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Hallo Nachbar
Fledermaus-Schredder im legendären Wald

Wanderung durch den herrlichen Chransdorfer Wald. Thomas Pachtmann baut mit seinem Sohn einen Nistkasten.
Wanderung durch den herrlichen Chransdorfer Wald. Thomas Pachtmann baut mit seinem Sohn einen Nistkasten. FOTO: Uwe Hegewald / Hegewald Uwe
Chransdorf. Der Oberspreewald-Lausitz-Kreis umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Station heute: Chransdorf. Von Uwe Hegewald

Irgendwann dürfte wohl schon jeder aus dem Landkreis etwas von Chransdorf gehört oder gelesen haben. Von verheerenden Bränden im Chransdorfer Forst zwischen Altdöbern und Großräschen. Von Werner Glinzk, Urgestein und Revierförster im Ruhestand. Von Gerhard Kilian, einem passionierten Geflügelzüchter, der als Vorsitzender des Altdöberner Kleintierzuchtvereins über die Landesgrenzen hinweg bekannt ist und von einem Grafen von Witzleben, der im Herbst 1895 im Revier einen 1200 Hektar großen Wildpark errichten ließ – im Volksmund oft „Tiergarten“ genannt.

„Beim Chransdorfer Forst handelt es sich um eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete im Land Brandenburg“, sagt Thomas Pachtmann. 2005 zog der heute 45-Jährige mit seiner Constance (46) sowie den Kindern Joёlle (19) und Elias (12) in den Gemeindeteil von Altdöbern, um ganz nah am Wald zu leben. Thomas Pachtmann ist gelernter Forstwirt und im Landesforstbetrieb angestellt. „Ich wollte schon immer etwas mit Holz machen“, begründet er seine Berufswahl.

Als es mit einer Tischlerlehre nicht klappen sollte, zog es ihn 1988 in die Forstschule nach Bernau, unweit der berühmten Wandlitz-Siedlung. „An die vorbeifahrenden Staatskarossen kann ich mich noch sehr genau erinnern. Auch an die gelegentlichen Kontrollen, die wir über uns ergehen lassen mussten“, erzählt er. Fragen, warum Honecker & Co. so edle Limousinen fahren, blieben unbeantwortet. Thomas Pachtmann hat die politische Wende als hektische Zeit im Wandlitzer Revier wahrgenommen. Für einen Lehrausbilder, der sich den Auszubildenden selbst als bekennender Kommunist vorgestellt hatte, brach eine Welt zusammen. „Andererseits war er uns ein großer Lehrmeister. Vom Wissen, das er uns mitgegeben hat, zehren wir noch heute“, stellt der Chransdorfer klar. Inzwischen ist der 45-Jährige der einzig verbliebende, noch berufstätige Forstarbeiter, der auch im Dorf lebt.

Zwischenzeitlich galt Chransdorf als klassische Forstsiedlung, mit einem markanten Gebäude im Schweizer Baustil. Heute wird dieses vom Landesbetrieb Forst Brandenburg genutzt. Der Betrieb ist auch Eigentümer des Wohnhauses, in dem die Pachtmanns vor zwölf Jahren eingezogen sind. „Früher waren das Gebäude und das angrenzende Areal ein beliebtes Ausflugslokal. Es gibt noch alte Postkarten, die das belegen“, erzählt das Familienoberhaupt. Im gegenüber liegendem Nebengebäude, in dem einst Pferde aus- oder umgespannt wurden, hat sich Thomas Pachtmann eine kleine Werkstatt eingerichtet, um dort seinem ursprünglichen Berufswunsch nachzugehen. Mit entsprechender Technik und handwerklichem Geschick produziert er massive Gartenbänke, hölzerne Deko-Pilze oder auch Nistkästen. „Bei speziellen Veranstaltungen sind sie ein Renner. Vorgefertigt müssen sie von kleinen Architekten und unter Anleitung nur noch zusammengezimmert werden“, berichtet er. Jährlich kommen bis zu 200 Nistkästen zusammen. Und das Interesse ist ungebrochen, so der Vogelhäuslebauer. In der gesamten Familie schlagen Herzen bekennender Wald- und Tierliebhaber. Töchterchen Joёlle feilt sogar an ihrem Versprechen, dass sie 2004 der RUNDSCHAU gegeben hat: „Ich möchte einmal Tierärztin werden“, beteuerte sie seinerzeit zu ihrer Einschulung.

Dem Abitur und derzeitigen Ausbildung zur Tierarzt-Krankenschwester soll das Studium folgen. Die vor zwei Jahren im Chransdorfer Forst errichteten 24 wuchtigen Windkraftanlagen belasten jedoch den tadellosen Ruf von grenzenloser Waldeslust zwischen Altdöbern und Großräschen. Auf Transparenten teilen Grundstücksbesitzer in beiden Kommunen mit, dass der Windpark „die größte Vogel- und Fledermaus-Schredderanlage im Land Brandenburg“ sei.

Eine Bürgerinitiative um Ex-Revierförster Werner Glinzk, die versuchte den Bau zu verhindern, schlug fehl. Ebenso die Kampagne, alle Entscheidungsträger davon zu überzeugen, welche ursprüngliche Funktion dem Wald als Sauerstoffspeicher, Wasserhaushalt- und Windregulierer, Staubfänger, Rohstofflieferant oder Kohlendioxid-Speicher zukommt. Um lokale Zusammenhänge zu ergründen, empfiehlt Thomas Pachtmann  in den Aufzeichnungen von Dieter Sawall (1933 bis 2012) nachzuschlagen. Das Buch „Die ehemalige Heidelandschaft“ des einst in Chransdorf lebenden Forstexperten, ist ein vortreffliches Nachschlagewerk“, so der Forstwirt. Die Publikation enthalte Wissenswertes zum Chransdorfer Forst, seiner Entwicklung, den verheerenden Waldbränden und alles was die Flora und Fauna der grünen Lunge des Landkreises Oberspreewald-Lausitz ausmache.