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Cottbuser Orient-Teppiche für Japans Kaiser

Die Teppichfabrik Oscar Prietsch mit großer Belegschaft zur Feier des 50 000 Teppichs, der das Werk verließ. Hier entstanden auch die Prunkstücke für das japanische Kaiserhaus.Ein mit Teppichen ausgelegter Privatraum der Kaiserin Haruku.Kaiserin Haruku um 1887.
Die Teppichfabrik Oscar Prietsch mit großer Belegschaft zur Feier des 50 000 Teppichs, der das Werk verließ. Hier entstanden auch die Prunkstücke für das japanische Kaiserhaus.Ein mit Teppichen ausgelegter Privatraum der Kaiserin Haruku.Kaiserin Haruku um 1887. FOTO: Quelle: Stadtmuseum CottbusRepors: privat
In der Berliner Staatsbibliothek habe ich über die vergangenen Monate hinweg Tageszeitungen von 1887/88 gelesen, um Informationen zum Berlin-Aufenthalt des japanischen Militärarztes und späteren Schriftstellers Mori Ôgai (1862-1922), zu sammeln. Was ich zu finden gehofft hatte, fand sich nicht. Dafür aber stieß ich auf einen Artikel im „Berliner Tageblatt“ , Erstes Beiblatt vom 15. November 1887, der mich als gebürtige Lausitzerin aufhorchen ließ: „Deutsche Industrie in Japan. Wie uns aus Kottbus geschrieben worden ist, gelangte daselbst am jüngsten Sonnabend Nachmittag und Sonntag Vormittag in der O. Prietschschen Teppichfabrik ein für den Kaiser von Japan bestimmter Thronsaalteppich zur Ausstellung . . .“ Von Beate Wonde

