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| 17:38 Uhr

Cottbuser Verein deckt neue Aspekte über Senftenberger KZ auf

Gedenktafel zum Konzentrationslager Großkoschen
Gedenktafel zum Konzentrationslager Großkoschen FOTO: Bernd Balzer
Großkoschen. Von Oktober 1944 bis zum Februar 1945 hat es nahe des Senftenberger Stadtteils Großkoschen ein Außenlager des Konzentrationslagers (KZ) Groß Rosen gegeben. Rund 30 Jahre lang hat sich niemand mit dem Thema beschäftigt. Nun hat ein Cottbuser Verein weitere Hintergründe aufgedeckt. Sasha Klein

Egbert Gassan blättert bis zur Mittelseite der Broschüre. Zu sehen ist eine farbige Karte des Gebiets um Großkoschen. Die Südseite des Senftenberger Sees ist zu erkennen, ebenso ein Teil des Steinbruchs am Koschenberg. Mitten in der Karte prangt eine graue Fläche. Der Forster Gassan, im technischen Dienst beim Cottbuser Verein „impuls“ e.V., zeigt auf ein umrandetes Gelände. Es ist eine Reise ins dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Zu sehen sind Bombenkrater, eine Eisenbahnlinie und ein umrandetes Gelände – die Fläche des früheren Lagers Großkoschen. Es ist ein Bild aus dem Frühjahr 1945. „Wir haben lange recherchiert, bis wir dieses Bild bekommen haben“, sagt Gassan. „Leider stammt es aus den Monaten, in denen das Lager bereits aufgelöst war.“

Zum Thema gekommen sind Egbert Gassan und sein Kollege Reiko Lange eher durch einen Zufall. Beide arbeiten unter anderem mit straffälligen Jugendlichen und begleiten sie beim Ableisten ihrer Sozialstunden. Während eines Projekts in Großkoschen haben sie in der Nähe des alten Sandschachts beim Umbau eines Hauses geholfen. Dort haben sie von Nachbarn erfahren, dass es während der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs unweit ein KZ-Außenlager gegeben haben soll. Heute existiert nur noch ein Gebäude, das einst zum Lager gehörte: die alte Sandwäsche. Es ist privat. Das Interesse des Hobby-Historikers Gassan war geweckt. Gemeinsam mit Reiko Lange und fünf Jugendlichen begann er zu forschen. Sie fanden neben den noch vorhandenen Backsteinsäulen des einstigen Eingangstores auch alte Zaunsäulen nahe der Sandwäsche. Dank Fördermitteln der „Stiftung Demokratische Jugend“ konnten sie ins Dokumentationszentrum des KZ Groß Rosen ins heutige Polen fahren und dort Informationen sammeln. Sie haben herausbekommen, dass das Außenlager als Zerlegebetrieb für Flugzeugwracks gedient hat. Nützliche Teile seien weiter verwendet, andere im nahen Lautawerk eingeschmolzen worden. Bis zu 1200 Häftlinge seien im Lager Großkoschen interniert gewesen. Zahlen, wie viele Opfer zu beklagen sind, gibt es nicht.
Der Cottbuser Verein will sich nun dafür einsetzen, eine Gedenktafel am alten Eingangstor des Lagers anzubringen. Eine Gedenktafel gibt es bereits. Sie steht am Kreisel nahe des Familienparks Großkoschen. „Das ist allerdings etwa zwei Kilometer vom wirklichen Ort des Lagers entfernt“, so Gassan.

Laut Recherchen des Cottbuser Vereins "impuls" existierte das Außenlager Großkoschen von Ende Oktober 1944 bis Ende Februar 1945. Es unterstand der Luftwaffe. Bevor das Lager in der Nähe von Senftenberg im Herbst 1944 eingerichtet wurde, habe es einen solchen Betrieb zur Zerlegung von Flugzeugen bereits im früheren Konzentrationslager Auschwitz II/Birkenau gegeben. Wegen des sowjetischen Vormarsches sei es nach Westen verlegt worden.

Der Standort Großkoschen ist nach "impuls"-Recherchen wegen der Nähe zum Aluminiumwerk Lauta (damals Lautawerk) ausgewählt worden. Zudem verfügt das Gelände nahe des Koschenbergs über einen Bahnanschluss und sei aus der Luft schwer zu entdecken gewesen. Laut "impuls" e.V. leitete der SS-Oberscharführer Alfred Engst das Großkoschener Lager. Das Wachpersonal habe die Luftwaffe gestellt.

Das Gelände des früheren Konzentrationslagers Groß Rosen liegt nahe des Ortes Rogoznica, etwa 60 Kilometer südwestlich von Wroclaw (Breslau) und 10 Kilometer südöstlich von Legnica (Liegnitz). Das Lager Groß Rosen entstand im Jahr 1940 in Schlesien als Arbeitslager und war Teil des Nebenlagersystems des KZ Sachsenhausen bei Oranienburg. Es lag nahe eines großen Steinbruchs, den die Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH, ein Wirtschaftsbetrieb der nationalsozialistischen Schutzstaffel (SS) unterhielt. Dort wurde schwarz-weißer schlesischer Granit für die Prunkbauten Hitlers gewonnen.
Laut Schätzungen sind im KZ Groß Rosen mehr als 120 000 Menschen interniert gewesen. Bis zu 45 000 Häftlinge haben dort und in dessen Außenlagern, darunter Großkoschen bei Senftenberg, ihr Leben verloren. In der Lausitz gab es elf weitere Außenlager des KZ Groß Rosen: in Weißwasser, Klein Radisch, Niesky, Görlitz, Kunnerwitz, Rennersdorf, Niederoderwitz und Zittau (alle Kreis Görlitz), Kamenz, Bautzen und Brandhofen/Spohla (alle Kreis Bautzen).
Hintergrund Seit 1983 gibt es laut des Schlesischen Museums zu Görlitz ein Museum auf dem Lagergelände des früheren Konzentrationslagers Groß Rosen. Die wenigen erhaltenen Lagerbauten sind für Besucher zugänglich. Gedenktafeln erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus. Es existiert auch eine polnische Internetseite des Museums: www.gross-rosen.pl