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Das berühmte Laken ist verschollen

Friedrich Wilhelm Heßmer (l.) und Lothar Baer – die Söhne der beiden Männer, die Bockwitz vor der Zerstörung retteten, nahmen an einer Feierstunde zum Kriegsende in der Nikolaikirche teil.
Friedrich Wilhelm Heßmer (l.) und Lothar Baer – die Söhne der beiden Männer, die Bockwitz vor der Zerstörung retteten, nahmen an einer Feierstunde zum Kriegsende in der Nikolaikirche teil. FOTO: Torsten Richter-Zippack/trt1
Lauchhammer. In diesen Tagen jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges in Lauchhammer zum 70. Mal. Im Gegensatz zu anderen Orten der Region ist Bockwitz, der heutige Stadtteil Mitte, recht glimpflich davongekommen. Zwei Männer besaßen daran die entscheidende Aktie. Torsten Richter-Zippack / trt1

Ausgerechnet der Kommunist und der Pfarrer! Zwei Menschen mit auf den ersten Blick gegensätzlichen Charakteren haben in der Nacht vom 21. auf den 22. April 1945 Bockwitz, das heutige Lauchhammer-Mitte, gerettet. Was damals genau passierte, kann Friedrich Wilhelm Heßmer, Sohn des Pfarrers Dietrich Heßmer, fast auf den Tag genau sieben Jahrzehnte später nicht mehr sagen. Nur so viel: "Vater und der Kommunist Max Baer haben dank ihrer Aktion Bockwitz kampflos an die Rote Armee übergeben." Weithin bekannt sei, dass einer der beiden Männer ein weißes Tuch als Zeichen der Aufgabe am weithin sichtbaren Turm der Nikolaikirche befestigte. Möglicherweise könnten es insgesamt auch vier Tücher gewesen sein. So ist es zumindest im Lauchhammeraner Heimatbuch aus dem Jahr 2003 vermerkt.

"Das Tuch war ein Bettlaken", erklärt Friedrich Wilhelm Heßmer. "Vater hatte es wahrscheinlich in Waldaus Hotel besorgt. Damals diente diese Herberge unmittelbar südlich der Kirche als Lazarett." Was nach der legendären Aktion mit dem nunmehr berühmten Laken geschah, könne Heßmer nicht sagen: "Sie wissen doch, die schwere Zeit." Möglicherweise habe es der Wind abgerissen. Seinem ursprünglichen Zweck sei das Tuch jedenfalls nicht mehr zugeführt worden.

Dietrich Heßmer, geboren am 17. Dezember 1899, hatte zunächst eine Lehre als Bankkaufmann durchlaufen. Später studierte der junge Mann Theologie. Im Jahr 1937 wurde Heßmer als evangelischer Pfarrer nach Bockwitz berufen. "Vater galt seit jeher als Pazifist", sagt Friedrich Wilhelm Heßmer. Immer wieder sei er mit den Nationalsozialisten aneinandergeraten. Diese hätten dem engagierten Kirchenmann letztlich sogar ein "Kanzelverbot" ausgesprochen. Kein Wunder, dass Dietrich Heßmer nach der "Sache mit dem Kirchturm" anschließend von einem Mann mit einer Pistole bedroht worden sei. "Zum Glück ist alles gut ausgegangen", weiß Friedrich Wilhelm Heßmer. Am 2. März 1962 wurde sein Vater heimgerufen. Der Sohn zählte damals erst 19 Jahre.

Max Baer war dagegen von klein auf kommunistisch geprägt. Er stieg mit Pfarrer Heßmers Gnaden auf den Kirchturm und befestigte dort das Zeichen der gewaltlosen Aufgabe. Sohn Lothar Baer zählte damals gerade ein Jahr. Nach Kriegsende wurde Max Baer Bürgermeister in Bockwitz und später in der neugegründeten Stadt Lauchhammer, insgesamt 22 Jahre lang. "Vater hatte besonders für die Jugend immer ein offenes Ohr. Er sprach oft mit den Heranwachsenden über die furchtbaren Zustände im Dritten Reich", sagt Lothar Baer.

Heute erinnern der Dietrich-Heßmer-Platz und die benachbarte Max-Baer-Straße an die beiden Männer, die in jener Aprilnacht des deutschen Schicksalsjahres 1945 den Untergang von Bockwitz und des Mückenberger Ländchens verhinderten. So blieben die Schäden in den dortigen Dörfern, im Gegensatz zu anderen Orten in der Lausitz, ziemlich überschaubar.

Horst Gärtner hat noch eine andere Verbindung zum Kriegsende. "Seit Mai 1970 war mein Anfahrtweg von Lauchhammer-West über den Bahnübergang zur Kokerei. Meistens war früh die Schranke geschlossen, und man hatte Zeit, sich mal das schöne Schrankenwärterhäuschen anzusehen", schreibt er. An dem Gebäude habe sich mit Kreide geschrieben ein kurzer Text in kyrillischen Buchstaben und dem Datum 28.04.45 befunden. "Eventuell stand darüber noch ein Datum. Leider war es nicht mehr richtig entziffern", bedauert Horst Gärtner. Am besten seien die Schriftzüge zu lesen gewesen, wenn die Wand regennass war.
Horst Gärtner hat noch eine andere Verbindung zum Kriegsende. "Seit Mai 1970 war mein Anfahrtweg von Lauchhammer-West über den Bahnübergang zur Kokerei. Meistens war früh die Schranke geschlossen, und man hatte Zeit, sich mal das schöne Schrankenwärterhäuschen anzusehen", schreibt er. An dem Gebäude habe sich mit Kreide geschrieben ein kurzer Text in kyrillischen Buchstaben und dem Datum 28.04.45 befunden. "Eventuell stand darüber noch ein Datum. Leider war es nicht mehr richtig entziffern", bedauert Horst Gärtner. Am besten seien die Schriftzüge zu lesen gewesen, wenn die Wand regennass war. FOTO: Horst Gärtner