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Das Spiel im Klassenzimmer ist hautnah

Wolfgang Tegel in der Klassenzimmerproduktion "Essotiger".
Wolfgang Tegel in der Klassenzimmerproduktion "Essotiger". FOTO: Steffen Rasche
Senftenberg. Wer kommt da eigentlich ins Klassenzimmer? Im jüngsten theaterpädagogischen Newsletter stellt Eva Geiler von der Neuen Bühne Senftenberg den Darsteller der Klassenzimmerproduktion "Essotiger", Wolfgang Tegel, vor.

Wolfgang Tegel bringt im Augenblick als "Der Essotiger" Theater direkt ins Klassenzimmer. Er spielt einen fresssüchtigen jungen Mann, der im Tigerkostüm Pfunde verliert, während er sich mit hartnäckigem Humor den Ursachen seiner Krankheit stellt. Sich ständig neu zu erfinden ist eine Fähigkeit, in der Schauspieler geübt sind. Aber auch im alltäglichem Leben ist Wolfgang Tegel das Wechselhafte vertraut: Bevor er an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" studierte, machte er eine Ausbildung zum Friseur. Der gebürtige Bayer hat schon einiges mehr erlebt, als sein unverschämt jugendliches Aussehen vermuten lässt. Seine Kollegin Eva Geiler, die an der Neuen Bühne Senftenberg für die Zusammenarbeit mit Schulen verantwortlich ist, hat ihm fünf Fragen gestellt:

Vor Deinem Schauspielstudium hast Du eine Friseurlehre gemacht, Du hast in der Kundenbetreuung einer Homeshopping-Zentrale gearbeitet und als Einlasser im Kino. Gibt es Erlebnisse aus dieser Zeit, die Deine Arbeit als Schauspieler beeinflussen?
Viele Erlebnisse aus den verschiedenen Jobs beeinflussen meine Arbeit. Ich habe immer den direkten Kontakt mit Menschen gehabt und gesucht, wenn auch über das Telefon. Ich habe eine Menge Geschichten aus dem "echten" Leben erfahren dürfen und war für einen kurzen Moment Teil davon. Spannende Erlebnisse notiere ich immer, weil sie irgendwann für eine Rolle relevant sein können, außerdem liebe ich es Geschichten zu sammeln. Brecht fordert, dass wir auf der Bühne Abbilder schaffen sollen, und ich glaube, dass mir die Jobs und Begegnungen geholfen haben, Menschen darzustellen, und wenn es mir gelingt, dass ein Zuschauer sagt: "Stimmt, das habe ich schon mal erlebt" oder "Ich kenne eine Person, die ist genau so", dann habe ich viel erreicht.

In welchen Momenten hättest Du lieber wieder eine Schere in der Hand, statt ein Textbuch?
Ich bin ein schlechter Textlerner, daher würde ich im Augenblick des Lernenmüssens oder am Anfang, bis ich mich wieder an den Lernprozess gewöhnt habe, die Schere bevorzugen. Das sind allerdings nur kurze Momente. Sprache zu erleben, zu begreifen und mit ihr umzugehen, ist dann doch ein sehr großes Geschenk und Privileg in diesem Beruf.

Mit dem Stück "Essotiger" bringst Du Theater direkt ins Klassenzimmer. Was unterscheidet für Dich diese Vorstellungen von einer regulären Abendvorstellung auf der normalen Bühne?
Die Reaktionen der Schüler im Klassenzimmer sind viel direkter und unmittelbarer, als an einer Abendvorstellung. Die "Bühne" ist deren vertrauter Raum, in den ich als Schauspieler/Fremder eindringe und ihn erobern muss. Es ist deutlich unruhiger, aber meistens dennoch sehr konzentriert. Verstecken kann ich mich nicht, und man spürt sofort, wenn die Schüler den Faden verlieren, weil ich sie nicht direkt mitgenommen habe. Man muss sie ständig auffordern, dabeizubleiben und bekommt Ablehnung oder Anerkennung unmittelbar zu spüren. Spannend, aber nicht immer einfach.

Der Protagonist in diesem Klassenzimmerstück kompensiert emotionale Bedürfnisse mit großem Hunger. Ungestillte emotionale Bedürfnisse und Unfähigkeit, diese zu kommunizieren sind oft ein zentrales Thema in den Filmen des österreichischen Filmemachers Michael Haneke. Im Augenblick liegt sein Interviewband "Haneke über Haneke" auf Deinem Tisch. Was interessiert Dich daran?
Haneke arbeitet aus der Reduktion und Stille und überlässt die Fantasie dem Zuschauer. Er zeigt die Grausamkeit der Themen in keinen konkreten Bildern, er deutet sie an, die Brutalität entsteht erst im Kopf des Zuschauers. Ich muss mich als Beobachter zum Gezeigten verhalten. Nicht immer einfach und oft unbequem, weil er einen nicht mit einer klaren Haltung durch den Film leitet. Ich bin als Zuschauer ständig gefragt, mich zu positionieren und mit dem Thema auseinander zu setzen. Das öffnet für mich ganz andere und spannendere Denkprozesse, als wenn ich Filme sehe, deren Aussage von Anfang an klar ist.

Verrätst Du uns Dein Geheimnis ewiger Jugend?
Mein Geheimnis? - Die guten Gene meiner Mutter. Allerdings hoffe ich doch sehr, dass mich Erfahrungen und Erlebnisse der kommenden Jahre zeichnen werden. Außerdem gibt es noch genügend Rollen für ältere Schauspieler, auf die ich mich freue.

Die nächste öffentliche Vorstellung vom "Essotiger" mit Wolfgang Tegel findet am 19. Juni 2015 um 10 Uhr in der Studiobühne statt. red/hs