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Brustgrapscher bleibt ungesühnt

Landgericht Cottbus
Landgericht Cottbus FOTO: Michael Helbig
Cottbus/Senftenberg. Ein sexueller Übergriff eines Honorarlehrers (41) auf eine 15-jährige Schülerin an der Musikschule Oberspreewald-Lausitz bleibt rechtlich ungeklärt und ungesühnt. Das Landgericht Cottbus hat das Strafverfahren gegen den Beschuldigten, der den Job sofort losgeworden war, eingestellt. Kathleen Weser

Das Landgericht Cottbus hat das Strafverfahren in zweiter Instanz wegen des sexuellen Übergriffs eines Musiklehrers auf eine Klavierschülerin in Senftenberg vorläufig und gegen Auflagen eingestellt. Der Richter kassierte damit ein vorausgegangenes Urteil des Amtsgerichts Senftenberg wegen einer rechtlichen Grauzone.

In erster Instanz war der 41-Jährige noch des sexuellen Missbrauchs einer Schutzbefohlenen schuldig gesprochen und zu sechs Monaten Haft, ausgesetzt zur zweijährigen Bewährung, verurteilt worden. In erster Instanz hatte der Jugendrichter vor nunmehr zwei Jahren nach der Zeugenaussage des begrapschten Opfers "keinerlei Zweifel daran", dass die inzwischen junge Frau "nichts als die Wahrheit" ausgesagt hatte.

Die Klavierschülerin hatte berichtet, dass der Lehrer ihr während des Einzelunterrichts am Klavier in den Ausschnitt des T-Shirts und weiter unter den Büstenhalter an die nackte linke Brust gefasst habe. Fluchtartig hatte das Mädchen daraufhin die Musikschule verlassen.

In Text-Nachrichten per Telefon hatte sich der Musiklehrer noch am Abend des Tattages mit entschuldigenden Worten und der Versicherung, künftig gebührend Abstand zu halten, bei der Schülerin gemeldet.

Das von Ermittlern der Polizei ausgelesene Handy der damals Minderjährigen hatte dann auch einen regen Schriftwechsel offenbart, der nachweislich immer wieder einseitig von dem Lehrer ausgegangen war und die Grenze eines normalen Verhältnisses zu einer Schülerin überschritt. Das Mädchen hatte dies zunächst gar nicht verstanden und später aus falschem Respekt gegenüber dem Erwachsenen versucht, unverfänglich zu antworten und verbal Abstand zu halten.

Der Beschuldigte bestreitet die Tat und hat vor dem Richter von seinem Recht zu schweigen Gebrauch gemacht. Sein Verteidiger legte Veto gegen das Urteil des Amtsgerichts Senftenberg ein, das bei erlangter Rechtskraft eine Eintragung im Führungszeugnis des Lehrers zur Folge hätte. Diese wiederum ließ befürchten, dass er an einer staatlichen Schule nicht wieder unterrichten dürfte.

Dafür hat das Opfer des Übergriffs die Tortur vor den Gerichten durchgestanden. "Ich will nur, dass er zugibt, was er getan hat und die Verantwortung dafür übernimmt", erklärt die junge Frau vor der Berufungsverhandlung am Landgericht Cottbus.

Weil ihr ehemaliger Klavierlehrer in der Sache eisern schweigt, hatte sie schon vor dem Jugendrichter jedes Detail des sexuellen Übergriffes in einer länger als eine Stunde andauernden Vernehmung in öffentlicher Verhandlung erzählen und erneut durchleben müssen - und dies erstaunlich wacker, aber teilweise auch mit Tränen erstickter Stimme getan.

Und sie ist gewillt, die Qual vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Cottbus unter Vorsitz von Richter Christian Fisch nochmals auf sich zu nehmen. Doch zur erneuten Beweisaufnahme in dem Missbrauchsfall kommt es erst gar nicht.

Den Antrag des Verteidigers, während der Verhandlung zum Schutz der Intimsphäre und schutzwürdiger Interessen des angeklagten und "Anfeindungen ausgesetzten" Lehrers die Öffentlichkeit auszuschließen, weist der Richter zurück.

Aber ein gravierendes rechtliches Problem arbeitet unabhängig von einer erneuten Beweisführung bereits für den Beschuldigten: Der Rechtsbegriff von Schutzbefohlenen erfasst lediglich Minderjährige, die einem Lehrer zur Erziehung und/oder Betreuung in der Lebensführung anvertraut sind.

Musikschüler sind dies auch der höchst richterlichen Rechtsprechung zufolge ausdrücklich nicht. Die Nebenklägerin ist dem Angeklagten demnach nicht zur musikalischen Ausbildung anvertraut gewesen. Dieser Brustgrapscher, so er in der erneuten Hauptverhandlung in zweiter Instanz nachgewiesen worden wäre - betont der Richter, kann also nicht geahndet werden. Denn der Honorarlehrer könne "kein tauglicher Täter" sein.

Zur Zeit des Vorfalls vor vier Jahren sei noch ein anderes Strafrecht angewendet worden. "Nach heutigem Recht wäre eine strafrechtliche Verurteilung ganz einfach", stellt Strafrichter Christian Fischer fest. Der Bundestag hat vor genau einem Jahr das deutlich verschärfte Sexualstrafrecht auf den Weg gebracht.

Demnach wird sexuelle Gewalt nach dem Grundsatz "Nein heißt Nein" leichter geahndet. Strafbar ist nun über mit Gewalt oder Gewalt androhung erzwungenem Sex hinaus auch, wenn sich der Täter über den "erkennbaren Willen des Opfers hinwegsetzt". Schon das "bloße Anfassen" sei heute - auch im Fall der Klavierschülerin, so der Richter - "ohne Weiteres strafbar".

Aber das strafverschärfende Gesetz kommt für die junge Frau zu spät. Die Senftenbergerin bekommt eine harte und bereits überholte Lehrstunde zum Unterschied von Recht und Gerechtigkeit. Das Verfahren gegen ihren Peiniger wird gegen die Auflage, 500 Euro Schmerzensgeld zu zahlen und 50 Stunden gemeinnützige Arbeit abzuleisten, eingestellt.

Die Nebenklägerin verlässt den Gerichtssaal sprachlos und weinend. Der Musiklehrer geht nach ihr - mit weißer Weste.