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Dem Zeitenwandel getrotzt

Klettwitz.. Sparkasse, Post, Bäcker, Fleischer, Uhr- und Möbelhändler – alle haben sie das Dorf verlassen. Nur Hildegard Mierschs „Lebensmittelhaus“ in der Kostebrauer Straße überlebte den Wandel der Zeiten. In zwei Jahren wird die über 70-Jährige ein halbes Jahrhundert am Verkaufstresen gestanden haben. Daniel Preikschat

Als die Straße noch eine Durchgangsstraße war, kamen täglich die Bergleute ins Geschäft von Hildegard Miersch. Auf dem Hin- oder Rückweg vom Tagebau kehrten die gut verdienenden Männer kurz ein in das gelbe Ziegelsteinhaus Kostebrauer Straße 56. Brot, Wurst, Gemüse, was zu trinken - war alles da. Damals, Ende der Fünfziger, hatte Hildegard Miersch das Geschäft gerade von ihren Eltern übernommen. Die ihrerseits hatten es 1929 eröffnet.
Die Klettwitzerin erinnert sich gern daran. Denn danach wurden die Zeiten rauer. 1959 mussten die Kaufleute ihre geliebte Selbständigkeit aufgeben und in die HO eintreten. Aber es kam noch schlimmer. Der Bergbau rückte an das Lebensmittelhaus Miersch heran. Am hinteren Ende der Straße Richtung Kostebrau zogen die Leute aus ihren Häusern, nach Schipkau, Lauchhammer oder Senftenberg. Die Mierschs harrten länger aus - und hatten Glück im Unglück: „Die Straße wurde doch nicht bis zu den Schienen abgebaggert. Sie blieb ein Stück länger als geplant“ , erzählt Hildegard Miersch. In eines der schon verwaisten Häuser zogen die Mierschs mit ihrem Geschäft ein. Keine 100 Meter weit weg, von der Hausnummer 56 in die 39. 1967 war das, ein Jahr vor der Geburt von Hildegard Mierschs einzigem Kind.
„Ich bin in das Geschäft reingewachsen“ , erinnert sich Bernd Miersch. Für ihn war klar, dass er das Geschäft übernimmt. Weil der Staat seiner Mutter verbot, ihn auszubilden, lernte er zunächst Elektro-Mechaniker und ließ sich erst zur Wendezeit zum Einzelhandelskaufmann ausbilden. Die Mutter kämpfte derweil gegen den Wandel der Zeiten. Nach der Wende zog die Sparkasse aus dem Dorf. Das kostete sie Kunden. Im drei Kilometer entfernten Schipkau schossen drei Großmärkte aus dem Boden. Das kostete noch mehr Kunden. Gleichzeitig erweiterte die Kauffrau Angebot und Verkaufsfläche. Aus der Wohnstube im Erdgschoss wurde Geschäftsraum. Ohne Verbitterung sagt Hildegard Miersch: „Die Zahl der Artikel nahm zu. Der Umsatz nicht.“ Urlaub ist nur ein Mal im Jahr drin, längstens für zwei Wochen.
1997 übernahm Sohn Bernd das Geschäft, die Mutter hielt aber hinterm Verkaufstresen weiter die Stellung. Den ehemaligen Konsum am Markt kaufte Bernd Miersch dazu, bot dort neben Gemischtwaren Schuhe und Elektro-Artikel an. Eine Post-Agentur ist mittlerweile mit integriert. Was die Leute am „Tante-Emma-Laden“ schätzen„ „Man findet alles. In Großmärkten fühlen sich gerade ältere Leute verloren“ , sagt der Sohn. Die Mutter: „Wer nicht mehr gehen kann, dem bringen wir die Ware nach Hause.“
Ob die folgende Generation der Familie Miersch das Geschäft fortführt“ „Ich habe zwei Kinder“ , sagt Bernd Miersch. „Das älteste ist vier Jahre. Ich wage noch keine Prognose.“