Vier Jahre hindurch habe die bekannte Firma Heymann in Hamburg mit Japan in Unterhandlung gestanden, hieß es da im Text weiter, bis sie endgültig den Zuschlag erhielt, gegen eine Pauschalsumme von 1,75 Millionen Mark 98 Zimmer des japanischen Kaisers - eigentlich jedes einzelne ein Gebäude für sich - auszustatten. Die Firma Heymann habe anfänglich geschwankt, ob sie die Anfertigung der für den Thronsaal, für das Antichambre, für Salon, Boudoir und Empfangszimmer in Aussicht genommenen sechs Smyrnateppiche (benannt nach der türkischen Stadt Smyrna) nicht einer Pariser Firma übertragen solle. Sie entschied sich dann aber doch für eine inländische Fabrikation und wählte die Prietschsche Fabrik, die schon seit dem Jahre 1874 speziell und ausschließlich in Deutschland das Gebiet der orientalischen Teppichfabrikation pflegte.
Als „Kollossalfabrikat“ bezeichnete die Zeitung den in Cottbus geknüpften Thronsaalteppich und versuchte, die gewaltige Dimension in Zahlen zu veranschaulichen: „Er hat einen Flächeninhalt von 150 Quadrat-Metern - während der Thronsaal einen solchen von 200 Quadrat-Metern umfaßt - und respräsentirt ein Gewicht von 12 1/2 Centnern. In dem Teppich befinden sich 5 Millionen Knoten, und das Ganze ist nicht etwa ein Werk von athemlos arbeitenden Maschinen, sondern - und darin liegt eben das auszeichnende und Großartige - ein Produkt von Handarbeiterinnen. 87 der geschicktesten von den 222 in der Fabrik arbeitenden Knüpferinnen waren mit der Herstellung des Teppichs für den fremden Herrscher betraut worden; 19 derselben arbeiteten bei Tage, 18 bei Nacht unausgesetzt, und dem emsigen Fleiß ist es gelungen, das Riesenwerk in ca. vier Wochen, vom 6. Oktober bis 4. November fertig zu stellen.“
Das Muster des Teppichs wurde im Atelier der Fabrik selbst entworfen und ist im Renaissancestil gehalten. Die Grundfarbe des dreifarbig bemusterten Teppichs war Goldbronze, begrenzt durch eine ebenfalls dreifarbige Bordüre, „aus der ein angenehmes auf der Grenze zwischen Dunkel- und Hellroth stehendes Roth hervortritt“ .
Mit Stolz könne man behaupten, erklärte das „Berliner Tageblatt“ , dass derartige Fabrikate von deutschen, ja auch wohl von Auslandsfirmen noch nicht geliefert worden seien: „Und unsere Behauptung schwebt nicht etwa in der Luft, denn Dresdener Häuser, ja selbst Gerson-Berlin haben sich vergeblich bemüht, das Ausstellungsrecht von dem Fabrikanten zu erlangen. Der Preis des Teppichs stellt sich für die direkten Auftraggeber, die Firma J. D. Heymann auf 6000 Mark. Die beiden für das Speisezimmer und das Vorzimmer des japanischen Herrschers bestimmten Teppiche, welche im persischen Stile gehalten sind, haben die Fabrik bereits verlassen, die drei anderen für Salon, Boudoir und Empfangszimmer sollen ihre Seereise noch in diesem Jahre machen.“
Der Glanz der Einzigartigkeit und der damit verbunde Ruhm von Oscar Prietsch und seiner Teppichfabrik ist mit den Jahren offenbar verblasst. Beim Stichwort Perserteppich (Teppiche mit türkischen oder persischen Knoten) würde einem heute wohl kaum Cottbus zuerst einfallen. Auch in Japan scheint die rührige Hersteller-Firma vergessen zu sein.
Auf eine Anfrage hin teilte Herr Iwakabe vom Kaiserlichen Hofamt in Tokio mit, es sei dort bisher gar nicht bekannt gewesen, dass die Teppiche im Meiji-Palast aus Cottbus stammten. „1887, als oben genannter Zeitungsartikel erschien, war der Palast noch im Bau. Der Vorherige war 1873 abgebrannt“ , erklärt Iwakabe die Gründe für die damalige Neuausstattung.
Die Bauarbeiten währten von 1884 bis zum Oktober 1888. Im Jahr darauf habe der Palast den Namen "Meiji-Palast" erhalten. Meiji, der Name für die Regierungsperiode des Kaisers Mutsuhito, bedeutet so viel wie "erleuchteter Herrscher".
Das Ensemble bestand aus einem Vorderen Palast (omote kyûden), in dem der Kaiser seinen Amtsgeschäften nachging, und dem Inneren Palast (oku kyûden), in welchem die kaiserliche Familie wohnte.
Die Einrichtung des Vorderen Palastes war eine Mischung aus japanischen und europäischen Elementen. An einer japanisch getäfelten Decke hing zum Beispiel ein Kronleuchter, der Fußboden war gedielt. Der Innere Palast war ganz japanisch eingerichtet, aber selbst dort gab es einen Kamin, Tische, Stühle und Teppiche.
Im Jahre 1886 hatte das Palast-Bauamt in Tokio die in Yokohama ansässige deutsche Handelsgesellschaft Carl Rohde & Co. mit der Beschaffung der für den neuen Palast notwendigen Möbel und Einrichtungsgegenstände beauftragt. Gleichzeitig wurde beschlossen, Spezialisten aus Japan nach Deutschland zu schicken, die vor Ort beurteilen sollten, ob die Muster und Farben dem Kaiserpalast angemessen waren.
Die Delegation unter Leitung des bekannten Architekten Katasan Tôyû hatte im Dezember 1886 Japan verlassen und war nach Aufenthalten in Frankreich, Hamburg und Berlin über Paris, London im Oktober 1887 wieder nach Japan abgereist. Der genaue Aufenthaltsplan, also ob die Japaner auch in Cottbus waren, ist nicht überliefert. Verbürgt ist bezüglich des Teppichs nur, dass die im Zeitungsartikel genannte Firma J. D. Heymann tatsächlich der Vertragspartner von Carl Rohde & Co. war, und dass erstere zwei Sendungen mit Teppichen an die Firma in Yokohama versandt haben, nämlich jeweils am 5. Oktober und am 30. November jenes Jahres.
Herr Katasan muss vor Ort äußerst zufrieden mit den für den Kaiserpalast hergestellten Produkten gewesen sein, denn um seinen tiefen Dank zu zeigen, hat er am 1. Oktober 1887 vor seiner Abreise außer Herrn Heymann weitere 15 beteiligte Personen zu einem üppigen Abschiedsessen eingeladen. Die als Beweis bei der kaiserlichen Verwaltung eingereichte Rechnung lässt auf ein großzügiges Festmahl schließen.
Die Cottbuser Teppiche befanden sich nach Aussagen des Kaiserlichen Hofamtes noch bis zum 25. Mai 1945 im kaiserlichen Palast, der bei einem amerikanischen Bombenangriff an jenem Tag völlig zerstört wurde. Vom Interieur ist nichts mehr vorhanden. Der heutige Kaiserpalast in Tokyo wurde 1961 neu errichtet.

Unsere Autorin Beate Wonde arbeitet am Japan-Zentrum der Humboldt-Universität Berlin. Die gebürtige Gubenerin betreut dort die Mori-Ogai-Gedenkstätte.

Hintergrund Die Teppichfabrik von Oscar Pietsch
 Auch wenn wenig über die Cottbuser Firma Oscar Prietsch und die näheren konkreten Umstände der Auftragsarbeit für Japan bekannt ist, so ist in Cottbus doch offenbar einst äußerste Präzisionsarbeit geleistet worden. Cottbuser Teppiche wurden früher in alle Welt exportiert, das Außenhandelsministerium in New York und ein Salonzug im Orient wurden unter anderem damit ausgestattet.
Die Cottbuser Fabrik ging im Jahr 1894 in der Vereinigte Smyrna-Teppich Fabriken AG auf, die durch Übernahme von Pietsch und der Firmen Gevers & Schmidt in Schmiedeberg und Dehmann, Spoerer & Friedrichs in Hannover-Linden entstand. Hergestellt wurden Mechanische Smyrna-Teppiche, Läfer, Doppelteppiche und Tournayteppiche. Der Sitz war bis zum Jahr 1913 in Berlin, dann in Cottbus. Im Jahr 1947 wurde die Vereinigte Smyrna-Teppich Fabriken AG nach Hannover verlagert, ab 1951 war sie eine GmbH, ab 1959 hieß sie Kronen-Teppich-Fabrik GmbH .