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| 15:04 Uhr

Traditionen in der Stollenbäckerei
Buttern und zuckern erst daheim

Christa Nasdal bringt ihre Zinkbadewanne mit dem zu Hause vorbereiteten Stollenteig zu Hosenas Bäckermeister Ray Fechler. Die Tradition gehört seit knapp 50 Jahren für die 82-Jährige zur Adventszeit.
Christa Nasdal bringt ihre Zinkbadewanne mit dem zu Hause vorbereiteten Stollenteig zu Hosenas Bäckermeister Ray Fechler. Die Tradition gehört seit knapp 50 Jahren für die 82-Jährige zur Adventszeit. FOTO: Steffen Rasche
Hosena. Ein fast ausgestorbenes Ritual in der Vorweihnachtszeit wird in Hosena noch gepflegt. Immer weniger Frauen bringen ihren zu Hause vorbereiteten Stollenteig zu Bäckermeister Ray Fechler. Von Andrea Budich

Badewannen und Waschschüsseln voller Stollenteig in der Backstube und jedes geknetete Gemisch nach einem anderen gut gehüteten Familienrezept - diese Zeiten sind so gut wie vorbei. Mit Wehmut denkt Bäckermeister Ray Fechler (52) an Jahre zurück, als in der kleinen Backstube noch richtig etwas los war und aus den Badewannen die Fähnchen der Stollenzeichen mit den Namen der Erschaffer heraus blitzten. „Damals musste mein Vater Eberhard nach exaktem Plan Termine vergeben und sogar samstags den Kohleofen anwerfen, um dem großen Andrang überhaupt gerecht werden zu können“, erinnert er sich. 300 Hausfrauen brachten in den besten Jahren zu DDR-Zeiten ihren Stollenteig zum Backen in die Bäckerei. Ganz früher vor dem Krieg haben bei Opa Ernst sogar die Lehrlinge die fertigen Stollen zu den Leuten nach Hause gebracht. Mit dem Einstieg von Ray Fechler zum Beginn der 1980er-Jahre waren es noch um die 150 Kunden, die das Stollenback-Ritual pflegten. Heute sind höchstens noch zehn bis 20 Frauen aus Hosena, Hohenbocka und Lauta davon übrig geblieben. „Mit der älteren Generation stirbt dieses Ritual aus“, sagt Ray Fechler. Und damit auch ein Stück Firmengeschichte. Denn die Hausbäckerei zur Weihnachtszeit lebt seitdem die Bäckerei Fechler am 12. Dezember 1927 gegründet wurde. Damals hatte Opa Ernst für das Stollengeschäft bei einem Schmiedemeister in Hosena extra 50 Spezialbleche mit doppeltem Boden in Auftrag gegeben, damit die Hitze nicht so stark an den Stollenboden gelangen kann. Dass jetzt nach 90 Jahren das eingeschworene Back-Ritual Jahr für Jahr immer mehr verblasst, macht den Bäckermeister traurig.

Umso mehr sind in seiner Backstube Hausfrauen willkommen, die an der Tradition festhalten. Christa Nasdal aus Hosena gehört dazu. Für ihren Stollenteig nach altem sächsischen Familienrezept steht die 82-Jährige um 4 Uhr morgens auf. Was genau reinkommt in die große Zinkbadewanne, verrät sie nicht. Nur soviel: 8 Pfund Mehl, Zucker, Zitronat, Butter, Rosinen, Mandeln, Hefe, Schweine- und Butterschmalz. Damit das Mehl schön warm ist, stellt sie es in der Badewanne vor die Heizung, bevor Milch und Hefe dazu kommen. Mit dem Kneten muss sie sich seit zwei Jahren nicht mehr Schinden. Den Knochenjob hat inzwischen Schwiegersohn Jörn übernommen.

Ihren Stollenteig bringt Christa Nasdal seit 1968 zu Fechlers. Dabei war es zu DDR-Zeiten mitunter recht abenteuerlich, die edlen Zutaten pünktlich vor der Adventszeit in den Küchenschrank zu bekommen. „Mein Mann war beruflich unterwegs. Losgefahren ist er immer mit meinen Spezialaufträgen“, erzählt sie. Nach Rosinen und Mandeln hat sie oft im Dorfkonsum Schlange gestanden. Noch schwieriger war es, ans Zitronat ran zukommen. Bäckermeister Ray Fechler erinnert sich noch gut an Kunden, die dafür grüne Tomaten mit Zucker aufkochten. „Das sah nicht nur ähnlich aus. Auch der Geschmack passte“, plaudert er aus dem Bäckerei-Nähkästchen. Vom Vater weiß er, dass die Frauen nach dem Krieg Kürbis in den Teig rieben, um mehr Masse zu erhalten.

Christa Nasdal schwört auf den ganz besonderen Geschmack der eigenen Weihnachtsstollen. „Sie sind schön saftig, aber trotzdem nicht zu schwer“, verrät sie. Der erste wird nach dem Buttern und Zuckern in großer Familienrunde traditionell am ersten Advent angeschnitten. In das alte Familienrezept ist Tochter Peggy inzwischen eingewiesen. „Sie wird es später weiter machen“, zeigt sich Christal Nasdal erleichtert. Was natürlich auch den Bäckermeister freut.