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Das Paradies vor der Haustür

Ein Märchenschloss, umgeben von einem Wassergraben, ein verwunschener Landschaftspark und ein Kleinod von Schlosskirche – das Paradies liegt vor der Haustür. Wer bei der Sommertour der RUNDSCHAU am Mittwoch nach Lindenau bei Ortrand dabei war, hat es genossen. Von Annette Siemer


Etwa 15 Teilnehmer hatten sich am Torhaus versammelt und wurden dort vom ehrenamtlichen Bürgermeister, Manfred Grafe, begrüßt. Die bröckelnde Kulisse des um 1584 von Lothar von Minkwitz erbauten Schlosses bot gleich Anlass für die eine große Frage: Warum passiert hier nichts? Den geplanten Abriss nach 1945 konnten die Lindenauer verhindern. Als Kinderheim überdauerte es die DDR-Zeit, doch seit der Wende steht es leer. Fürst zu Lynars Restitutionsanspruch wurde abgelehnt, kaufen durfte er es auch nicht, und all die anderen, hochtrabenden Projekte erwiesen sich als Flop. Heute im Besitz einer Berliner Gesellschaft steht das Schloss zwar immer noch leer, dafür bezahlt diese drei Arbeitskräfte, die den Landschaftspark vorbildlich pflegen. Trotzdem, das Bedauern ist groß. Aber nicht das Unerfüllte stand bei der Sommertour im Vordergrund, sondern die greifbare Schönheit, die es hier in Fü lle gibt. Wie die Schlosskirche.
Gemeindepfarrer Michael Schönfeld hat sie für die RUNDSCHAU aufgeschlossen und den Teilnehmer die Augen für dieses wunderbare Gotteshaus geöffnet, das in seiner zarten Schlichtheit die Besucher umhüllt. 1668 wurde es erbaut und war immer schon Gemeindekirche. Vor drei Jahren ist sie behutsam saniert worden. Pfarrer Schönfeld hat großen Wert darauf gelegt, dass die Spuren der Zeit nicht einfach wegretuschiert wurden.
An Besonderheiten hat die Kirche einiges vorzuweisen: Grüne, handgemalte Ranken zieren Fensternischen, Säulen und Deckenabsatz - eine kleine Reminiszenz an den Weinanbau in Lindenau. Sie bilden einen fröhlichen Kontrast zu den weiß gekalkten Wänden. Auch die Inschrift „altes Haus Winzer“ auf einer Säule weist auf eine lange Tradition hin.

Majestätisches Erinnerungsmal
Ganz aus dem Rahmen fällt der wuchtige Epitaph in der rechten Ecke, ein großes barockes Erinnerungsmal aus Marmor und Sandstein, das Christian von Minckwitz 1709 im Gedenken an seinen Vater und die beiden Brüder hat anfertigen lassen, wobei das eigentliche Grab des Vaters in Ortrand liegt. In der Mitte kniet lebensgroß und majestätisch der in Marmor gehauene Vater, flankiert von Cronos, dem griechischen Gott der Zeit, und der Mater dolorosa, der Schmerzensmutter, dazwischen Putten mit dem Bildnis von L.S. von Minckwitz und der Erzengel. Vor der Restaurierung war der Epitaph in einem sehr schlechten Zustand und drohte mit seinem Gewicht die Kirchenwand wegzudrücken. Ein unsichtbares Korsett verleiht ihm jetzt Standsicherheit. So aufwändig war die Restaurierung: Allein die Erneuerung der vier Engelsflügel kostete 12 000 Euro, so der Pfarrer.
Auch der Altar eine Rarität, wenn auch nicht mehr ganz stilecht, dafür um so augenfälliger. Kruzifix und Engel wurden 1843 herausgebrochen und erst 100 Jahre später von Pfarrer Doehring auf dem Dachboden wiederentdeckt. Statt dessen wurde eine vom Gutspächter Werner selbst angefertigte Kopie eines Weihnachtsbildes von Corregio auf dem Altar installiert. Heute hängt das düstere Bild auf der Empore und Christus der Gekreuzigte ist seit 1965 von vier pausbäckigen Engeln umgeben, die aussehen, als ob sie es mit dem Lippenstift ein wenig übertrieben hätten. Uralte, zum Teil sehr gut erhaltene Grabplatten wie die von Carl von Kottwitz, 1622 mit 30 Jahren in der Ortrander Schenke erstochen, sind sehenswerte Schätze.
Auf schmalen Stufen geht es hinauf auf die Empore. Dort steht die 1841/42 von der Firma Friedrich Pfützer aus Meißen erbaute mechanische Schleifladenorgel. Pfarrer Schönfeld ließ sich nicht lange bitten und gab eine kleine Hörprobe. Dass Orgelspielen früher nicht ohne Muskeleinsatz möglich war, führte Ursula Freitag vor. Sie stieg auf die Holztreter des riesigen Blasebalgs und drückte sie, wie beim Stepper im Fitnessstudio, abwechselnd nach unten. So wurde früher die Luft generiert, die den Ton in den Orgelpfeifen erzeugte. Das habe ich doch schon als Kind gemacht, verriet sie. „Ganz schön anstrengend“ , sagt sie außer Puste.

