| 02:48 Uhr

Das schnuckelige grüne Dorf mit den Linden

Der Bauernhofladen des Landwirtschaftsbetriebes Ressen - Lindchen ist gleichzeitig Einkaufszentrum und Begegnungsstätte. Neben Doreen Wandelt (l.) ist hier mit Angelika Richter (r.) die Ortsvorsteherin von Lindchen als Verkäuferin tätig.
Der Bauernhofladen des Landwirtschaftsbetriebes Ressen - Lindchen ist gleichzeitig Einkaufszentrum und Begegnungsstätte. Neben Doreen Wandelt (l.) ist hier mit Angelika Richter (r.) die Ortsvorsteherin von Lindchen als Verkäuferin tätig. FOTO: Uwe Hegewald/uhd1
Lindchen. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Die Station heute: Lindchen (Gemeinde Neu-Seeland). Uwe Hegewald

Wenn es Helga und Wolfram Wagner nach draußen zieht, um es sich im Schatten ihrer Obstbäume gut gehen zu lassen, bekommen sie nur wenig vom Verkehrsaufkommen im Ort mit. Durch Lindchen führt die stark frequentierte B 169, die gleichermaßen mit Fluch und Segen behaftet ist. "Man ist schnell in Senftenberg oder Cottbus, aber weniger schnell auf der anderen Straßenseite", sagen die Wagners, die seit 1963 im Dorf leben. Ihr Wohnhaus ist eines der Gebäude, die Anfang der 1950er-Jahre in vielen Dörfern für Beschäftigte der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) errichtet worden waren. "Wir waren überglücklich über die eigenen vier Wände samt Grundstück. Im Jahr zuvor hatten wir geheiratet und mit dem ersten von insgesamt drei Kindern schon eine kleine Familie", blickt Wolfram Wagner zurück. Er hatte in Berlin Landwirtschaft studiert, Ehegattin Helga ihr Landwirtschaftsdiplom in Halle abgelegt. Lindchen war der perfekte Wohnort und ist es bis heute. "Es gab nie einen Gedanken, in eine Stadt zu ziehen."

Doch was hat die Familie im Ort gehalten? Das umgebene Grün der angrenzenden Wälder und Felder? Das Grün der ortscharakterisierenden Linden? Oder dass sich die Einwohner sprichwörtlich grün miteinander sind? Kennzeichnend ist die Balance dörflichen Miteinanders, bei der es nicht zu Überfrachtungen kommt: Aktivitäten der freiwilligen Feuerwehr, Zampern, das jährliche Dorffest, die Seniorentreffen und Weihnachtsfeiern im Gemeindehaus und die Verkehrsteilnehmerschulungen im "Kislingers Gasthaus".

Apropos Verkehrsteilnehmerschulung: "Die werden eigentlich nur von älteren Teilnehmern besucht, obwohl gerade der jüngeren Generation so manche Auffrischung gut täte", sagt Wolfram Wagner. Insbesondere die kurze Ortspassage der B 169 verleite Verkehrsteilnehmer zum zügigen Durchfahren. Damit Fußgänger, hauptsächlich Schulkinder, sicher auf die andere Straßenseite gelangen, ist 2015 eine Fußgängerampel errichtet worden. Es ist die einzige Ampel im gesamten Amtsgebiet Altdöbern mit den fünf Gemeinden Neupetershain, Bronkow, Luckaitztal, Altdöbern und Neu-Seeland. "Nach dem Aufstellen der Ampel hat sich der Verkehr beruhigt. Autofahrer nähern sich der Anlage verhaltener, um beim Umschalten rechtzeitig halten zu können", weiß Angelika Richter zu berichten. Als Mitarbeiterin im Bauernhofladen, der direkt an der B 169 und der Ampelanlage liegt, hat sie einen guten Blick aufs Geschehen. Die Sicherheit der Mitbewohner liegt der Vorsitzenden des Ortsbeirates Lindchen und dem Mitglied der Gemeindevertretung Neu-Seeland generell am Herzen. Das Amt hat Angelika Richter von ihrem Vorgänger Herbert Blum "vererbt" bekommen, der die Erneuerung von Lindchen mitgestaltet hat. "Mit der Wende und dem Entlassen aus dem Bergbauschutzgebiet hat sich viel im Ort getan. Dächer wurden neu gedeckt, Fassaden renoviert und moderne Heizungen installiert", erzählt er. Dass Anfang der 1990er-Jahre auch der zentral platzierte Schweinestall verschwand, der Lindchen so manches Mal in eine üble Geruchsglocke einhüllte, sei auch ein Verdienst von Wolfram Wagner gewesen. "Ohne seine Unterstützung wären die Ställe nicht so schnell verschwunden", so Herbert Blum. Mit 30 Zuchtsauen war Lindchen zu DDR-Zeiten der größte Läuferlieferant im damaligen Kreis Calau. Für Diplom-Landwirt Wagner, der nach Lehrjahren in Reuden (Stadt Calau) und abgeschlossenem Studium immer in leitenden Funktionen tätig war, stand aufgrund seines Alters nicht zur Diskussion, sich einem Neustart unter marktwirtschaftlichen Zwängen zu stellen. "Arbeitsbedingungen, Anforderungen und Planvorgaben machten es den Landwirten zu DDR-Zeiten nicht einfach. Die aktuelle Situation zeigt, dass sich zu den positiven Veränderungen neue Probleme hinzugesellt haben. Hut ab vor den Leuten, die heute in der Landwirtschaft ihre Brötchen verdienen müssen", fasst Wolfram Wagner zusammen. Als die Treuhand ihm und seiner Gattin Helga 2002 das Angebot unterbreitete, das Wohnhaus samt Grundstück zu kaufen, leistete das Paar nach Rücksprache mit den Kindern die Unterschrift. Lindchen und seine Linden bleiben der Lebensmittelpunkt, obwohl Wolfram Wagner gern auch die Entwicklungen in anderen Dörfern in Augenschein nimmt. Als passionierter Radfahrer sind Ausflüge von 100 Kilometern Länge keine Seltenheit. "Die muss man auch runterspulen, um das jährliche Pensum von 15 000 Kilometern zu schaffen. Nur im vergangenen Jahr habe ich aufgrund der Witterung mit 14 500 Kilometern etwas geschwächelt", erzählt der 83-Jährige schmunzelnd.

Zum Thema:
Mit 555 Jahren begeht Lindchen in diesem Jahr ein Schnapszahl-Jubiläum. Im Jahr 1462 wurde das Dorf erstmals unter dem Namen "Lindo" erwähnt. Aus dem Spanischen übersetzt ist Lindo gleichbedeutend mit schön, putzig und schnucklig. Größter Arbeitgeber im Ort ist der Landwirtschaftsbetrieb Ressen - Lindchen GmbH mit einer Sortierung und Lagerung von Feldfrüchten sowie dem Bauernhofladen für die Direktvermarktung eigener Produkte und externer landwirtschaftlicher Angebote. Angelika Richter (Vorsitz), Udo Dutschk und Heiko Blum bilden den Ortsbeirat von Lindchen. Das Dorf hat aktuell 109 Einwohner. Im Jahr 1990 lebten noch 116 Personen im Dorf, im Jahr 1946 waren es 179 Frauen, Männer und Kinder - das war der Einwohner-Höchststand.