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| 14:40 Uhr

Neues Angebot
Blinde entdecken Senftenberg

 Hier präsentieren Peter und Hedwig Fritsch (2.v.r.) ihr Gerät, das die neue sprechende Stadtführung ermöglicht. Mit dabei sind Kathrin Winkler (r.) und Diana Lesche vom Tourismusverband Lausitzer Seenland.
Hier präsentieren Peter und Hedwig Fritsch (2.v.r.) ihr Gerät, das die neue sprechende Stadtführung ermöglicht. Mit dabei sind Kathrin Winkler (r.) und Diana Lesche vom Tourismusverband Lausitzer Seenland. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Senftenberg. Ab sofort können sich sehbehinderte Menschen durch die Seestadt führen lassen. Von Torsten Richter-Zippack

Es gibt verschiedene Stadtführungen durch Senftenberg. Bei manchen Touren steht die Stadtentwicklung im Fokus, bei anderen die Kulinarik. Doch blinde und sehbehinderte Menschen profitieren davon in der Regel nicht. Seit Kurzem ist das anders. Denn eigens für Blinde und Sehbehinderte ist ein spezieller, zweiteiliger Stadtrundgang entwickelt worden.

Als Ausgangs- und Zielort fungiert das Parkhotel am Steindamm. Von dort geht es zum Markt und weiter zur Peter-und-Paul-Kirche. Route Nummer zwei führt zur Festung. Wer die Führungen mitmachen will, benötigt dazu keinen Stadtführer aus Fleisch und Blut. Ein kleines Gerät, nur wenig größer als ein Smartphone, reicht aus. In dieses Milestore, so dessen Bezeichnung, wird eine winzige elektronische Karte mit den entsprechenden Informationen geschoben, und schon kann es losgehen.

„Der Stadtrundgang funktioniert auf zwei Ebenen“, erklärt Mitentwicklerin Hedwig Fritsch. „Zum einen wird dem Gast das Gelände erklärt. Beispielsweise, ob er über Pflaster oder über glatte Oberflächen läuft. Wo Gebäude anfangen und enden. Wo Zäune sind. Oder hinderliche Fahrradständer. Zum anderen gibt es interessante Angaben zu den Sehenswürdigkeiten, beispielsweise dem Senftenberger Schloss.“

Die Großräschener Pensionärin ist bereits seit dem Kleinkindalter blind. Mit ihrem Mann Dr. Peter Fritsch teilt sie dieses Schicksal. Der promovierte Chemiker berichtet, dass dem Paar die Idee zum Stadtrundgang für Blinde und Sehbehinderte in Senftenberg während eines Ostsee-Urlaubs gekommen sei. Im Ostseebad Boltenhagen gebe es bereits einen entsprechenden Ortsrundgang.

Hedwig Fritsch hat bereits mehrere Stadtspaziergänge erarbeitet. Dazu gehört eine Tour vom Senftenberger Bahnhof bis zum Landratsamt am See. Eine weitere verläuft vom Seehotel Großräschen bis zu den IBA-Terrassen. „Es handelt sich dabei aber lediglich um reine Wegbeschreibungen ohne touristische Informationen“, schränkt die ehemalige Programmiererin ein.

Einen Verbündeten haben die Großräschener mit dem Tourismusverband Lausitzer Seenland gefunden. „Schließlich sind wir Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft barrierefreie Reiseziele in Deutschland“, sagt Geschäftsführerin Kathrin Winkler.

Die Touristiker sind sich aber bewusst, dass die Angebote für Menschen mit Handicap keine Gästemassen in die Landschaft im Wandel bringen. „Wir bedienen dabei eine Nische am Reisemarkt. Aber diese Besucher sind uns ebenso herzlich willkommen“, betont Winkler. Nicht zuletzt stiegen auch Anfragen nach entsprechenden Angeboten in den Tourist-Informationen des Seenlandes.

Kathrin Winker sagt aber auch, dass die örtlichen Touristiker mit dem Stadtrundgang für Sehbehinderte und Blinde Neuland betreten. Ein solches Angebot gebe es in der Region bislang kein zweites Mal. Allerdings gebe es im Gebiet des Tourismusverbandes durchaus weitere Protagonisten, die direkt auf diese Menschen zugeschnittene Angebote bereithalten. Winkler verweist dabei auf den Ostdeutschen Rosengarten in Forst. Das Ensemble verfüge über tastbare Parkführer. Und das Senftenberger Stadtmodell neben dem Rathaus können sich Betroffene mittels der Blindenschrift erschließen.

Manfred Müller von der Bezirksgruppe Senftenberg des Blinden- und Sehbehinderten-Verbandes schätzt, dass es in der Region mehr als 100 Blinde oder Sehbehinderte gibt. Seine Bezirksgruppe zählt derzeit 26 Mitglieder. „Wir begrüßen die extra auf uns zugeschnittene Stadtführung außerordentlich. Wir können uns auch eine Erweiterung und Verfeinerung des Angebotes vorstellen.“

Hedwig Fritsch weist indes auf ein Problem im Zuge des neuen Stadtrundganges hin: „Am Parkhotel, dem Ausgangs- und Zielpunkt unserer Touren, müsste ein Überweg oder eine Ampel eingerichtet werden. Denn das Überqueren des dortigen, viel befahrenen Steindamms dürfte nicht nur für uns Blinde und Sehbehinderte eine Herausforderung sein.“