Glockenspende zum Geburtstag
Bis das Magnet betriebene Geläut die Glocken in Schwingung brachte, zogen zwei Männer an den Seilen. Lindenauer wie Rudolf Kupfer, leisteten ihren Beitrag, dass die Mühsal ein Ende hat. Er, so berichtete der Pfarrer, habe seine Geburtstagsgäste gebeten, nicht ihn zu beschenken, sondern für die Glocken zu spenden. „Da hat nicht jeder nur zehn Euro gegeben, mehr als 1000 Euro sind zusammengekommen“ , sagt Michael Schönfeld.
Dass Rudolf Kupfer nicht nur Glocken und Orgel am Herzen liegen, er vielmehr auch ein kurzweiliger Parkführer ist, zeigte sich im Anschluss. Doch zuvor gab es noch einen kleinen Rundgang durchs 1690 erbaute Torhaus, wo unter anderem seine photographischen Impressionen von Lindenau zu bestaunen sind, die Bilder des wohl bekanntesten Schradenmalers Wolfgang Besig sowie die vielfach variierten Schloss- und Parkmotive der Lindenauer Montagsmaler.

Barocke Gartenkunst
Dann hinaus in den 23 Hektar großen Landschaftspark, den die Pulsnitz wie eine Insel umrahmt. Lustwandeln auf schattigen, einsamen Wegen. Der Park erhielt seine heutige Form um 1820 bis 1850 und vereint Elemente eines englischen Landschaftsparks mit Grundzügen barocker und holländischer Gartenbaukunst. Üppige Rododendrensträucher und Azaleen, himmelstürmende Baumriesen, Raritäten wie Zirbelkiefern, japanische Zaubernuss oder die Sumpfzypresse. Ein besonders mächiges Exemplar mit seinen bizarren Luftwurzeln steht direkt am Wassergraben. Wer dann weiter geht, genießt die wohl schönste Blickachse, den der Park seinen Gästen offenbart: die repräsentative dreiflügelige Schlossanlage, die sich im Spiegelteich doppelt, wenn das Wasser klar ist. Der Landschaftsgarten - eine Oase der Ruhe und Harmonie.
Der Park läuft zum Sportplatz hin aus, wo Berndt Heduschka seine Sportgaststätte betreibt. Das schöne Landschaftspanorama im Blick, können sich hier Spaziergänger und Radler erfrischen. Die Gaststätte mit Kegelbahn liegt direkt am Radwanderweg, der von Lauchhammer über Lindenau ins Schradenland führt. Am Mittwoch hatte der Wirt extra für die Sommertourler geöffnet, denn während der Woche steht er erst ab 17 Uhr am Tresen. Samstags und sonntags hingegen dampft schon ab 13.30 Uhr der Kaffee und dazu gibt es Kuchen.