Sie ist erfinderisch, immer gut drauf, erklärt Stadtpläne mühelos über Kopf und ist nicht mal dann um eine Antwort verlegen, wenn im Reisebus oder beim Stadtspaziergang Fragen zur Kohleförderung oder zum Tagebaubetrieb zu beantworten sind. "Dann blitzt der Schlosser wieder durch", lächelt Astrid Freitag (64) ein klein wenig verlegen. Nicht wenige Männer bekommen dann ziemlich große Augen, weil sie solche Kenntnisse bei einer zarten Frau nicht unbedingt erwartet haben. Dabei plaudert die Leiterin der Tourist-Information sogar aus dem Nähkästchen. Immerhin hat sie als junge Frau nach der Schlosserlehre in der Brikettfabrik Impuls auf der Förderbrücke im Tagebau Meuro gearbeitet.

Aber das ist lange her. Solange, dass sie es fast selbst nicht mehr glauben mag. Nach Studium und Umschulung zur Reiseverkehrsfrau meldet sie sich im Dezember 1997 beim damaligen Fremdenverkehrsverein Niederlausitz. Sie stellt sich vor und wird noch am selben Tag eingestellt. Ihr erster Schreibtisch steht am Kirchplatz 8 in Senftenberg. So winzig der Raum in dem kleinen Häuschen war, so überschaubar waren damals zum Beginn auch die zu betreuenden Hoteliers und Gastronomen. Von Privatvermietern gar nicht zu reden. So war das Vermitteln von Unterkünften noch eine ziemlich entspannte Angelegenheit, erinnert sie sich zurück.

Der Tourismus in und um Senftenberg steckte noch in den Kinderschuhen. "Da war auch der Publikumsverkehr an zwei Händen abzählbar", sagt sie heute lachend. Wenngleich sie dem vorsichtigen Beginn auch etwas Positives abringt. "Damals hatten wir genügend Zeit für die Vereinsarbeit." Bis zur Verschmelzung mit dem 2012 neu gegründeten Tourismusverband Lausitzer Seenland war Astrid Freitag über viele Jahre Geschäftsführerin des Fremdenverkehrsvereins.

Mit dem Umzug vom Kirchplatz zum Rathaus hat sich die Tourist-Information von Jahr zu Jahr zur ersten Adresse für Urlauber und Tagesgäste entwickelt - immer unter Regie der Chefin Astrid Freitag. 50 000 Besucher hatte das Büro im Vorjahr, Tendenz steigend. Die meistgestellte Frage, die Astrid Freitag und ihr Team zu beantworten haben, dreht sich um das Fahrgastschiff Santa Barbara. Den Plan kann die Tourist-Chefin inzwischen im Schlaf vorbeten. Nach dem Schiff kommen die Radwege. "Da musst du 100-prozentig sattelfest sein", sagt Astrid Freitag. Wo sind Wege gesperrt? Wie ist die Wegebeschaffenheit? Auf welchem Weg rollt es sich am besten durchs Lausitzer Seenland? Die Nachfragen kommen auf Russisch, Tschechisch und Englisch. Dass jeder eine fundierte Auskunft erhält und sich auch bei Hochbetrieb und vollem Laden im Sommer nicht abgefertigt fühlt, das ist der Anspruch der Tourist-Chefin. Den Radler, der nach Feierabend vor der Tür mit der Frage nach einem Quartier stoppt, nicht wegzuschicken, gehört ebenso dazu. Was viele nicht wissen: Zum Angebot der Tourist-Information gehört auch der Verleih von 20 Rädern.

Zum Schiff und zu den Radwegen kommen noch die Zimmervermittlung, die Ferienwohnungen, der Ticketverkauf für die Dampflok bis zum Helene-Fischer-Konzert, rund 10 000 zu beantwortende Anfragen per Telefon und E-Mail im Jahr, Stadtführungen, Busbegleitungen, Messen und der Souvenirverkauf.

Wer so eng über zwei Jahrzehnte mit Prospekten, Ferienjournalen, Übersichts- und Radwanderkarten gelebt hat, der kann auch im Ruhestand nicht von 100 auf null herunterschalten. Astrid Freitag jedenfalls hat schon mal angeboten, die Kollegen in der Hochsaison zu unterstützen. Im Stadthafen-Büro zum Beispiel. Dort will sie mit viel Herzblut weiter für die Seenland-Gäste da sein.

Zum Abschied Ende Mai hat sie eigentlich nur einen Wunsch: Wenn es klappt, dass Senftenberg anerkannter Erholungsort wird, dann habe sich auch ihre Mission erfüllt.