ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:56 Uhr

Kult-Sitzmöbel in neuem Glanz
Schwarzheider Garten-Ei ist restauriert

Das Garten-Ei, der zusammenklappbare Kunststoff-Sessel aus Polyurethan, war ein Schlager der Konsumgüterproduktion des Synthesewerkes. Die BASF Schwarzheide hat das Kult-Sitzmöbel restaurieren lassen.
Das Garten-Ei, der zusammenklappbare Kunststoff-Sessel aus Polyurethan, war ein Schlager der Konsumgüterproduktion des Synthesewerkes. Die BASF Schwarzheide hat das Kult-Sitzmöbel restaurieren lassen. FOTO: Kathleen Weser
Schwarzheide. Ein vom Sperrmüll geretteter Kult-Klappsessel aus Polyurethan, das Garten-Ei aus der DDR-Konsumgüterproduktion des Synthesewerkes Schwarzheide, erstrahlt in neuem Glanz. Der Designklassiker hat eine bewegte Geschichte. Von Kathleen Weser

Das letzte Lausitzer Garten-Ei, der rar gewordene zusammenklappbare Kunststoff-Sessel aus der Konsumgüterproduktion des Synthesewerkes Schwarzheide, hat eine schicke weinrote Lackfarbe erhalten und ist mit Sitzkissen aufgemöbelt. In der aktuellen Ausstellung im Kulturhaus der BASF ist er der Hingucker. Das Sitzmöbel ist auch im Westen begehrt, für die Lausitzer eher unerschwinglich gewesen – und inzwischen wieder absoluter Kult.

Horst Schuster aus Hoyerswerda, der ehemalige Betriebsleiter der Fertigungsstätte in Bernsdorf (Kreis Bautzen) hat der RUNDSCHAU vor mehr als zehn Jahren bestätigt: „Ich hatte leider nie ein Garten-Ei. Die waren ziemlich teuer.“ Und Dr. Hans-Joachim Jeschke, der ehemalige Kombinatsdirektor des DDR-Chemie-Riesen, bestätigte das: 430 Mark waren selbst ihm „zu fett“. Dieser Preis war in den 70er-Jahren in der DDR etwa so hoch wie das ganze Monatsgehalt eines kleinen Angestellten.

Einen der überaus praktischen Sessel hatte BASF-Archivarin Silvia Zinke nach der Wende noch vom Sperrmüll gerettet. „Ich habe meinen Augen nicht getraut, als ich das Garten-Ei in der Stadt am Straßenrand zur Entsorgung abgestellt gesehen habe“, erzählte sie. Logisch, dass sie das seltene Exemplar unverzüglich vor dem Äußersten bewahrte. Das hatte gelitten und war für die Restaurierung reif. Die ist nun vollzogen - mit sichtlich glänzendem Erfolg.

Silvia Zinke hat in Schwarzheide ein Garten-Ei vom Sperrmüll-Haufen gerettet.
Silvia Zinke hat in Schwarzheide ein Garten-Ei vom Sperrmüll-Haufen gerettet. FOTO: Steffen Rasche

Das „Senftenberger Ei“, wie der Sessel hoch offiziell hieß, ist 1968 von Peter Ghyczy entworfen worden. Der aus Ungarn stammende Designer war nach dem niedergeschlagenen Volksaufstand 1956 in Ungarn mit Mutter und Bruder nach Deutschland gekommen. Ende der 60er-Jahre ist er im Unternehmen Elastrogran Lemförde (Niedersachsen) als Entwickler und Designer für Produkte aus Polyurethan zuständig gewesen. Das dortige Design-Center, ein vollständig aus dem Kunststoff errichtetes Gebäude, ist Ghyczys Werk. Damals war es eine Sensation. 1972 wurde das Kunststoff-Haus aber bereits wieder abgerissen.  Von den Möbeln, die der kreative und sehr produktive Designer entworfen hat, ist das Garten-Ei als erster aufklappbarer Sessel am bekanntesten geworden. Der ist aber kein DDR-Design.

Der Inhaber von Elastrogran verkaufte seine Firma 1972 an BASF. Das Unternehmen BASF Polyurethanes ist bis heute Markt- und Technologieführer für Polyurethan-Systeme und Kunststoffspezialitäten in Europa. Die Polyurethan-Technik wurde damals unter dem Siegel der Verschwiegenheit gleichzeitig auch an die DDR veräußert, die als Zugabe das Garten-Ei bekam. Ein Jahr später wurde es in Bernsdorf unter dem Dach des Synthesewerks Schwarzheide produziert.

Die Sessel sind laut Horst Schuster damals auch ans Fernsehen geliefert worden. Die Defa-Studios in Berlin-Adlershof hatten so manchen mehr oder weniger berühmten Gesprächspartner auf dem Polyurethan-Sitz vor der Mattscheibe platziert.

Das Ideale an der Erfindung war, dass die mit Schaumstoff bequem gepolsterten Kunststoff-Schalen einfach zusammenzuklappen waren und deshalb auch bei Regen im Garten stehenbleiben konnten, ohne Schaden zu nehmen. Deshalb wurden sie auch Garten-Eier genannt.

Ärger hatten die Produktionsarbeiter damit seinerzeit aber genug, hat Hans-Joachim Jeschke berichtet. „Die Lackierung war das Problem.“ Die hochwertige Polyurethan-Versiegelung bildete öfter kleine Löcher. Die Kunststoff-Sessel mussten dann aufwändig – oft mehrmals – geschliffen werden. Nach gut zwei Jahren wurde die Produktion 1975 deshalb eingestellt. Etwas mehr als 10 000 Sessel sollen in der Zeit hergestellt worden sein.

Ein Stuhl in der Form eines Z, auch „Hockender Mann“ genannt, hat dem Garten-Ei in der DDR dann den Rang abgelaufen. Der Freischwinger der Möbelserie Variopur, kreiert von Ernst Moeckl in den 1970er-Jahren, wurde im Petrolchemischen Kombinat (PCK) Schwedt bis 1982 gefertigt.

 Nach der Wende sind die Garten-Eier im Osten vielfach in den Sperrmüll entsorgt worden. Neue Waren überschwemmten den Markt. Doch in der Kunstszene der späten 90er-Jahre ist der Klappsessel zum begehrten Sammlerstück geworden - vor allem in Berlin, bis heute. Und Designer Peter Ghyczy hat den wohl außergewöhnlichsten Entwurf seiner Möbelkollektion in eigener Fertigung unter dem Namen „Garden egg chair“ wieder aufgelegt. Die Firma in den Niederlanden besteht bis heute. Zwischen 400 und 1200 Euro kostet die Design-Ikone für den Innen- und Außenbereich aktuell.

Der Kult-Sessel aus Schwarzheide wird als Zeitzeugnis der bewegten Werksgeschichte von der BASF gehütet wie ein Schatz.

Eine historische Aufnahme vom Garten-Ei, vermutlich aus den 70er-Jahren. Wer die junge Dame ist, ist unbekannt.
Eine historische Aufnahme vom Garten-Ei, vermutlich aus den 70er-Jahren. Wer die junge Dame ist, ist unbekannt. FOTO: Steffen Rasche