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Das lange Warten auf ein neues Leben

Annett Kozlecki mit ihrem treuen Hofhund Aragon. Wenn sie im Krankenhaus ist, leidet er besonders.
Annett Kozlecki mit ihrem treuen Hofhund Aragon. Wenn sie im Krankenhaus ist, leidet er besonders. FOTO: Steffen Rasche/str1
Großräschen. An ein Leben mit Hindernissen ist Annett Kozlecki aus Großräschen gewöhnt. Die 35-Jährige ist seit 17 Jahren nierenkrank und hängt seit sechs Jahren an der Dialysemaschine. Die Komplikationen nach der missglückten Nierentransplantation in der Silvesternacht 2014 überlebt sie nur mit über 20 Bluttransfusionen. Andrea Budich

Sie ist eine Kämpferin. Eine, die sich nicht unterkriegen lässt. Von den Wirren des Lebens nicht und vom eigenen Schicksal sowieso nicht. Sie ist krank, schwer krank sogar. Aber davon will sie sich so wenig wie möglich beeinflussen lassen. Deshalb steht sie immer wieder auf und kämpft weiter. Mit dem Schicksal hadert die gelernte Bauzeichnerin nicht. Obwohl sie sich an schlechten Tagen schon fragt: "Warum gerade ich?"

Ihre Geschichte erzählt sie, weil es für sie wichtig ist, sich selbst damit auseinanderzusetzen. Und sie will dem Thema Organspende eine Seele geben. "Das endlose Warten macht doch verrückt. Da musst du aufpassen, nicht durchzudrehen", begründet sie und erzählt.

Ihr Leben mit Hindernissen beginnt für die damals 18-Jährige wie ein Schlag aus heiterem Himmel. Sie ist damals mitten in der Ausbildung zur Bauzeichnerin und pendelt dafür mit dem Zug von Großräschen nach Cottbus. Weil sie immer müde ist und befürchtet, sogar den Ausstieg am Bahnhof Cottbus zu verschlafen, geht sie irgendwann zur Hausärztin. "Ich habe gehofft, mit einer Tablette wird alles wieder gut", erinnert sie sich.

Aber der Hausärztin fallen sofort die ziemlich schlechten Blutwerte auf und überweist sie ins Carl-Thiem-Klinikum nach Cottbus. Ihre Nieren werden punktiert. Die niederschmetternde Diagnose: Beide Nieren reinigen das Blut nicht mehr ausreichend. Sie bekommt hoch dosiertes Cortison verschrieben und ist ein Jahr lang krankgeschrieben.

Später auf Tabletten umgestellt, bringt sie ihre Ausbildung trotz des langen Ausfalls mithilfe eines achtwöchigen Crashkurses erfolgreich zu Ende. "Von Anfang an wollte ich so normal wie möglich weiterleben", sagt Annett Kozlecki. An die Lehre hängt sie daher noch ein Fachabitur ran.

Um wenigstens ein paar Stunden rauszukommen und nicht ausschließlich von Ärzten abhängig zu sein, bewirbt sie sich 2005 im Kaufland Cottbus. Später wechselt sie zum Kaufland Forst, weil dort eine unbefristete Stelle und einige Stunden mehr locken. Nach wiederholtem Nierenversagen kam dann im Sommer 2011 die niederschmetternde Nachricht ihrer Ärztin: "Sie kommen um eine Dialyse nicht länger herum."

An ihre erste Dialyse in Senftenberg kann sich Annett Kozlecki noch gut erinnern. Es war ein Montag. Für den Dienstag lässt sie sich noch krankschreiben, am Mittwoch fährt sie wieder zur Schicht ins Kaufland. Seitdem ist ihr Lebensrhythmus von der Dialysemaschine vorbestimmt: Montags, mittwochs und freitags sitzt sie für je vier Stunden im Dialyseraum. Das sind zwölf Stunden in der Woche - die Fahrzeit noch nicht einmal mit eingerechnet.

Wenn Annett Kozlecki Spätschicht hat, holt das Taxi sie Punkt 6.10 Uhr vom Grundstück in der Ahlbecker Straße in Großräschen ab. Um 6.30 Uhr beginnt die Dialyse in Senftenberg. Gegen 11.30 Uhr ist sie wieder zurück in Großräschen. Sie legt sich dann für ein Stündchen auf die Couch und fährt spätestens gegen 14 Uhr los zur Arbeit nach Forst. Bei der Frühschicht dasselbe Spiel - nur alles umgekehrt. Dann hängt sie nach ihrer Kaufland-Schicht von 16 bis 20 Uhr an der Maschine. Dass sie dabei immer eine der jüngsten Patientinnen ist, daran hat sie sich in all den Jahren gewöhnt.

Am Silvestertag 2014 kommt dann die Nachricht: Eine Niere ist da! "Der Anruf meiner Ärztin war wie eine lang erwartete Erlösung", erinnert sich Annett Kozlecki. Dreieinhalb Jahre stand sie damals auf der Warteliste. Sie stößt noch mit ihrer Familie an, packt die Sachen und ruft ein Taxi, das sie zur Charité nach Berlin bringt. Den Abschiedssatz ihrer Oma hat sie noch heute im Ohr: "Komm wieder. Ich brauche dich!"

In der Silvesternacht wird sie operiert. Fünf Stunden lang. Ihre neue Niere fängt zunächst gut an zu arbeiten. Trotzdem scheitert die Transplantation nach drei Tagen, weil die Spenderniere von einem Pilz befallen ist. Für Annett Kozlecki bedeutet das: sieben Wochen im Krankenbett, mehrere Operationen mit Folge-Komplikationen, über 20 Bluttransfusionen. Sie wiegt 39 Kilogramm, als sie wieder heimkommt nach Großräschen.

Seit dem Sommer 2015 steht Annett Kozlecki erneut auf der Warteliste von Eurotransplant für eine neue Niere. Über den Jahreswechsel krankgeschrieben und jetzt zur Reha an der Ostsee, will sie spätestens im Frühjahr wieder arbeiten. Die 35-Jährige hofft, dass es ihr 2017 besser geht und der erlösende Anruf sich wiederholt. "Dieses Warten und Warten macht verrückt. Ohne Arbeit würde ich durchdrehen", sagt sie. Damit sie nicht ständig daran denken muss, hat sie ihr Handy lautlos gestellt. Die Ärztin kann im Fall der Fälle auch ihren Vater oder Lebenspartner Mirko jederzeit erreichen.

Einen genauen Plan, wie ihr Leben aussehen soll mit der ersehnten neuen Niere, hat sie noch nicht. Nur eins steht fest: "Wir buchen einen Flieger und dann geht es ganz weit weg!"

Zum Thema:
Rund 8000 Dialysepatienten warten in Deutschland auf eine Nierentransplantation. Ihre Zahl ist fast dreimal so hoch wie die pro Jahr übertragenen Organe. Im Jahr 2015 wurden 2194 Patienten transplantiert. Die durchschnittliche Wartezeit auf eine Transplantation beträgt etwa sechs bis sieben Jahre. Wegen der langen Wartezeit auf eine neue Niere werden mit der Dialyse oft mehrere Jahre bis zur Transplantation überbrückt. Einen großen Teil der Nierenfunktion kann die Dialyse ersetzen.