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| 21:42 Uhr

Eindringlicher Appell von Carsten Stahl an der Bernhard-Kellermann-Oberschule
Fast alle Schüler erleiden und betreiben Mobbing

Carsten Stahl gibt Anti-Mobbing-Seminare vor Schülern und war jetzt für zwei Projekttage auch an der Bernhard-Kellermann-Oberschule in Senftenberg zu Gast, um über psychische Gewalt aufzuklären.
Carsten Stahl gibt Anti-Mobbing-Seminare vor Schülern und war jetzt für zwei Projekttage auch an der Bernhard-Kellermann-Oberschule in Senftenberg zu Gast, um über psychische Gewalt aufzuklären. FOTO: LR / Anja Hummel
Senftenberg. Mit lauter Stimme appelliert Carsten Stahl bei den Projekt-Tagen der Bernhard-Kellermann-Oberschule in Senftenberg an Schüler und Lehrer, das Problem Mobbing ernst zu nehmen und etwas dagegen zu tun. Seine Ansprache ist eindringlicher, als es die der Lehrer je sein könnte. Von Daniel Roßbach

Fast alle Schüler, die in der Turnhalle der Senftenberger Oberschule versammelt sind, heben die Hand. Sie antworten damit auf eine Frage von Carsten Stahl, dem als TV-Persönlichkeit bekannt gewordenen Anti-Mobbing-Aktivisten, der die Schüler in seinem Vortrag immer wieder direkt anspricht und einbezieht. Die Frage lautet nicht, wer es gut fände, wenn es seltener zu Mobbing käme; oder wer einsieht, dass es den Opfern von Mobbing schlecht geht. Und auch nicht, wer selbst schon Beleidigungen, tätlichen Angriffe, Lästern ausgesetzt war oder ausgelacht wurde. Was die Schüler zugeben, ist dass sie selbst schon einmal Dinge getan haben, die in letzter Konsequenz Mobbing sind.

Carsten Stahl dringt auf eine Weise zu den Kindern durch, die ihm auf solche provokanten Fragen von vielen Jugendlichen trotzdem sehr ehrliche Antworten einbringt. Das ist die Stärke seines hoch-emotionalisierten Vortrags und der Grund, warum Schulleiterin Ilona Just und Schul-Sozialarbeiterin Veronika Pohl ihn an die Senftenberger Schule eingeladen haben. Stahls Ansprache an die Schüler ist ganz darauf angelegt, dass er eben kein Lehrer, Mitarbeiter der Bildungsinstitutionen oder politisch Verantwortlicher ist, sondern ein Mensch wie die Schüler selbst. Und er ist jemand, der selbst erlebt hat, wie es ist, unter gewalttätigem Mobbing zu leiden.

Dieses Erleben ist der Kern seiner Kampagne. Von ihr ausgehend versucht er, den Jugendlichen deutlich zu machen, dass es nicht lustig ist, beleidigende Worte zu verwenden, egal mit welcher Absicht. Stahl lässt die Schüler Beleidigungen, die sie kennen, aufzählen. „Arschloch“, „Schlampe“ und „Hurensohn“ sind dabei noch nicht die schlimmsten. Wie verletztend aber schon das ist, macht er anhand seiner eigenen Erfahrung deutlich.

Viel von dem, was der Anti-Mobbing-Aktivist an diesem Morgen sagt, zielt darauf ab, dem Problem Mobbing jene Priorität zu geben, die es verdient. Deshalb wiederholt Stahl immer wieder, dass sich in Deutschland aller zwei Tage ein Kind oder ein Jugendlicher wegen Mobbings umbringe. Im Jahr 2015, dem letzten, für das es Statistiken des  Bundes gibt, gab es 215 Suizide von Menschen unter 20. Wie viele davon tatsächlich auf Mobbing zurück gehen, lässt sich kaum genau oder verlässlich sagen. Dass Mobbing aber ein großes Problem ist, wird glaubwürdig, wenn man beobachtet, wie die Kinder in der Schulturnhalle auf Stahls Vortrag reagieren. Und wenn man sieht, wie viele von Ihnen sich auch dann melden, wenn sie gefragt werden, ob sie selbst aus solchen Gründen schon einmal Selbstmord-Gedanken hatten.

„Wir wissen, dass es Mobbing auch an unserer Schule gibt. Aber dass 90 Prozent der Schüler betroffen sind - davon bin ich doch sehr überrascht“, sagt Schulleiterin Ilona Just darüber, wie viele ihrer Schüler eingestanden hatten, Mobbing erlebt und auch selbst in der ein oder anderen Weise betrieben zu haben. Trotz dieses Bewusstseins sei es für Lehrer und Betreuer aber schwer, einen verlässlichen Überblick darüber zu gewinnen oder alle Fälle zu bemerken.

Carsten Stahl ließ Schüler Beleidigungen sammeln, um ihnen dann aufzuzeigen, wie groß der Schaden ist, den sie anrichten
Carsten Stahl ließ Schüler Beleidigungen sammeln, um ihnen dann aufzuzeigen, wie groß der Schaden ist, den sie anrichten FOTO: LR / Daniel Roßbach

Die Lehrer und Referent Stahl sind sich einig, dass das Internet und wie Kinder sich darin bewegen Teil des Problems ist. Weil Mobbing zumindest teilweise auch in digitaler Kommunikation stattfindet, ist es für Lehrer oder auch Eltern oft schwer zu beobachten. Die neuen Medien sind demnach ein Kanal, in dem etwas stattfindet, das es auch schon gab, bevor sie aufkamen. Stahls eigener, schwerwiegender Fall von Mobbing trug sich schließlich zu, als es sie noch nicht gab.

Zum Teil gilt ähnliches auch für den Zusammenhang von Mobbing und Rassismus. Stahls Auftritt findet an der Kellermann-Oberschule im Rahmen des Projekts „Schule ohne Rassismus – Schule ohne Gewalt“ statt, und unter den Beleidigungen, die Schüler aufzählen und die eine ganze Seite füllen, sind neben schwulenfeindlichen auch rassistische und antisemitische. Mobbing kann sich in rassistischen Angriffen äußern, und rassistische Einstellungen können zu Mobbing führen – wenngleich, wie Sozialarbeiterin Veronika Pohl deutlich macht, nicht jeder Konflikt zwischen Schülern unterschiedlicher Herkunft mit Rassismus zu tun hat.

Dass die Schüler auch auf sehr persönliche Fragen eingehen, liegt augenscheinlich daran, dass Stahl sie auf einer sehr persönlichen Ebene anspricht. Seine Schilderung des Falls eines Kindes, das von älteren Mitschülern täglich drangsaliert und über Monate misshandelt wird, ist drastisch. Seine ganze emotionale Kraft entwickelt sich, als Stahl ruft: „Das war ich!“

Mit dem Eingeständnis, selbst Opfer von Mobbing und Gewalt gewesen zu sein, möchte Stahl die Angst davor nehmen, sich anderen anzuvertrauen. Opfer zu sein, sei keine Schwäche oder Schande. Gerade die Glaubwürdigkeit dieser Botschaft lebt auch von Stahls dominanter Persönlichkeit, die er in keinem Moment zurück hält.