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Buchwalder Paar hält eisern zusammen

Elfriede und Heinz Fliegner haben sich in der Hofkolonne des Eisenwerkes das erste Mal gesehen und feiern heute eiserne Hochzeit.
Elfriede und Heinz Fliegner haben sich in der Hofkolonne des Eisenwerkes das erste Mal gesehen und feiern heute eiserne Hochzeit. FOTO: Rasche/str1
Senftenberg. Elfriede (86) und Heinz Fliegner (93) haben die harte Lebensschule gut gemeistert, weil sie als Ehepaar und Familie eisern zusammenhalten. In guten wie in schlechten Zeiten. Am heutigen Mittwoch sind die Buchwalder 65 Jahre glücklich verheiratet. Kathleen Weser

Mit 86 Jahren ist Elfriede Fliegner aus Senftenberg zwar körperlich lange nicht mehr so mobil wie früher. "Aber ich bleibe in Bewegung", versichert sie. Dafür sorgt auch Ehemann Heinz, der mit seinen 93 Jahren auf dem gepflegten Grundstück in Buchwalde noch höchstselbst auf die Leiter steigt, um dem Efeu am Haus einen ordentlichen Schnitt zu verpassen. "Vor allem die Kinder schimpfen dann mit mir", erzählt er mit dem sichtlich missglückten Versuch, dabei ein leicht zerknirschtes Gesicht zu machen. Denn er ist von erfrischend froher und zäher Natur. Heinz Fliegner will noch immer mehr, als die Knochen zulassen. Aber der Nachwuchs passt auf.

Sechs Kinder und Schwiegerkinder, in Kürze 15 Enkel und drei Urenkel gehören zur Familie. Und die hält eisern zusammen, obwohl es einige der Arbeit wegen auch bis in die Schweiz und Österreich verschlagen hat. Die eiserne Hochzeit wird mit allen gefeiert.

Von Herzen Senftenberger

Elfriede und Heinz Fliegner sind Ur-Lausitzer. Sie ist in Hörlitz geboren, er in Schmogrow - aber in dem Dorf seit der Kindheit nicht mehr gewesen. Das Paar fühlt sich aus vollstem Herzen als Senftenberger.

Im November 1948 hat Heinz Fliegner, gerade aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, die hübsche Elfriede Selling für sich entdeckt. "In der Hofkolonne des Eisenwerkes", erzählt er. Beide hatten dort eine Arbeit gefunden. Auf Spaziergängen und bei Kino-Besuchen hat es dann gefunkt. Kräftig, wie Fliegners bestätigen. Am 15. April 1950 haben sie standesamtlich, später noch kirchlich, geheiratet - und sich in verdammt schweren Jahren ein gemeinsames Leben aufgebaut.

"Wir selbst hatten nichts", erzählt Heinz Fliegner. Im Jahr 1941 war er mit 21 Jahren zu einer in Spremberg stationierten Panzerdivision der Wehrmacht eingezogen worden. Ein Jahr später war der behütet neben der Molkerei in Senftenberg aufgewachsene Fliegner schon in Stalingrad. Vor dem harten Kriegswinter, der viele Soldaten dort das Leben gekostet hat, hatte Heinz Fliegner großes Glück im Unglück. Der Kradmelder wurde durch Splitter schwer verletzt und mit einer der letzten dort noch startenden Ju (Flugzeug der Junkers Flugzeugwerk AG Dessau) ausgeflogen. Im Lazarett in Frankreich und Österreich hat der Senftenberger - auch entgegen dem Rat der Ärzte - alles daran gesetzt, schnell wieder gesund zu werden. "Ich hatte Heimweh und wollte unbedingt zurück nach Senftenberg", erzählt der Senior. Doch die Soldaten, die wieder auf die Beine gekommen waren, wurden zurück an die Front geschickt. Heinz Fliegner nach Italien und Rumänien, wo er gefangen genommen und in ein Lager bei Stalingrad gebracht wurde. Drei Jahre hat er dort in einem Traktorenwerk der Russen gearbeitet und auch als Besiegter unter den Siegern Menschlichkeit erfahren. "Als ich dort aus der Werkhalle eine Glühbirne für das Lager habe mitgehen lassen und von einem jungen Wachmann auf der Suche nach Diebesgut abgetastet wurde, habe ich gedacht, jetzt ist es vorbei", erzählt Heinz Fliegner. Aber der Russe, der die gestohlene Lampe sehr wohl bemerkt hatte, sagte nichts.

Vor allem die Kinder danken

Der Glaube an das Gute im Menschen und das Vertrauen auf die Kraft der eigenen Arbeit haben Fliegners zusammengeschweißt. Als das erste Haus des Paares in der Senftenberger Schulstraße dem Wohnungsbauprogramm und damit einem Plattenbau weichen musste, hat das Ehepaar in Buchwalde neu angefangen. Mit kleinen Kindern, fünf Jungen und einem Mädchen. Im Herzen trägt das Paar auch Tochter Gabriele, die nur einige Stunden alt geworden war.

Heinz Fliegner hat beruflich schließlich in den Bergbau gewechselt - erst auf den Bagger in Niemtsch, dann auf den Führerstand von Kohlezügen. Ehefrau Elfriede hat, nachdem die Kinder aus dem Gröbsten heraus waren, bei der Stadt gearbeitet. Haus, Hof und der große Garten gehören bis heute dazu. Obst und Gemüse verarbeitet die Hausfrau noch immer für die ganze Großfamilie. Dass die Jubilare immer für diese da sind, dafür danken vor allem heute die Kinder.