Nur eine Ausnahme macht das in seiner letzten Spielzeit möglich.

2500 Spiele bedeuten mindestens 45 Anekdoten. Die schönsten und skurrilsten Erlebnisse will Neubert jetzt niederschreiben. Arbeitstitel seines Buches, das 2017 erscheinen soll: "40 Jahre Schwarze Sau". Dann erzählt er unter anderem, weshalb er nach seinem allerersten Männer-Spiel durchs Fenster fliehen musste. Einem Trainer hat er sogar die schwarze Karte gezeigt: "Das war in einem Freundschaftsspiel hier in der Region. Da haben wir vorher abgesprochen, einen immer wieder lautstarken Trainer zu bändigen", erzählt Neubert. "Nach 15 Minuten habe ich ihm wegen Reklamierens die schwarze Karte gezeigt und gesagt, wir wären jetzt Pilotregion für diese Regelung. Ob er das nicht wüsste. Die restlichen 75 Minuten war es totenstill auf der Bank. Der hat sich nicht getraut, weiter herumzumeckern."

Zum Thema:
Frank Neubert stammt aus dem sächsischen Gröditz und war zunächst Rennradfahrer bei der TSG Gröditz. Nach einer schweren Verletzung schwenkte er 1975 zum Schiedsrichter um. Sein erstes Männerpunktspiel leitete er im Alter von 16 Jahren. Seitdem kamen rund 2500 Partien dazu. Nach 41 Jahren als Schieds- und Linienrichter gibt der 56-Jährige am Samstag mit dem Finale des Kreispokals Südbrandenburg zwischen der TSG Lübbenau und Blau-Weiß Vetschau sein Schiedsrichter-Finale.